Entwicklung des Einzelhandels

Kaufkraft: Zuflüsse kaum zu erzielen?

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Größeren Teilen des Fleckenrates geht die Geheimniskrämerei in Sachen Einzelhandelsentwicklungskonzept (EHEK) gegen den Strich. Die Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen sowie der unabhängige Ratsherr Horst Bokelmann fordern in einem an Bürgermeister Werner Richter gerichteten Antrag, dieses von der Cima Beratung + Management GmbH erstellte Gutachten „unverzüglich“ der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Zudem verlangen sie, den Ratsmitgliedern mögen alle zum EHEK eingegangenen Stellungnahmen zur Verfügung gestellt werden. Ebenfalls „unverzüglich“. Das schließt die siebenseitige Einlassung der Aktiven Werbegemeinschaft ein (Passagen daraus hat unsere Zeitung veröffentlicht), die übrigens auf deren Facebook-Seite in voller Länge einsehbar ist.

Zumal einige Gewerbetreibende das EHEK gelesen haben, sind die wichtigsten Aussagen ohnehin mittlerweile vielen, die’s betrifft, zumindest durch Hörensagen in groben Zügen bekannt.

Jeder zweite Euro kommt aus dem Umland

Das Gutachten stuft dem Vernehmen nach die sogenannte „Einzelhandelszentralität“ des Fleckens Harpstedt als sehr gut ein. Dieser Faktor setzt den örtlich erzielten Einzelhandelsumsatz in Relation zur örtlich vorhandenen Nachfrage. Liegt der Wert über 100, so lässt das auf Kaufkraftzuflüsse schließen. Liegt er unter 100, so bedeutet dies, dass Kaufkraft abfließt.

Bei Lebensmitteln und Reformwaren hat die Cima für Harpstedt einen enorm hohen Wert von 186 ermittelt. Hier soll einem lokalen Einzelhandelsumsatz von rund 19,4 Millionen Euro ein lokales Nachfragevolumen von „nur“ etwa 10,5 Millionen Euro gegenüberstehen. Daraus schlussfolgert die Cima, fast jeder zweite Euro Umsatz im Flecken werde durch Kunden aus dem Umland erzielt. Auch sehen die Gutachter vor dem Hintergrund, dass sich die Mittelzentren Wildeshausen und Delmenhorst sowie das Oberzentrum Bremen bequem mit dem Auto erreichen lassen, nur ein sehr begrenztes Steigerungspotenzial bei den Kaufkraftzuflüssen. Darauf hatte im Übrigen die Aktive Werbegemeinschaft in ihrer Stellungnahme Bezug genommen.

Standortbedingt benachteiligt?

Drei der vier Harpstedter Supermärkte, nämlich Aldi, Lidl und Netto, sieht die Cima nach Recherchen unserer Zeitung standortbedingt im Wettbewerb benachteiligt. Sie könnten nach Einschätzung des Fachbüros nur auf Augenhöhe mit Discountern an Standorten außerhalb des Samtgemeindegebietes konkurrieren, wenn ihnen Erweiterungsoptionen bei der Verkaufsfläche zugestanden würden. Die Cima erwähnt obendrein die aus ihrer Sicht unzureichend leistungsfähige Verkaufsflächenstruktur von Inkoop. Daher hält sie auch hier eine Expansionsoption für geboten.

Die Aktive Werbegemeinschaft vermisst ihrerseits – wie berichtet – eine wirklich nachvollziehbare Begründung für diese Empfehlungen. Ihr Verdacht: Die Cima argumentiere eher im Sinne unternehmerischer Wünsche als auf der Grundlage objektiver Notwendigkeit.

Die Gutachter befürworten wiederum die Erstellung einer ergänzenden Verträglichkeitsanalyse zur Untermauerung getroffener Aussagen und im Interesse von Rechtssicherheit.

Das EHEK, das sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt, hat der Flecken zwar in Auftrag gegeben; es sind aber letztlich Verbrauchermarktketten mit Erweiterungsabsichten, die es bezahlen.

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