Flüchtlinge sahen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr

Afghanische Familien fühlen sich wie zu Hause

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Mohammad (35), Roja (24) mit dem Säugling Donja (1 Monat), Ali (7), Areu (5), Fatime (25) mit dem Säugling Ali (3 Monate) und Omid (26), (v.l.) mit ihren Paten Manfred und Ingrid Rose (hinten). 

Neerstedt - Mittlerweile fühlen sich die beiden afghanischen Familien in der Gemeinde Dötlingen wie zu Hause – auch dank des Neerstedter Ehepaares Rose, das ihnen als Paten praktische Hilfe für den Alltag in Deutschland gibt.

Der Weg, der die beiden Familien nach Deutschland führte, war beschwerlich, und die seelischen Wunden ihrer strapaziösen Flucht sitzen noch tief. Es ist erst ein Jahr her, dass sie ihrer Heimat Afghanistan den Rücken kehrten. Die Familien hatten unterschiedliche Motive für diesen drastischen Schritt. Doch eines haben sie gewiss gemeinsam: Sie flohen auch aus Angst vor den Taliban.

Afghanistan ist seit Jahrzehnten von Krieg und Unruhen geplagt, auch der Einsatz der Nato brachte dem Land keine dauerhafte Stabilität. Eine Situation, in der die Familien keine Zukunft mehr für sich sahen. Daher brachten sie den Mut auf, ihr Land zu verlassen und legten ihre Zukunft in die Hände von Schleppern. Die verlangten von Mohammad 9. 500 und von Omid 5. 000 Dollar. In ihrer Heimat lebten die Familien in ärmsten Verhältnissen, doch sie bekamen das Geld zusammen. Es folgte eine wochenlange Flucht. Die beschwerliche Strecke führte über Pakistan, den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Bulgarien und Kroatien. Bis zu 17 Stunden täglich ging es unter anderem durch die Berge – eine Strapaze, die sie letztlich im Hinblick auf ein besseres Leben auf sich genommen haben. Vor etwa einem Jahr kamen sie in Wildeshausen an, wo sie zunächst in der Sporthalle untergebracht wurden. Mittlerweile bewohnen die beiden Familien ein Haus in Neerstedt und gestalten ihre Zukunft. Die Männer arbeiten – sie übernehmen in der Gemeinde Hausmeisterarbeiten und putzen. Es geht also voran.

„Vor allem unsere Frauen haben in Afghanistan keine Chance auf Bildung und ein freies Leben“, erzählte Omid. „Denn diejenigen, die es wagen, werden von den Taliban umgebracht, und der Kopf wird ihnen abgeschnitten.“ Doch jetzt haben sie die Chance auf eine friedliche Zukunft in Freiheit. Nun wollen sie so schnell wie möglich Deutsch lernen, um sich in ihrer neuen Heimat eine Existenz aufzubauen.

Denn es gab Familienzuwachs: Während Mohammad und seine Ehefrau Roja nach den beiden Kindern Ali und Areu vergangenen Monat noch die Tochter Donja bekommen haben, wurden Omid und Fatime vor drei Monaten zum ersten Mal Eltern.

Keine Zukunft in Afghanistan

„Wir sind jetzt sehr glücklich und möchten uns ein familiäres Dasein aufbauen“, so Omid. „Heimweh nach Afghanistan haben wir nicht, denn unter den gegebenen Lebensumständen gibt es dorthin ohnehin kein Zurück mehr.“ Die beiden Kinder von Mohammad und Roja sind schon lange in Neerstedt angekommen. Während die fünfjährige Areu in den Kindergarten geht, drückt der siebenjährige Ali in der zweiten Klasse der Grundschule die Schulbank. „Ihre Deutschkenntnisse sind schon so gut, dass sie hin und wieder auch dolmetschen können“, sagte Nachbarin Ingrid Rose.

Zusammen mit ihrem Ehemann Manfred hat sie die Patenschaft für beide Familien übernommen. Als „Hilfe zur Selbsthilfe“ fasste Ingrid Rose ihre Aufgabe als Patin zusammen. „Wir versuchen ihnen Starthilfe für den Alltag zu geben“, so Rose weiter. Mit Erfolg: „Mittlerweile haben sie sich schon ein bisschen abgenabelt.“

Zwischen den Paten und ihren Schützlingen herrschen Sympathie und gegenseitiger Respekt. Die Verbindung ist nachbarschaftlich. Sie sehen sich etwa zweimal die Woche, laden sich auch mal zum Essen ein. „Es ist eine tolle Erfahrung“, resümierte Rose. Auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Dötlingen sei gut. Die Paten werde bei ihrer Aufgabe nicht alleine gelassen.

Doch hin und wieder gibt es auch kleine Schwierigkeiten. „Es ist eine andere Kultur mit einer anderen Denkweise – man muss auch Toleranz aufbringen“, erklärte Rose. Unpünktlichkeit sei manchmal ein Problem, und es mangele an Verständnis für das deutsche Mülltrennungssystem. In Afghanistan ist so etwas völlig unbekannt. Als Lösung hat Rose einen Kalender erstellt, nach dem sich die Familien richten können. Auch mit anderen hiesigen Gepflogenheiten machen die Roses die Familien bekannt. „Wir versuchen, sie auch in deutsche Brauchtümer wie Ostereiersuchen und das Nikolausfest einzuführen. Natürlich ohne ihnen unsere Religion aufzudrängen“, erzählte Rose.

„Es ist eine sehr befriedigende Arbeit“

Wichtiger sei jedoch die Unterstützung der Paten bei Behördengängen und medizinischen Notfällen. Für ihre Hilfe bekäme das Paar sehr viel zurück. „Wir haben Mohammad und Roja nach der Geburt des Babys im Krankenhaus besucht und konnten das Glück der Familie teilen“, freute sich die Patin. „Es ist eine sehr befriedigende Arbeit.“ 

pp/jb

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