Performance zur Flucht

Flüchtlinge setzen sich mit eigenen und anderen Wegen auseinander

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Ein Bild seiner Flucht hat jeder der Seminarteilnehmer gemalt. 

Loccum - Von Beate Ney-Janßen. „Kultur macht stark“ – unter diesem Signet fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung zahlreiche Projekte. Profitiert haben davon rund 30 Flüchtlinge in der Evangelischen Heimvolkshochschule Loccum. Sie trafen sich für eine Woche unter dem Motto „Meine Wege – deine Wege – unsere Wege?“. Sie wissen, wie das ist. Deshalb können sie es auch darstellen. Mimik, Gestik, die gesamte Performance – für viele der Flüchtlinge ist es ein Stück ihrer eigenen Wirklichkeit.

Sie wissen, wie es ist, zuzusehen, wenn ein Nachbar erschossen wird. Wie es ist, in einem zu kleinen Boot bei rauer See zu kentern. Wie es ist, einen ertrunkenen Freund an Land zu tragen. Mit welcher Erschöpfung sie ankommen. Wie sie es preisen, ihr Ziel erreicht zu haben, in einem „sicheren Hafen“ gelandet zu sein.

„Dazu mussten wir kaum etwas beitragen“, sagt Christine Gleiss. „Wir“, das sind sie und Anke Rienau, die eine Woche lang in der Evangelischen Heimvolkshochschule mit rund 30 jungen erwachsenen Flüchtlingen am Thema „Meine Wege – deine Wege – unsere Wege?“ gearbeitet haben.

Eine Performance zu erarbeiten, ist eines der Ziele der beiden Frauen gewesen. Darauf haben sich die Flüchtlinge schnell eingelassen, um ihren eigenen Weg darzustellen – mit diesen Szenen, die so eindringlich sind, weil sie eben genau wissen, was jemand empfindet, der das erlebt. Ihre Wege, ihre Flucht haben sie aber auch als Bild gemalt. Diese Bilder hängen ringsum im Saal der Heimvolkshochschule und jedes erzählt eine dramatische Geschichte. Manche sind kunstvoll ausgearbeitet, andere skizzenhaft mit ungeübter Hand, manche plakativ – und einer hat bekannt, dass seine Flucht in seinem Kopf nur ein großes Loch ist. „Nichts“ hat er in Erinnerung – oder will nicht davon erzählen.

Erst eine gemeinsame Sprache finden

Erzählen, das ist ein weiteres Thema gewesen in dieser Woche. Obwohl das nicht immer ganz einfach war. Denn schließlich muss in solchen Gruppen erst eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Deutsch, Englisch, Französisch reichen nicht aus, auch wenn viele zumindest bruchstückhaft eine dieser Sprachen sprechen. Also wird hin und her übersetzt. Jede Ansage, die Gleiss und Rienau machen, wird oft wiederholt. Auch in Dari und Arabisch.

Das ist einer der Gründe, weshalb der Plan, mit dem die beiden Frauen in die Woche gestartet sind, nicht einzuhalten war. Sechs Sprachen kosten Zeit, da kann ein Plan nicht so strikt „abgearbeitet“ werden. Und irgendwann ist auch das Vertrauen in dieser so sehr gemischten Gruppe, in der junge Menschen aus vielen Staaten, Kulturen und Religionsgemeinschaften zusammenkommen, gewachsen. Wer anfangs noch skeptisch zu seinem Nachbarn schaute, hat Vertrauen gefasst und will seine Geschichte erzählen. Auch das kostet Zeit. Die eigenen Wege erzählen, die Wege anderer hören – das schafft Verbundenheit und daraus wächst irgendwann die Performance.

Rote Mosaikstückchen symbolisieren das Blut

Ebenso entsteht ein Mosaik. Noch muss die Farbe auf dem hölzernen Rahmen trocknen. Dann soll dieses Mosaik aber einen festen Platz in der Bildungseinrichtung bekommen. Auch dieses Mosaik erzählt eine Geschichte. An deren Anfang stehen Symbole von Muslimen, Christen und Jesiden – allesamt neben Gräbern. Rote Mosaikstückchen, von denen es viele gibt, symbolisieren das Blut, das geflossen ist.

Ein Berg, den es zu bezwingen gilt, schneebedeckt, folgt als erste Station der Flucht. Dann kommt das Meer, darauf ein Boot, darüber Dunkelheit – Schlepper meiden gern das Tageslicht. Blut ist auch auf dem Meer. Danach kommt Deutschland. Keine roten Mosaike mehr, stattdessen eine Sonne.

Dunkelheit und Licht sind auch im Saal ganz nah beieinander. Kaum ist die Generalprobe der Performance vorüber, kaum haben Gleiss und Rienau laut applaudiert, werden Cajons hervorgeholt und die gelungene Darstellung mit einem Lied gefeiert. Alle stimmen ein, singen laut, klatschen, beginnen, ausgelassen zu tanzen. Zu gut war das Miteinander, um das nicht zu feiern.

Sie singt und tanzt

Ein wenig am Rand der Tänzer hält sich die einzige Frau unter den 30 Seminarteilnehmern auf. Sie ist erst vor zwei Wochen gemeinsam mit ihrem Bruder nach der Flucht aus Afghanistan im Landkreis Nienburg angekommen. Auch sie singt und tanzt, hat kurz zuvor noch einem jungen Mann aus Eritrea heimlich „Hasenohren“ gemacht und dazu schelmisch in die Kamera gezwinkert. Von ihrer Angst, die sie vier Tage zuvor hatte, als sie feststellte, dass sie als einzige Frau unter so vielen Männern eine Woche verbringen soll, ist nichts mehr zu spüren. Ihren eigenen, den Weg von anderen und einen gemeinsamen Weg ist sie in dieser Woche, in diesem Seminar auf der Spur gewesen. Den Anspruch, einen Weg für sich in Deutschland gefunden zu haben nach diesen Tagen, kann die Woche sicherlich nicht erfüllen. Den Anspruch, mit mehr Selbstbewusstsein und Verständnis für andere Kulturen Loccum zu verlassen hingegen schon.

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