Dünsen nach dem KriegHermann Bokelmann erinnert sich

283 Alteingesessene – 800 Vertriebene

Bei der Ernte 1941: Gottfried Kastens und seine Frau Mariechen, die Schwiegereltern des mittlerweile verstorbenen Heimatdichters Theo Hesse aus Dünsen. Im Hintergrund zu erkennen: Baracken an der Waldstraße, zum Teil als Bauernhäuser getarnt.

Dünsen - 700 Flüchtlinge auf 100 Einwohner – so oder ähnlich lauteten 2015 Schlagzeilen über ein vom Asylsuchenden-Zustrom besonders hart getroffenes Dorf. Hermann Bokelmann erinnert das an seine jungen Jahre in seiner damaligen Heimat Dünsen. Nach dem Krieg, so weiß er, habe die Zahl der Alteingesessenen in dem Dorf bei nur 283 gelegen, die der Vertriebenen inklusive der Schlesier, die im DRK-Altenheim in der Muna wohnten, hingegen bei fast 800. Für unsere Zeitung denkt Bokelmann an jene Zeit zurück. Dem Altenheim wird er sich in einem gesonderten Bericht widmen. Nachfolgend seine Erinnerungen in der Ich-Form.

Als 1935 in der einklassigen Dorfschule in Dünsen meine Schulzeit begann, hatte das Dorf kaum 200 Einwohner. 27 Mädchen und Jungen bildeten die acht Jahrgänge; nur aus Anne Sudmann und mir bestand der erste. Mit dem Bau der Luftmunitionsanstalt (Muna) vergrößerte sich die Schülerzahl etwas.

Im Wald wurden Bunker und Lagerhallen errichtet, im Eingangsbereich der Muna zwei Kasernen sowie Kommandantur und Küche mit Casino – und vor dem Zaun Wohnungen für Familien der Offiziere und Unteroffiziere.

Im heutigen Lindenweg entstand mit vier Doppelhäusern für acht Arbeiterfamilien die „Reichssiedlung“. Davor fand eine große Baracke ihren Platz. In weiteren acht großen Baracken waren Arbeiter untergebracht, davon vier im Karree einschließlich Küchenbaracke, wo jetzt die Häuser am Gartenweg stehen.

Vorn an der Waldstraße stand, linke Hand, ebenfalls eine große Baracke (der spätere Sitz der Schlachterei Bunzel). Rechts an der Waldstraße gab es in Hufeisenform drei Stück; davon ist nur noch die der Familie Meinhard, schön verklinkert, vorhanden. Alle anderen wurden abgebrochen. Eine davon hatte schon vorher der „Heidekönig“ Rolf Wilke bekommen. Beim Abbruch und Wiederaufbau am Hagenweg halfen mein Vater, mein Bruder und ich – für „Gotteslohn“.

Bevor am 9. April 1945 englische Truppen Harpstedt besetzten, wurden etliche Hallen und Bunker in der Muna gesprengt. Ebenso die Brücken in Dünsen, Horstedt, Groß Ippener und Kirchseelte – mit Muna-Bomben. Soldaten und Personal der Muna zogen sich bis hinter Bremen zurück.

An die Baracken-Vergangenheit erinnert hier nichts mehr: Das Haus der Familie Meinhard ist, so Bokelmann, „schön verklinkert“.

Der Einzug der englischen Truppen bedeutete für die vielen auf den Bauernhöfen eingesetzten „Fremdarbeiter“ aus der Sowjetunion und Polen die Befreiung. Sie nutzten die Freiheit – leider auch zu nächtlichen Beutezügen. Besonders schlimm wurde es, als die Zwangsarbeiter und ehemaligen russischen Kriegsgefangenen aus der Umgebung in den Muna-Baracken zusammengezogen wurden. Ich habe selbst einen abendlichen Überfall miterlebt. Mit Knüppeln wurden Türscheiben eingeschlagen und alle eingeschüchtert und ausgeraubt. Fahrräder, ein beliebtes Transportmittel, „beschlagnahmten“ die Russen. Wer auf den Ruf „Kamerad, wie spät?“ positiv reagierte, sah seine Uhr nicht wieder. Gefischt wurde nicht mit der Angel; die Russen hängten einfach Kabel der Scheinwerfer auf die Stromleitungen und in den Bach. Zum Schnapsbrennen nutzten sie die Kartoffeldämpfer auf den Höfen. Zur besseren Verpflegung besorgten sie sich Vieh von den Weiden.

Die Jungviehweide von Bauer Heinrich Andreas, bei dem ich im ersten Jahr nach dem Krieg arbeitete, lag direkt zwischen Baracken und Muna-Tor. Als sich der Viehbestand „verkleinerte“, habe ich den Rest mit dem Lanz-Bulldog zum Hof seiner Verlobten nach Apelstedt gefahren. Einen Führerschein besaß ich als 16-Jähriger noch nicht. Die Engländer kontrollierten das aber nicht.

Vorsichtig mussten wir die Getreideflächen hinter den Baracken mähen; das Kornfeld war übersät mit kaputten Fahrrädern und anderem Müll. Im Herbst wurden die Russen abtransportiert. Ob sie ihre Heimat erreichten oder in Sibirien landeten, ließ sich nie in Erfahrung bringen. Polnische Zwangsarbeiter weilten noch länger in dem Barackenlager. Als die Post ihren Betrieb wieder aufnahm, wurde ich im Februar 1946 als Postbote für Dünsen und Klosterseelte eingestellt. Im April stellte ich dem polnischen Lagerkommandanten persönlich einen Einschreibebrief zu. Schon im Sommer 1946 kamen zu den Flüchtlingen aus Ostdeutschland die Heimatvertriebenen aus Schlesien hinzu. Neben den Baracken wurden alle möglichen Wohnräume in den Häusern des Dorfes belegt. Anfang 1949 gab es in Dünsen 554 Vertriebene (ohne die 240, die im Altenheim wohnten); die alteingesessene Bevölkerung zählte nur 283 Köpfe. Daraus, dass die Vertriebenen in der Einwohnerschaft die Mehrheit stellten, erklärt sich, dass bei der Gemeinderatswahl 1948 der Schlesier Wilhelm Illguth Bürgermeister wurde – und später dann der aus Pommern vertriebene Elektromeister Erich Kelm. Illguth war Berufssoldat. Er wurde später Schalterbeamter beim Postamt Harpstedt.

Vor 70 Jahren gab es in Dünsen also mehr Flüchtlinge, als derzeit in einigen Bereichen beklagt wird. Die Wohnverhältnisse waren aber wesentlich schlechter als heute. Damals mussten Vertriebene in Räumen „hausen“, von denen es heute heißen würde: „Das kann man Flüchtlingen doch nicht zumuten!“

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