Bürger versetzen Kommunalpolitiker beim „Speed-Dating“ 

Rege Diskussion statt „Liebeskummer“

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„Politiker benutzen zuviele Fremdwörter“, meint Peter Rathert (rechts). Karsten Heineking (CDU) und Insa Höltke (SPD) hören sich seine Ansichten an. 

Nienburg - Von Julia Kreykenbohm. „Ein bisschen aufgeregt bin ich ja schon“, gesteht Insa Höltke und stellt ihre Handtasche auf dem kleinen Holztisch ab. Darauf trohnt ein Kärtchen mit ihrem Namen und ihrer Partei: SPD. Auf der einen Seite des Tisches steht ein Stuhl für sie bereit, auf der anderen drei Stühle für die Bürger, die sie gleich beim „Speed-Dating“ mit allen Fragen löchern dürfen, die ihnen auf der Seele brennen. Organisiert hat das die Volkshochschule Nienburg, um den Wählern eine weitere Informationsplattform im Vorfeld der Kommunalwahl zu bieten.

Obwohl Höltke bereits seit 20 Jahren in der Kommunalpolitik mitwirkt, hat sie noch nie an solch einer Veranstaltung teilgenommen. „Das ist spannend, weil man nicht weiß, was da auf einen zukommt“, findet sie. Doch etwas mitnehmen könne man auf jeden Fall, ob positiv oder negativ.

Viktoria Kretschmer von den Linken, die am Tisch gegenüber ihren Platz hat, hat bereits an einem „Speed-Dating“ teilgenommen. „Es kann da schon mal etwas ruppiger zugehen“, bereitet sie ihre „Kollegin“ vor. „Manche Bürger sind sehr fordernd. Aber es war trotzdem eine tolle Erfahrung. Man kam direkt ins Gespräch und die Menschen hatten wirklich Interesse.“

In dem großen Raum der VHS sind noch sechs weitere Tische mit Kärtchen vorbereitet worden: „Jürgen Leseberg (Wählergemeinschaft)“, „Manfred Senftleben (Grüne)“, „Heiner Werner (FDP)“, „Karsten Heineking (CDU)“, „Martina Broschei (Piraten)“ und „AfD“. „Wir hatten bei der AfD angefragt und sie sagte, sie müsste sich erst auf einen Kandidaten einigen. Dann kam nichts mehr“, erzählt VHS-Leiter Dieter Labode, der geschäftig hin- und herläuft und die letzten Vorbereitungen trifft. Auf einem langgezogenen Tisch stehen Getränke und Kekse bereit, eine Leinwand wird heruntergefahren und der Beamer angemacht. Die Sonne, die den ganzen Tag für hochsommerliche Temperaturen gesorgt hat, wirft ihre Strahlen in den Raum. Um 18.30 Uhr soll es losgehen.

Nach und nach trudeln die geladenen Kommunalpolitiker ein, bis auf Martina Broschei, die aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Alle sind gut gelaunt und freuen sich auf ihre „Dates“ mit den Bürgern. Zwei FDP-Mitglieder sind als Publikum gekommen, um mal „zu schauen, wie solch eine Veranstaltung abläuft“. Zu ihnen gesellen sich Peter Rathert aus Raddestorf und Sylke Mues aus Stolzenau, die die Politiker ins Kreuzverhör nehmen wollen.

Mues ist vorher die Kandidatenliste durchgegangen und hat sich für jeden ein paar Fragen überlegt. Einige stellt sie auch im Namen ihres Vaters, der Landwirt ist und nicht kommen konnte. „Bei der Kreistagswahl ist es ja immer so, dass man Leute wählt, die man größtenteils gar nicht kennt“, erklärt sie. „Deswegen bin ich hier, um das zu ändern.“

Rathert ist aus Lust an der politischen Diskussion nach Nienburg gefahren. „Mir fällt es schwer, überhaupt noch zu wählen, weil niemand mehr öffentlich diskutiert. Es wird nur noch über Belanglosigkeiten gesprochen, auch in meinem Bekanntenkreis.“

Es ist mittlerweile 18.45 Uhr. Und Dieter Labode, der zwischendurch Kekse an die Wartenden verteilt hat, muss einsehen: „Da kommt wohl niemand mehr. Ich frage mich nur, woran das liegt? Am guten Wetter oder weil Kommunalpolitik für viele uninteressant ist?“ Doch obwohl die Bürger die Politiker „versetzt“ haben, will niemand nach Hause. Es wird ein Stuhlkreis gebildet und Mues und Rathert bekommen die Chance, mit den Kandidaten zu plaudern.

Was zunächst ein bisschen aussieht, wie Gruppentherapiesitzung für zurückgewiesene Politiker, entwickelt sich recht schnell zu einer munteren Diskussionsrunde. Zwar klingt immer mal wieder Enttäuschung und Ratlosigkeit durch. Enttäuschung, weil man sich auf die Rückmeldungen der Leute gefreut habe, von denen es ohnehin nur wenig gebe. Ratlosigkeit, weil man sich fragte, woran es letztendlich gescheitert ist. Aber es gibt auch Verständnis. Man könne nicht erwarten, dass die Leute nach einem langen Arbeitstag noch Lust hätten, sich mit Kommunalpolitik zu beschäftigen.

Doch ein völliges Desinteresse an Politik mochte keiner den Bürgern bescheinigen. „Wenn es ein Thema ist, dass sie direkt betrifft, wie das Stadtarchiv, dann sind sie da, mischen sich ein und diskutieren mit“, sagt Heiner Werner. Zudem werde man auch häufig auf der Straße angesprochen. Insa Höltke meint dennoch: „Politik hat viel mit Gesellschaft zu tun. Ich finde es bedenklich, dass so wenige zu Ausschussitzungen kommen.“ Senftleben pflichtet ihr bei: „Die Bereitschaft, sich zu informieren, ist gering. Und die Leute hätten heute ihren Unmut kundtun können. Aber es ist auch einfacher, auf die Politik zu schimpfen und zu sagen: ,Die machen eh, was sie wollen.’ Dann frage ich immer: Wer sind ,die’?“

Rathert wirft ein, dass viele Menschen Politiker nicht mehr verstehen würden, weil diese gern ihre Reden mit Fachbegriffen spicken würden. „Das kann sein“, räumt Senftleben ein. Manche Bürger wüssten nicht mal genau, was eine Fraktion sei. Einig sind sich jedoch alle, das Angebote wie das „Speed-Dating“ wichtig seien und von ihnen gern genutzt würden, um Feedback und neue Ideen zu bekommen. „Wir sollten sowas öfter anbieten, nicht nur vor der Wahl“, schlägt Höltke vor.

Dann bringt Mues noch das Thema Milchquote und Landwirtschaft aufs Tapet und obwohl die Kommunalpolitik dort wenig erwirken kann, entspinnt sich eine rege Debatte. Statt „Liebeskummer“ wegen des geplatzten „Dates“ wird viel geredet und auch gescherzt.

Als draußen die Dämmerung hereinbricht, löst Labode den Stuhlkreis auf. Doch selbst danach stehen noch Grüppchen zusammen und debattieren weiter. „Und wenn Sie noch mehr Fragen haben, rufen Sie uns einfach an“, rät Senftleben noch Sylke Mues. „Das gilt übrigens für alle Bürger.“

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