Eike Harnisch wollte das historisch aufschlussreiche Material nicht auf seiner Festplatte „versauern“ lassen

Berühmten Heimatfilm online gestellt

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Eike Harnisch hat den berühmten „Heimatfilm Harpstedt“ in insgesamt neun Teilen online gestellt. Ein „Kapitel“ widmet sich dem Schiebenscheeten und dem Kinderschützenfest 1950. 2015, also 65 Jahre später, war Harnisch selbst Bürgerschützenkönig in Harpstedt geworden (Bild links).

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken.  Auf VHS-Kassette haben manche – vor allem ältere – Mitbürger den „Heimatfilm Harpstedt“ zu Hause im Schrank stehen. Doch Video war gestern. Rekorder gibt es schon lange nicht mehr zu kaufen, bestenfalls auf Flohmärkten, und gehen hier und da vielleicht noch existierende Geräte kaputt, wandern sie in Zeiten elektronischer Dateien für gewöhnlich in den Müll. Reparieren lohnt einfach nicht. Eike Harnisch hat den berühmten Heimatfilm kürzlich in „webtauglichen Portionen“ online gestellt. Hunderte Klicks dokumentieren das nach wie vor große Interesse daran.

Rolf Kröncke aus Bremen hatte die Szenen in den Jahren 1949 und 1950 gedreht – aus Anlass der Kulturwoche, die 1949 das kulturelle Ereignis im Flecken schlechthin gewesen war. In Wort und Bild hielten die Macher auch Momente der damaligen Veranstaltung fest, insbesondere Darbietungen von Chören wie dem Männergesangverein „Liedertafel“, den zu jener Zeit noch keine Nachwuchssorgen plagten.

Neben der Pflege der Geselligkeit im Rahmen beliebter Feste kommen Land und Leute in dem Filmmaterial nicht zu kurz. Viele im Flecken nur allzu geläufige Namen tauchen auf, oft sogar mehrfach – ob Beuke, Grimsehl, Lakewand, Lampe, Knolle, Sparkuhl, Stratmeyer oder auch Wöbse, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Youtube und Facebook

Einer der inhaltlichen Schwerpunkte liegt auf den Bewohnern Harpstedts „inmitten ihrer Landschaft bei der Arbeit“, wie der damalige Bürgermeister Heinrich Knolle 1950 in seiner Rede anlässlich der Uraufführung des Films anmerkte. „Fest steht für mich, dass dieser Saal im Augenblick von einer Gemeinschaft erfüllt wird, die in der Schwere der Zeit den außerordentlichen Wert des Heimatlichen erkannt hat“, sagte er.

Filmmaterial mit unterschiedlichen Längen hat Eike Harnisch auf Youtube und in die Facebook-Gruppe „Weltstadt Harpstedt“ gestellt. Es stammt von zwei VHS-Kassetten – jeweils mit Spielfilmlänge. Harnisch hat es in neun Teile gesplittet. „Ich hatte ein Gerät, mit dem ich die Filme digitalisieren und auf DVD brennen konnte. Das habe ich getan und die Dateien anschließend auf meinen Laptop geladen“, erzählt der Lehrer. Er sah es einfach nicht ein, dass die Filme auf seiner Festplatte auf Dauer ein trostloses Dasein fristen sollen. Er wollte sie öffentlich machen, zumal viele alteingesessene Harpstedter sich oder ältere Angehörige wiedererkennen können und die Aufnahmen aufschlussreiche Einblicke in das Ortsbild und die Kulturlandschaft Harpstedts nach dem Krieg gewähren. Die Urheberrechte müssten, so sagt er, eigentlich erloschen sein. „Die Firma Kröncke existiert meines Wissens nicht mehr.“ Sollte Harnisch falsch liegen, so werde er die ins Netz gestellten Beiträge selbstverständlich wieder löschen, sichert er zu.

Unfreiwillige Komik

Die im Internet zu sehenden Szenen haben schon vor Jahren eine „Nachbearbeitung“ erfahren. Dr. Jürgen Ellwanger, der damalige Archivpfleger der Samtgemeinde Harpstedt, kommentierte sie zusammen mit einer Reihe von Zeitzeugen, die zu einem großen Teil mittlerweile nicht mehr unter den Lebenden weilen. Dank dieser Hilfe war es möglich, etliche abgelichtete Personen zu „identifizieren“ und zu benennen.

Die Schwarzweiß-„Streifen“ tragen wegen des pathetischen Kommentierstils aus heutiger Sicht durchaus ein Stück weit unfreiwillige Komik in sich. Da macht sie aber keineswegs weniger sehenswert. In Teil sieben hat Eike Harnisch sogar bei Sekunde 55 seine eigene Mutter Christa in jugendlichen Jahren entdeckt – an der Seite von Rosel Rose, Schlittschuh laufend auf dem zugefrorenen Burggraben. „Otto Niehaus wird ganz oft gezeigt“, fällt ihm auf – „als ganz junger Kerl“. Dörte Beuke habe, so erzählt er, gleich etliche Verwandte wiedererkannt.

Über 500 Mal ist bis dato allein der Film über das Bürgerschützenfest 1950 auf „youtube“ angeklickt worden, damals noch mit Oberst Müller als „Chef“ des Offizierskorps. Hans Horstmann kam in jenem Jahr als „Thronfolger“ von Johann Meier zu Königswürden.

Ins Auge fällt ebenso Johann Sparkuhl, dessen Regentschaft, bedingt durch den Krieg und die von den Alliierten im Anschluss verhängten Verbote, von 1939 bis 1948 währte.

1950 schossen die Anwärter an der Kirchhofmauer um die Königswürde – bei nur 25 Metern Distanz zum Ziel. Auch das Kinderschützenfest, damals von der Schule auf dem Sportplatz auf dem „Amtsacker“ ausgerichtet, findet seine filmische Würdigung. Die Jungen marschierten mit Blumenstöcken aus, die Mädchen mit Blumenbögen. Sowohl der seinerzeit alte als auch der neue Kinderkönig, Wilhelm Wöbse und Helmut Sagemann, sind zu sehen. Was illustre Spiele angeht, an denen sich 1950 auch die Lehrer beteiligten, fällt eine Parallele zur Gegenwart ins Auge: Das „Würstchenschnappen“, seit Jahren jeweils am Pfingstmontag „der Clou“ auf dem Spiele-Parcours bei der Koens-Schießhalle, gab’s damals auch bereits.

Ein Teil der gedrehten Szenen für den „Heimatfilm Harpstedt“ existiert seit langer Zeit nicht mehr. Bereits 1951 wurde der Ursprungsfilm zerschnitten; einige Szenen fanden Verwendung für einen neuen; andere wurden „eingemottet“, und wieder andere gingen verloren.

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