Stefan Wachholder (CDU) ist probeweise im Schulbus mitgefahren

„Haltestellentourismus sollte besser unterbleiben“

Nach seinem „Selbstversuch“ sprach CDU-Ratsherr Stefan Wachholder (r.) mit DHE-Geschäftsführer Harald Wrede (Mitte) und dessen Stellvertreter Bernhard Springer über die Schülerbeförderung und das Haltestellentourismus-Problem. - Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Die Fahrschüler, die morgens zu den weiterführenden Schulen nach Wildeshausen gebracht werden, steigen beileibe nicht immer an der Haltestelle mit der geringsten Entfernung zu ihrem Wohnort ein.

„Das torpediert unser Beförderungssystem“, geben der Geschäftsführer der Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahn (DHE) GmbH, und sein Stellvertreter Bernhard Springer zu bedenken. Den „Haltestellentourismus“ hält Stefan Wachholder für Unsinn. Der CDU-Ratsherr hat selbst nach Eltern-Klagen über die Schülerbeförderung, die ihm zu Ohren gekommen waren, die „Probe aufs Exempel“ gemacht.

Am Dienstagmorgen schaute er sich zunächst in der Morgenstunde beim Harpstedter Bahnhof um. Dort stiegen 25 Jugendliche in den aus Bremen gekommenen, nicht mehr leeren Linienbus ein. Nur etwa ein Drittel dieser Schüler wohne aber im Umfeld des Bahnhofs; der große Rest sei von Eltern mit dem Auto „aus dem ganzen Ort“ gebracht worden – offensichtlich, um „die Wahrscheinlichkeit auf einen Sitzplatz fürs eigene Kind zu erhöhen“, vermutet Wachholder. 

Er selbst fuhr dann zur Haltestelle an der Schule und stieg dort um 7.15 Uhr in einen der Schulbusse nach Wildeshausen ein. Er habe problemlos einen Sitzplatz bekommen, und die Chance darauf sei, so sein Eindruck, größer als beim Bahnhof. Die Fahrt sei entspannt gewesen. Kein Kind habe stehen müssen. Es habe auch kein „Chaos beim Einsteigen“ gegeben. 

„Die Eltern sollten ihre Kinder einfach dort zusteigen lassen, wo sie von ihrem Wohnort her einsteigen müssten“, rät Wachholder – und erntet keinen Widerspruch im Gespräch mit der DHE-Geschäftsführung über seinen „Selbstversuch“.

Die Forderung, wonach jedem Schüler ein Sitzplatz aus Sicherheitsgründen zustehen müsste, kann der Ratsherr und stellvertretende Bürgermeister aus Eltern-Sicht gut nachvollziehen. Sie wird regelmäßig wiederholt. Und zwar nicht nur in Harpstedt. „Das Thema zieht sich durch Deutschland wie ein roter Faden“, sagt Wachholder. 

Harald Wrede erinnert sich an Eltern, die den Sitzplatzanspruch schon vor Jahren in Verden einklagen wollten. Sie seien damit vor Gericht gescheitert. Sollen Stehplätze in der Schülerbeförderung generell tabu sein, dann müsste der Bundesgesetzgeber dies in der „Verordnung über den Betrieb von Kraftfahrunternehmen im Personenverkehr“ (BO Kraft) verankern. 

Optional könnte natürlich auch der Landkreis mehr Geld für zusätzliche Busse locker machen. Vor Jahren habe der Kreis Oldenburg als Richtschnur vorgegeben, bei bis zu zehnminütiger Fahrt wäre eine Inanspruchnahme von 90 Prozent der gesetzlich zugelassenen Stehplätze noch tolerabel, und bei bis zu 20-minütiger Fahrt wäre eine Quote von maximal 75 Prozent akzeptabel, erinnert sich Wrede. 

„Da kommen wir aber heute gar nicht mehr hin“, sagt Springer. Geburtenrückgänge als Folge des demografischen Wandels haben die Zahl der Buskinder deutlich schrumpfen lassen – und damit auch das Gedränge in den Fahrzeugen. Springer berichtet von „ganz vielen Umläufen, bei denen mittlerweile überhaupt kein Schüler mehr stehen muss“.

„Kinder nicht über die Maßen behüten“

Im aktuellen Schuljahr ist – bei unverändert vielen Bussen – die Zahl der zu den allgemeinbildenden weiterführenden Schulen nach Wildeshausen zu befördernden Kinder und Jugendlichen gegenüber dem Vorjahr nahezu konstant geblieben. Unterm Strich sind aus der Samtgemeinde Harpstedt gerade mal drei hinzugekommen. Das ergab eine Nachfrage im Kreishaus.

„Wir haben genug Schulbuskapazitäten. Sollten die nicht mehr ausreichen, würden wir das schon von uns aus beim Landkreis beanstanden“, versichert Wrede. Beschwerden von Eltern gebe es zu Beginn jedes Schuljahres, „weil wir dann eben stets auch Kinder befördern, die noch nie Fahrschüler waren und zum Teil sogar noch nie zuvor Bus gefahren sind“, weiß Bernhard Springer. 

Nach hinten durchgehen, damit diejenigen, die nachrücken, sich nicht durchdrängeln müssen – solche sinnvollen Gepflogenheiten seien vielen Fünftklässlern anfangs fremd. Aber bei Kindern in ihrem Alter mache eben auch eine „Busschule“, wie sie Erstklässler durchliefen, keinen Sinn.

Dass es unter Fahrschülern eine „Hierarchie“ gibt, verhehlt Wrede nicht. Die Fünftklässler würden im Bus anfangs von den anderen als „die Kleinen“ betrachtet, aber „das spielt sich im Verlauf eines Schuljahres sehr schnell ein“. Wrede kann den Eltern nur empfehlen, ihre Kinder nicht über die Maßen zu behüten und sie ein Stück weit auch der DHE anzuvertrauen, der die Sicherheit bei der Schülerförderung als zertifiziertes Unternehmen außerordentlich wichtig sei. 

Springer pflichtet bei: „Ständig überfüllte Fahrzeuge würde unser Fahrpersonal gar nicht hinnehmen. Die Fahrer würden, weil sie sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst sind, ruckzuck bei uns auf der Matte stehen und es ablehnen, unter solchen Bedingungen zu fahren.“

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