Ein Redakteur wagte den Selbstversuch beim Blindenfußball

Kicken ohne Augenlicht

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Dunkelheit: Da ist die Treffersicherheit von Redakteur Nikias Schmidetzki zusätzlich reduziert.

Nienburg - Von Nikias Schmidetzki. Böse Zungen behaupten vermutlich, es mache gar keinen Unterschied, ob ich nun komplett ohne Sicht Fußball spielte oder so wie sonst. Aber tatsächlich: Es geht immer noch ein bisschen schlimmer. Ausprobiert habe ich „Blindenfußball“ in der Erichshagener Sporthalle.

Eingeladen hatten Mitarbeiter des Projekts „Neue Sporterfahrung“ der Telekom und der SBV Erichshagen. Aufgrund der unsicheren Wetterlage stellten die Basketballer der SV Erichshagen kurzerhand einen Teil ihrer Trainingszeit zur Verfügung. Und das lohnte sich. Jugendliche, sowohl Jungen als auch Mädchen, der SBV bekamen eine Lektion in Theorie und Praxis, wie das denn so ist, mit dem runden Leder zu dribbeln, zu passen und den Abschluss zu üben – ohne etwas zu sehen.

Nationalspieler Hasan Koparan

Wie heißt es bei Jürgen von der Lippe? „Der Trainer sagt zum Stürmer, Stürmer du triffst den Ball nicht!“ So jedenfalls ging es mir ein ums andere Mal auch. „Nicht zu weit vorlegen“, war der wohlgemeinte Rat von Hasan Koparan. Er ist selbst Blindenfußballer bei Schalke 04 und war mit den beiden (sehenden) Anleitern Joachim Plingen und Maurizio Valgolio angereist. Koparan ist Nationalspieler, hat erst am Wochenende mit der Auswahl ein Turnier in Rumänien gewonnen.

Den Ball dicht am Fuß also, für die fortgeschrittenen Nachwuchskicker war das meist das kleinere Problem. Aber auch da huschte der Ball immer mal wieder weg und war verschwunden. Oder wenigstens anscheinend außer Reichweite. Und ohne Ball kein Spiel. Aber: „Das Geheimnis des Fußballs ist ja der Ball“, wusste schon Uwe Seeler. Für den Blindenfußball gilt das ganz besonders. Metallplättchen im Innern des Spielgerätes sorgen für eine unüberhörbare Geräuschkulisse, so dass der Sinn des Hörens besonders zur Geltung kommt. Das wiederum führe zu Stille unter den Zuschauern, ähnlich wie beim Tennis, erklärte Koparan. Erst bei Erfolg gebe es Jubel und Applaus.

Mit den Trainingseinheiten möchte die Telekom Jugendlichen zeigen, welche Leistungen behinderte Sportler erbringen, indem sie selbst ausprobieren wie anspruchsvoll eine Orientierung ohne Sehvermögen ist.

Das Regelwerk unterscheidet sich nur in einigen Punkten vom Fußball, den „Normal-Sehende“ spielen. Sie sind aber entscheidend. Feld und Tor sind kleiner, orientiert am Handball, eine Mannschaft besteht aus vier Feldspielern und einem sehenden Torwart sowie einem ebenfalls nicht sehbehinderten „Tor-Guide“. Er lotst mit seiner Stimme die Offensive in die richtige Position.

Eine andere Art des Sports: Fußball als Blinde

Mitspielen dürfen bei offiziellen Wettbewerben Aktive mit maximal zehn Prozent Augenlicht. Um eine Chancengleichheit aller herzustellen, erhalten die Akteure eine spezielle Brille an einer Art Helm mit Protektoren, um Unfälle zu verhindern. Die sind allerdings international (noch) nicht zugelassen. Zusätzliche Sicherung bietet ständiges Rufen auf dem Spielfeld. Gegner müssen sich dem Ballführenden mit dem Ruf „Voy, voy, voy“ bemerkbar machen. Das ist spanisch und heißt „Ich komme“. Denn langsam ist das Spiel nicht. „Nur weil die Leute blind sind, kriechen sie nicht über den Platz“, erklärt Plingen, Absolvent der Sporthochschule Köln.

Eben solche seltsam anmutende Kopfbedeckung setzen die Spielerinnen und Spieler beim Training in Erichshagen-Wölpe auf – und schon herrscht Dunkelheit. Die „Profis“ bekämen noch zusätzlich die Augen darunter abgeklebt. Das muss in diesem Fall nicht sein. Mir zumindest reicht die maximale Einschränkung der Sicht. Ob ich den Ball nun alleine über einige Meter führen muss oder einen Pass geben soll, das Resultat ist in den meisten Fällen doch sehr ernüchternd. Dass mehrere Bälle, die in diesem speziellen Fall in Bewegung sind, erschwert die Ortung zusätzlich. Zwar versuche ich mich auf Valgolios Stimme zu konzentrieren, die stets in Ballnähe ist, allzu schnell ist die Kugel dann aber auch wieder entfleucht – und wenn es nur Zentimeter sind. Immerhin: Ein Blick aufs Geschehen ohne Übungsbrille legt den Verdacht nahe, dass ich doch nicht der einzige Teilnehmer war, bei dem deutliches Verbesserungspotenzial bestand. Außerdem gehöre ich sowieso zu den Altherren und hätte nicht den Hauch einer Chance gegen die aufstrebende Jugend.

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Quelle: BlickPunkt Nienburg

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