Kultdisco „Sonnenstein“ wandert ins Museumsdorf Cloppenburg

Medienrummel zum Start der Mission „Stein“

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Fragen beantworten beim Schleppen: Hörfunkreporter Frank Jacobs (mit Mikrofon) löchert Mitstreiter der Koems-„Rentnerbänd“.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Die frühere Kultdisco „Sonnenstein“ wandert aus Harpstedt ins Museumsdorf Cloppenburg. Die Mission „Stein“ hat damit begonnen.

In jeder Ecke offenbart sich ein Stück Nostalgie.

Die Barhocker lassen sich noch recht bequem in den riesigen Sattelauflieger verfrachten, den Spediteur Hans Risch zur Verfügung gestellt hat. Anderes – weit sperrigeres – Inventar will mühevoll ausgebaut und herausgeschleppt werden. Manfred Maiwald macht sich mit einer Knarre am Fuß eines Hockers zu schaffen. Die vergammelten Schrauben leisten heftigen Widerstand. Für die beginnende „Leerung“ der ehemaligen Disco „Zum Sonnenstein“ inklusive Obergeschosswohnung fährt die Koems- „Rentnerbänd“ eine Sonderschicht. Es wird nicht die letzte bleiben.

Heinrich Sudmann und Werner Thomas stürzen sich mit zwei weiteren Helfern auf die gusseiserne Deko-Laterne, die zum Schutz der Verglasung oben mit Klebeband umwickelt worden ist. Die Senioren atmen durch, als sie das schwere „Ding“ bis zum Auflieger gehievt haben. Heinz Willms verpackt derweil geduldig im Thekenbereich Trinkgläser in Papier und verstaut sie in Kartons.

Eva Geiß, Volontärin im Museumsdorf Cloppenburg, wacht mit Argusaugen darüber, dass nichts in den Schrottcontainer kommt, was beim späteren Wiederaufbau benötigt wird. „Den Keller lassen wir noch in Ruhe“, schlägt sie vor. „Da holen sich die Männer Kartons raus“, kriegt sie zur Antwort. Keine gute Idee, fürchtet Geiß: „Die sind zu einem großen Teil verschimmelt.“

Sie begleiten die Mission „Stein“ für das Museumsdorf Cloppenburg: Eva Geiß und Helmut Wilken.

Medienrummel begleitet den Arbeitseinsatz. Hörfunkreporter Frank Jacobs kreuzt als erster Journalist am Morgen auf, um Bernhard Wöbse und seine „Rentnerbänd“-Kollegen mit Fragen zu löchern. Er konzentriert sich auf die Plattdeutsch sprechenden Mitstreiter. Das hängt mit dem Auftrag zusammen, den er für NDR 1 Niedersachsen erledigt. Zweieinhalb Sendeminuten hat er für einen Beitrag über die Mission „Sonnenstein“ zugestanden bekommen – für die Reihe „Düt un Dat op Platt“, die freitags von 19.05 Uhr bis 20 Uhr ausgestrahlt wird. Sie laufe im „Regionalfenster“, sei also im Sendegebiet des Studios Oldenburg zu hören, das „so groß ist wie Schleswig Holstein“, verrät der 34-Jährige. Der Sendetermin stehe noch nicht fest.

„Alles muss raus“ – der Ausverkaufslogan passt

„Für Harpstedt ist das ‘ne ganz tolle Geschichte“, erwidert Bernhard Wöbse auf die Frage des freien Reporters, was er vom „Umzug“ des „Steins“ ins Museumsdorf Cloppenburg halte. Es habe nur positive Reaktionen gegeben – und im Übrigen keine Chance auf eine neuerliche Bewirtschaftung an alter Stelle, zumal in zwölf Kilometern Entfernung die Großraumdisco „5 Elements“ viel Publikum aus dem Umland abziehe. Wenn die Harpstedter Disco wieder aufgebaut sei, „wollen auch wir mal nach Cloppenburg fahren und dort tanzen gehen“, verrät Wöbse.

Jedes Trinkglas will in Papier eingewickelt werden: Heinz Willms bei der Arbeit.

Längst hat sich herumgesprochen, dass der „Stein“ im Museumsdorf kein „Denkmal-Dasein“ fristen, sondern immer mal wieder mit Musik und Tanz belebt werden soll. Ob ein „Loch“ am bisherigen Standort auf dem Koems-Gelände verbleibe, hinterfragt die Hörfunkjournalist. Die Lücke werde geschlossen – mit einer Art Konzertmuschel, spielt Wöbse auf den geplanten Pavillon an. Helfer Hans Bädeker lässt sich zur Historie löchern. „Das war früher mal eine Scheune – wie auch die anderen Gebäude hier.“ Welche Erinnerungen er mit dem „Stein“ verbinde? „Ich habe hier sogar mal gekellnert“, fällt ihm ein. Ob er traurig über das Verschwinden der Disco aus Harpstedt sei? Nein, er finde es gut, dass sie nach Cloppenburg gehe und erhalten werde. Traurig hätte es ihn gemacht, wenn das Gebäude als Folge des noch nicht so furchtbar lange zurückliegenden Brandanschlags in Flammen aufgegangen wäre.

Was es im Bistro zuletzt zu essen gab, steht immer noch auf dieser Tafel geschrieben.

„Alles muss raus.“ Der Ausverkaufslogan passt. „Alles“ – das ist in diesem Fall ganz schön viel! In jeder Ecke atmet Inventar Disco- und Gastronomiegeschichte. Etwa die Tafel, auf der noch geschrieben steht, womit einst das Bistro des „Steins“ den Appetit der Gäste anzuregen suchte: Baguettes, Pommes, Brat- und Bockwurst sowie „Frikadellen für den kleinen Hunger“. Direkt daneben prangt ein Schild mit witziger Aufschrift: „Ich garantiere für: 1. lauwarme Getränke, 2. saumäßige Küche, 3. schlampige Bedienung ... aber erstklassige Preise!“, verspricht „der Chef“. Eva Geiß, für die Dokumentation der „Stein“-Historie zuständig, hat schon ein paar Recherchen erledigt. Johann Hasselmann habe das Gebäude 1952 erworben, es zwischen 1957 und 1959 umgebaut und dann als Tanzlokal betrieben. Die Disco-Ära habe 1973 mit dem Verkauf an Klaus Sengstake begonnen.

Helmut Wilken, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Museumsdorfes, kennt sich mit Discos aus. „Mein Sohn hat eine Veranstaltungsfirma“, erzählt er. Die Scheinwerfer im „Stein“ seien genau vermessen worden, damit sie beim Wiederaufbau ihren alten Platz zurückbekämen.

Beim Licht je nach Mode nachgerüstet

Wilken staunt über die Effektbeleuchtung, an der sich all das, was über Jahrzehnte nach und nach in Mode kam, nachvollziehen lässt – von der Lichtorgel über transparente Drehscheiben in unterschiedlichen Farben bis hin zu Strobo-Light. Die Betreiber hätten einfach „das alte Zeug“ hängen lassen und ihre neuen Errungenschaften zusätzlich installiert.

Wann sich die Disco-Kugel im Museumsdorf wieder drehen wird, steht noch in den Sternen. Die Aufarbeitung des Inventars dürfte eine Mammutaufgabe werden.

Die beiden Technics-Plattenspieler seien nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz gewesen. „Einer lag in einem Regal, der andere im Abstellraum.“ Wahrscheinlich hätten die DJs in der letzten Phase des „Steins“ nur noch mit CD’s und Laptop gearbeitet. Unter den weggeschafften Schallplatten schlummere vielleicht die eine oder andere Rarität. „So genau habe ich mir die Scheiben noch nicht angeschaut“, gesteht Wilken. Sein erster Eindruck: Im „Stein“ sei wohl primär Mainstream-Musik gespielt worden. Wilkens Blick fällt auf die Disco-Kugel: „Die muss gleich ab“, sagt er. Um das Inventar mit allem Drum und Dran zu demontieren und die Immobilie zu „entkernen“, reicht ein Arbeitstag nicht aus. Darüber ist sich Bernhard Wöbse im Klaren. Platz schaffen und zunächst alles auf den Auflieger befördern, was sich vergleichsweise leicht abbauen lässt oder im Weg steht – mit diesem Ziel geht die „Rentnerbänd“ das Vorhaben an. Ihr reguläres Arbeitsjahr hat die Gruppe schon hinter sich, aber für die Mission „Stein“ spuckt sie nun aufs Neue in die Hände.

Inventar wird in einer Halle zwischengelagert

Zigtausende Gäste der früheren Disco „Zum Sonnenstein“ haben hierauf gesessen.

Als die erste „Ausräumstunde“ hinter den Senioren liegt, rückt das Fernsehen an, um einen Beitrag für das NDR-Regionalmagazin „Hallo Niedersachsen“ zu drehen. Wann die Reportage gesendet werde? „Vermutlich an diesem Sonnabend, 19.30 Uhr“, antwortet Reporterin Cornelia Meyer. „Aber sicher ist das nicht.“ Meyer rechnet damit, dass sie auch den Abbau des Gebäudes begleiten wird. „Ich kann mir das gut vorstellen, aber die Entscheidung fällt das Funkhaus in Hannover.“ Ein „schönes Thema“, urteilt Hörfunkreporter Frank Jacobs. Der „Stein“ interessiere ebenso seine Online-Kollegen. „Die waren auch schon hier.“

Zwecks Zwischenlagerung wandert das Disco-Inventar in eine vom Museumsdorf angemietete Halle. Die Aufarbeitung ist ein anderes, ganz eigenes Kapitel. Ein sehr aufwändiges. Etliche Utensilien wollen in Schuss gebracht werden, um sie vor weiterem Verfall zu bewahren. Eine Mammutaufgabe, von der aktuell niemand sagen kann, wie viel Zeit sie am Ende in Anspruch nimmt. „Das fängt schon bei den elektrischen Bauteilen an“, weiß Wilken: „Jedes einzelne muss auf seine Funktionsfähigkeit überprüft werden.“

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