Dr. Julia Shaw hielt einen Vortrag an der Polizeiakademie

Sie pflanzte falsche Erinnerungen ein

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Die 28-Jährige unterrichtet an der South Bank University in London Kriminologie und Psychologie. In Nienburg hielt sie einen Vortrag an der Polizeiakademie zum Thema Gedächtnismanipulation.

Nienburg - Auf das Gedächtnis ist leider nicht immer Verlass. Gerade, wenn es um etwas wichtiges geht, scheinen die Gedanken und Erinnerungen nicht verlässlich zu sein. Ein Phänomen, das auch Dr. Julia Shaw untersucht hat. Am Montag war sie deshalb an der Polizeiakademie und hielt einen Vortrag zu diesem Thema.

Sie ist erst 28 Jahre alt – besitzt allerdings einen Doktortitel, unterrichtet an der South Bank University in London Kriminologie und Psychologie und hat bereits zwei Universitätslehrpreise gewonnen: Dr. Julia Shaw, geboren in Deutschland, aufgewachsen in Kanada, ist eine der der führenden Kapazitäten in ihrem Forschungsgebiet. In diesem Jahr veröffentlichte die 28-jährige Rechtspsychologin ihr Buch „Trügerisches Gedächtnis – Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“. Genau zu diesem Thema hielt sie am Montag vor 220 Interessierten in der Polizeiakademie Niedersachsen einen Vortrag.

Im ersten Teil ihres Vortrags befasste Dr. Julia Shaw sich mit dem Aufbau des Gedächtnisses. Sie ging auf die Erinnerungen als multisensorisches Netzwerk im Gehirn ein. „Unsere Sinne brauchen Reize und Aufmerksamkeit, damit wir uns etwas merken können“, erklärte sie. Dafür müsse man beispielsweise einen Menschen mit einer Situation, einem Gefühl oder einer Sinneswahrnehmung wie einem Geruch verknüpfen, um sich seinen Namen schnell merken zu können.

Etwas Adrenalin sei dabei für das Gehirn gut, um die Erinnerung durch Aufmerksamkeit zu aktivieren. Zu viel Stress, Emotion und Adrenalin würden die Gedächtnisfunktion jedoch schmälern. Fakt sei: Ohne Aufmerksamkeit keine Erinnerung: „Multitasking gibt es nicht – nicht für Männer und nicht für Frauen“, stellte die Wissenschaftlerin klar. Der Mensch könne nur schnell von einem zum anderen wechseln, würden dabei aber auch Details verlieren.

Für jede menschliche Erinnerung gelte: „Wenn man sich erinnert, erinnert man sich an seine letzte Erinnerung.“ Deshalb verändere sich beim mehrmaligen Wiederholen eine Erzählung immer ein bisschen. Dies gehöre zur menschlichen Normalität, erklärte die Forscherin.

Für ihre Forschungsarbeit im vergangenen Jahr pflanze Shaw falsche Erinnerungen ein. Was nach Science-Fiction und „Hollywood“ klingt, gelang der jungen Wissenschaftlerin tatsächlich. In ihrer Studie hat sie es geschafft, 70 Prozent von ihren Probanden nach drei Sitzungen zu überzeugen, dass sie in ihrer Jugend eine Straftat begangen hätten.

Wie kam es, dass sie sich bereitwillig an eine Straftat erinnerten, die sie nie begangen hatten? Shaw befragte die Eltern der Probanden zu starken emotionalen Ereignissen in deren Jugend und verband diese in den Gesprächen mit dem Vorwurf der Straftat und der Frage wie sich dies emotional angefühlt habe. Sie habe falsche Informationen mit geleiteter Imagination und Suggestion verbunden: „Es entstanden in kürzester Zeit falsche Erinnerungen voller bunter Details, die sich für die Teilnehmer echt anfühlten.“

Durch ihre Forschung ergeben sich wichtige Anhaltspunkte für polizeiliche Vernehmungen, auf die sie im zweiten Teil ihres Vortrags einging. Es sei schwer zu erkennen, ob jemand in der Vernehmung lüge oder eine falsche Erinnerung habe, die für ihn echt wirke. „Details, Emotionen und Selbstsicherheit machen eine Erinnerung noch nicht wahr“, weiß die Referentin. Wichtig sei es für die Polizei Informationen mit offener Fragestellung in der allerersten Kontaktaufnahme schriftlich festzuhalten, da sich die Erinnerung bei jeder weiteren Befragung verändere.

Nach weiteren Tipps zur Vernehmungstechnik und der Vermeidung von Pseudoerinnerungen schlossen sich sehr viele Fragen aus dem Plenum an. Unter anderem antwortete Shaw, dass es durchaus sehr individuell sei, wie viele Erinnerungen an die eigene Kindheit präsent seien. Trotzdem fügte sie lachend an: „Leben Sie im Jetzt, der Rest ist Fiktion.“ Im Anschluss stellte die junge Forscherin ihr Buch „Das trügerische Gedächtnis“ vor, das vom Hanser Literaturverlag zum Buch der Woche gewählt wurde.

Der Direktor der Polizeiakademie Dieter Buskohl ist überzeugt, dass die Akademie mit solchen Vorträgen über aktuelle Forschungen ein wichtiges Themengebiet anfasse. Dies bestätige die hohe Zahl der Anmeldungen und das große Interesse in der Fragerunde. „Die Polizei kann wissenschaftliche Erkenntnisse noch mehr in ihre strategische Ausrichtung einbeziehen“, zieht Buskohl letztlich als Fazit.

Hier gibt es einen Einblick in Shaws Forschung: 
 

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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