Internationaler Tag am 17. November

Frühchen trotz düsterer Prognose nun Gymnasiastin

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Heilpädagogin Linda Hirndorf (l.) mit Kim L. und ihrer Mutter Heike. Kim war ein „Frühchen“, bekam düstere Prognosen, besucht jetzt aber ein Gymnasium. 

Nienburg - Von Jens Heckmann. Im Schnitt jedes zehnte Kind kommt deutlich zu früh zur Welt, gilt als Frühgeborenes. Der medizinische Fortschritt lässt die meisten Kinder überleben. Doch die zu frühe Geburt hat fast immer Folgen, die sich zum Teil erst nach Jahren zeigen. Die Beratungsstelle für Früherkennung und Frühförderung der Lebenshilfe unterstützt die Kinder und ihre Familien: Meist lassen sich die Auswirkungen einer Frühgeburt ausgleichen, sagt Bärbel Augurzky, Leiterin der Einrichtung.

Kim kam viel zu früh zur Welt. „28 plus 2“, sagt die Mutter. Heißt: 28. Woche und zwei Tage. Heike L. hatte in Sulingen entbunden, die Kleine kam sofort nach Bremen ins Krankenhaus. Das war ihr Glück: „Die Klinik in Bremen bahnt automatisch den Kontakt zur Frühförderung an, wenn eine Mutter aus unserem Bereich eine Frühgeburt hat“, so Bärbel Augurzky. „Das ist nicht immer so.“

In Kims Fall startete die Lebenshilfe sofort nach Abschluss der medizinischen Behandlung mit der heilpädagogischen Begleitung des Mädchens: Einmal in der Woche kam Linda Hirndorf zur Familie L. nach Hause und arbeitete mit der Kleinen. „Eine Stunde die Woche scheint nicht viel“, so Linda Hirndorf. „Aber die Beziehung zum Kind und die Kontinuität über Jahre sind entscheidend.“

„Begleitung ist auch langfristig wichtig“

Für Kim sah die Zukunft nicht gut aus. „Die ärztliche Prognose war sehr düster“, erinnert sich Linda Hirndorf. „Wir arbeiten aber nicht nur auf Grundlage der medizinischen Vorausschau, sondern mit den Möglichkeiten des Kindes. Die wollen wir stärken und entwickeln.“ Offenbar mit Erfolg: „Rund 90 Prozent der Kinder, die die Lebenshilfe betreut – egal ob „Frühchen“ oder nicht – besuchen später eine Regelschule“, verdeutlicht Bärbel Augurzky.

Den Erfolg wollen sie und Linda Hirndorf zwar nicht allein der Kompetenz des Sozialdienstleisters zuschreiben: „Ich glaube, die Fähigkeiten eines Kindes, Defizite auszugleichen, werden oft unterschätzt“, sagt die Heilpädagogin.

Allerdings ist die unterstützende Begleitung auch langfristig wichtig, weiß Bärbel Augurzky. Denn oft zeigen sich Folgen einer Frühgeburt erst nach Jahren: „Die Eltern konzentrieren sich natürlich zunächst darauf, dass die direkten Folgen und Gefahren einer Frühgeburt bewältigt werden. Das ist eine unglaubliche Belastung. Scheint das überwunden, will man sich mit dem Thema nicht mehr befassen. Und wenn dann nach zwei, drei Jahren plötzlich motorische Schwierigkeiten auftauchen, Sprachprobleme, Schwierigkeiten in der Handlungsplanung oder auch Bindungsstörungen, die auf die zu frühe Geburt zurückzuführen sind, ist das für die Eltern ein Schlag!“ Fachleute können auch noch Jahre nach der Geburt Entwicklungshemmnisse aufarbeiten. „Aber natürlich ist eine möglichst zeitige Begleitung sinnvoll“, weiß Linda Hirndorf.

Linda Hirndorf, die Kim bis zur Einschulung begleitet hat, ist froh, dass sie sich vor zehn Jahren nicht allein auf die medizinische Prognose verlassen hat, sondern an Kim und ihre eigene Kompetenz glaubte.

Kim L. geht inzwischen aufs Gymnasium. Sie ist eine Leseratte und nutzt dazu am liebsten ganz altmodisch Bücher, hat eine künstlerische Ader, ist sportlich und liebt Tiere. Ein ganz normales Mädchen. Doch die üblichen neun Monate Schwangerschaft haben einen Sinn, eine zu frühe Geburt hat Folgen: Kim muss weiter zur Krankengymnastik gehen und sie hat ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom).

„Es ist extrem schade“, sagt Mutter Heike L., „dass die Begleitung durch die Lebenshilfe mit der Einschulung aufhört. Es gibt dann nur noch Schulbegleitung oder gar nichts mehr. Dazwischen gibt es nichts.“

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