Johann Osmer und Egon Riess haben mit ihrer Band früher beim Jugendtanz gespielt

„Harpstedt? Kenn ich, da ist doch der ,Sonnenstein'!“

„Black Birds“ hieß die Beat-Band, als sie sich gründete. Von links: Egon Riess, Harry Schröder, Johann Osmer und Wolfgang Thiele sowie – davor sitzend – Günter Osmer.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Harpstedt? Kenn ich. Das liegt doch da, wo der ,Sonnenstein' ist“, vernahm Egon Riess einst sogar im Türkei-Urlaub. Aber beileibe nicht nur dort. Vielerorts findet der Flecken noch heute in einem Atemzug mit dem „Stein“ Erwähnung. Die Bekanntheit der früheren Dorfdisco, die demnächst im Museumsdorf Cloppenburg ein „zweites Leben“ geschenkt bekommen soll, verblüfft Riess genauso wie Johann Osmer. Beide Harpstedter verbindet eine gemeinsame Musiker-Vergangenheit. Als Mitglieder der Band „Les frères Jeans“, die als „Black Birds“ aus der Taufe gehoben worden war, spielten sie in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre sonntagsnachmittags und -abends beim Jugendtanz im „Stein“.

Heute sind sie fast Nachbarn; in den 1960er-Jahren musizierten Egon Riess (links) und Johann Osmer Seite an Seite in der Combo „Les frères Jean“. 

„Das war schon eine tolle Zeit“, denkt Osmer gern an die Beat- und Flower-Power-Ära zurück. Auch privat verbrachten Riess und er etliche Nächte in „Hasselmanns Tanzpalast“. Unter diesem inoffiziellen Zweitnamen firmierte der „Stein“ gelegentlich in Vor-Disco-Zeiten, als der Betreiber noch Johann Hasselmann hieß. „Wir haben dort Cola-Weinbrand in uns reingeschüttet, das seinerzeit typische Musikergetränk“, entsinnt sich Osmer. Heute können er und Riess „das Zeug nicht mehr sehen“.

Wer als junger Mann in den „Stein“ wollte, musste Schlips tragen. Wer keinen hatte, bekam einen von Hasselmann, der über einen ordentlichen Fundus zum Ausleihen verfügte. Selbst Männern in Arbeitsklamotten soll er Zutritt gewährt haben. Nur eben nicht ohne Krawatte.

„Soldaten aus Wildeshausen und aus der ehemaligen Muna haben in den 1960-ern den ,Stein' bevölkert und ihn oft ganz schön aufgemischt“, weiß Osmer. Zwischen den Amerikanern und den Fallschirmjägern habe es so manche Prügelei gegeben; Feldjäger und US-Militärpolizei seien sehr präsent gewesen. Johann Hasselmann habe es aber auch selbst verstanden, ausartenden Streitigkeiten Einhalt zu gebieten, erzählt Riess. „Wenn er die rechte Hand in der Tasche hatte, dann wusstest du Bescheid. Da war Pfeffer drin.“ Und davon habe der eine oder andere in Prügeleien verwickelte Soldat schon mal eine Ladung ins Gesicht bekommen. „Hasselmann war für uns als Band ein Gönner. Durch unsere guten Beziehungen zur Hausband des ,Steins', zu den ,Norman's Four', pflegten wir auch einen guten Kontakt zu ihm. Er bot uns an, bei ihm zu üben, so oft wir wollten“, erzählt Osmer. Riess erinnert sich, dass Klaus Pollack, Bandleader der „Norman's Four“, Hasselmann vorgeschlagen hatte, Jugendtanz im „Stein“ anzubieten und „die Jungs“ dabei spielen zu lassen. So kam die Gruppe zu den sonntäglichen Auftritten.

„Fix und Foxi“-Hefte hatten Osmer dabei geholfen, Gitarre zu lernen. „Da standen Akkorde und Griffe drin, die du brauchst, um Lieder begleiten zu können“, erzählt er. Albert Kirsch, Musiklehrer aus Bremen, hatte die Gründung der Band angeregt. Er bot an, sie ein bisschen zu managen, und schlug ihr vor, gelegentlich bei ihm zu spielen. Er fädelte auch das erste Engagement im „Uphuser Krug“ der Familie Murken ein. „Ein Tanzlokal wie der ,Stein', aber uralt eingerichtet. Da haben wir das erste Mal gespielt und dann, als wir süchtig danach geworden waren, jedes Wochenende“, sagt Johann Osmer.

Platz drei bei der „Beatmeisterschaft“

Zum Üben stellte Peter Strachowitz der Combo oft den Saal der „Marktschänke“ in Harpstedt (heute „Charisma“) zur Verfügung. „Irgendwann wollte er das aber nicht mehr, weil zu viele Leute kamen. Als sich rumgesprochen hatte, dass wir da probten, hingen da schon mal 40 oder 50 mit uns rum“, sagt Egon Riess. Er zupfte den Bass. Günter Osmer schwang am Schlagzeug die Drumsticks. Dessen Bruder Johann sowie Wolfgang Thiele und Burkhard Israel sorgten für einen kernigen Gitarrensound. Harry Schröder komplettierte als Sänger die Combo, der zeitweise auch Gitarrist Lutz Poppe angehörte. Die Band spielte alles, was ihr Publikum hören wollte – Titel der Stones und der Beatles, von Creedence Clearwater oder Herman’s Hermits. „Als wir später in Stegemanns Hotel in Wildeshausen auftraten, hatte sich die Musik schon ein bisschen geändert. Zu jener Zeit waren auch Instrumentals von den Shadows oder den Spotnicks angesagt“, weiß Johann Osmer. Zu Renate Kern pflegte die Band nach seinen Worten „einen guten Draht“. Das Schlagersternchen aus Wildeshausen fand im „Stein“ ihr Karrieresprungbrett, schlug später als Country-Sängerin Nancy Wood eine andere musikalische Richtung ein, verfiel ab Ende der 1980er-Jahre in Depressionen und beging 1991 Suizid in Hoyerswege.

Gastronomen buchten „Les frères Jean“ für ganze Wochenenden. Im Gewerkschaftshaus in Delmenhorst spielten sie sogar mal im Vorprogramm der Rattles um Frontmann Achim Reichel. Als die Bundeswehr rief und mehrere Mitglieder Wehrdienst leisten mussten, war's schnell vorbei mit der gemeinsamen Mucke. „Man konnte ja plötzlich nichts mehr planen“, erinnert sich Egon Riess. „Das Größte, was wir mitgemacht haben, war die Norddeutsche Beatmeisterschaft in der Oldenburger Weser-Ems-Halle“, sagt er. Die Jungs müssen gut gewesen sein: Unter 36 Bands belegten sie Platz drei. Im „Stein“ gab es hingegen früher jeden Monat einen Sängerwettstreit mit großer Beteiligung. Dort wurde also sozusagen das, womit Dieter Bohlen heute ein Millionenpublikum vor die Fernseher lockt, vorweggenommen. Getreu der Devise „,Sonnenstein' sucht den Superstar“, flachst Riess.

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