Geschichtsverein will Harpstedter Heimat-Historie bewahren

Bauern erbost: Kater statt Hase serviert

Der frisch gewählte Vorstand des neu gegründeten Harpstedter Geschichtsvereins: Uwe Cordes, Michael Lührs, Friedrich zur Hellen und Hartmut Scherner (v.l.). - Foto: Nosthoff

Harpstedt - Den „Geschichtsverein für die Samtgemeinde Harpstedt“ hoben am Mittwochabend im Hotel „Zur Wasserburg“ 21 Gründungsmitglieder aus der Taufe.

Sie wählten den ehemaligen Samtgemeindebürgermeister Uwe Cordes zu ihrem Vorsitzenden, Friedrich zur Hellen zu seinem Stellvertreter, Hartmut Scherner zum Kassenwart und Michael Lührs zum Schriftführer. Auf Vorschlag von Cordes setzten die Mitglieder den jährlichen Beitrag auf 25 Euro fest. Der Gründungsversammlung wohnten auch Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse, Prof. Dr. Bernd Hucker (Uni Vechta) sowie Prof. Karin Holm bei.

„Heimatgeschichte – das ist für jeden etwas anderes“, machte Hucker in seinem einleitenden Vortrag deutlich, bevor es zur formellen Vereinsgründung kam. Unter dem Titel „Heimatgeschichte – wozu?“ hielt der Historiker einige Anregungen für die Hobby-Heimatforscher bereit. Lokalgeschichte sei hochgradig subjektiv und dennoch für die Geschichtsforschung sehr wichtig. Um das zu verdeutlichen, erläuterte Hucker den Begriff der „Mikrohistorie“.

„Man kann sagen, dass der 30-jährige Krieg in Deutschland schlimme Verwüstungen anrichtete“, gab Hucker ein Beispiel. „Aber was damit nun eigentlich gemeint ist, erklärt diese allgemeine Aussage nicht.“ Um nachzuvollziehen, was damals vor Ort eigentlich los gewesen sei, müsse man in die Mikrohistorie gehen und erforschen, wie die Menschen gelebt haben.

Interesse an Geschichte beginnt oft mit Familie

Dass das Interesse an Heimatgeschichte für viele mit Nachforschungen über die eigene Familiengeschichte beginnt, wurde auch in den Begrüßungsreden von Wöbse, den die Anwesenden zum Versammlungsleiter wählten, und von der Düsseldorfer Soziologin Holm deutlich. „Ich bin eine geborene Kieselhorst und hier auf dem Hof Kieselhorst in Klein Amerika aufgewachsen“, erklärte die Wissenschaftlerin, die das Forschungsprojekt „Bäuerliche Siedlungshistorie“ in der Samtgemeinde Harpstedt angestoßen hatte. An dem mehrjährigen Projekt waren Holm, Hucker sowie die Doktoranden Mareike Hustedt (Vechta) und Herbert Bock (Diepholz) beteiligt.

„Fünf Bücher sind aus diesem Forschungsprojekt entstanden“, so Holm. Die würden nun in Kürze – jeweils zu ihren Erscheinungsterminen – gemeinsam mit dem nun entstandenen Geschichtsverein präsentiert. „Ich finde es toll, dass unsere Arbeit durch den Geschichtsverein weitergeführt wird“, so Holm. Während Hucker über die Samtgemeinde Harpstedt ein Buch zu Sagen sowie ein weiteres zu Rittern und Knappen herausbringen wird, widmete sich Holm der Kieselhorstschen Hofgeschichte. Hustedt arbeitete unter anderem die Geschichte der Schulen und Unterrichtsformen heraus, Bock nahm sich Harpstedt während des 30-jährigen Krieges vor.

Simon von Beckeln nach Wildeshausen verjagt

Einige „Kostproben“, die Heimatgeschichte umso schmackhafter machten, hatte Hucker bereits in seinen Vortrag eingearbeitet: Zum Beispiel die Sage von Simon von Beckeln, der seinen Bauern zum jährlichen Dankesmahl einen Kater statt des traditionellen Hasen serviert haben soll und sie damit so erzürnte, dass sie ihn schließlich von seinem Adelssitz, dem späteren Meyerhof, verjagten. Er soll Zuflucht in Wildeshausen gesucht haben.

Die „Makrohistorie“ der deutschen Stände und der Machtkämpfe zwischen Herrschern und Adligen machte Hucker an der „Mikrohistorie“ einer Oldenburger Sage deutlich: Ein Oldenburger Herrscher habe seinen Hofnarren um Rat gebeten, wie er verhindern könne, dass seine Adligen sich ständig in seine Regierungsgeschäfte einmischen. Der habe empfohlen: „Fress sie auf.“ Und das tat der Herrscher im übertragenen Sinne: Zu den Einladungen der Adligen erschien er fortan stets mit seinem ganzen Gefolge und trieb sie damit in den Ruin.

Hucker gab zahlreiche Anregungen für Aktivitäten des Vereins: Von Tagungen, Workshops und Volkshochschulkursen über Ausstellungen bis hin zur Ausrichtung von Dorf- und Stadtjubiläen oder der Mitarbeit an Heimatbeilagen von Zeitungen. Wichtig sei aber vor allem das Bewahren historischer Dokumente und anderer Zeugnisse. So hat sich der Verein auch die „Erarbeitung, Förderung und Verbreitung des Wissens zur Geschichte der Samtgemeinde Harpstedt“ zum Ziel gesetzt.

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