„Wir wollen keine Helden sein“

Feuewehrleute sehen oft verstümmelte Menschen in zerfetzten Autos

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Bei der Menschenrettung aus Unfallautos muss die Rüstwagen-Besatzung mit absoluter Präzision zu Werke gehen. 

Nienburg - Von Kurt Henschel. Kunststoff knirscht, Metall knackt, Glas splittert – und es riecht. Nach Blut und Benzin. Wo das geschieht, ist kurz zuvor Schlimmes passiert. Feuerwehrleute sind mittlerweile am Werk, um nach schweren Unfällen Menschen aus zumeist völlig zerfetzten Autos zu retten. Oft sehen sie dann auch verstümmelte Opfer. Eine Herausforderung für die Psyche der Spezialisten, die während ihres Einsatzes aber Emotionen ausblenden müssen: Präzision, Disziplin und Teamwork sind nämlich gefragt bei denen, die sich dieser Aufgabe stellen – freiwillig und ehrenamtlich.

Kann das jeder? „Nein“, gesteht Laura Kottus, Jugendfeuerwehrwartin und aktives Mitglied in der Feuerwehr Nienburg. Sie hat es probiert, aber ihr sei einmal ganz schwummrig geworden und habe apathisch am Rand des Geschehens gestanden. Eigentlich fatal, denn die Besatzung des ersten Rüstwagens mit dem technischen Gerät bestehe nur aus drei Leuten, erklärt Ortsbrandmeister Thomas Cornelsen. „Und da müssen alle funktionieren, sich einer auf den anderen verlassen können“, wie er erklärt. „Wer also weiß, dass er es nicht kann, der muss das auch sagen. Das ist keine Schande, niemand zieht ihn deshalb auf“, fügt Wolfram Müller, neben Ralf Bergmann Cornelsen-Stellvertreter, hinzu.

Cornelsen, Müller und Bergmann, alle seit weit mehr als 40 Jahren in der Feuerwehr aktiv, geben im Nienburger Feuerwehrhaus bereitwillig Auskunft über den Ablauf eines solchen Einsatzes, bei dem immer auch der zweite Rüstwagen mit neun Leuten zum Unfallort ausrückt. So stünden zwei Rettungssätze zur Verfügung und es können zwei Autos gleichzeitig „bearbeitet“ werden. Auch sei es dann leichter möglich, eine Einsatzkraft auszutauschen, falls doch jemand einen „Blackout“ bekommen sollte.

Junge Leute kommen nicht unvorbereitet zu Leichen 

„Das darf aber eigentlich nicht passieren“, erklärt Cornelsen, der als Feuerwehr-Chef ganz genau darauf achtet, wen er an vorderster Front einsetzt. „Wenn jemand blass um die Nase ist, schicke ich ihn zur Verkehrsregelung“, so Cornelsen. Er weiß aber ganz erfahrene Leute um sich, die der Ehrgeiz treibt, helfen zu wollen. „Und das muss schnell und hochprofessionell geschehen“, sagt Cornelsen, der zudem darauf aufpasst, „dass junge Leute nicht unvorbereitet an die Leichen kommen“.

„Es braucht den Tunnelblick“, sagt Marc Henkel, Zugführer in der Feuerwehr Nienburg. Wer vorne arbeite, müsse sich „voll auf die Arbeit konzentrieren“, denn es gehe auch darum, möglichst die sogenannte „goldene Stunde“ einzuhalten. Cornelsen erklärt: „Ziel ist es, innerhalb einer Stunde nach dem Unfall die Verletzten im Krankenhaus zu haben. Das erhöht die Chancen der Opfer um etwa 80 Prozent.“

Die Rettung der Fahrzeug-Insassen habe „so schonend wie möglich“ zu erfolgen, so der Wehr-Chef. Ist ein Fahrzeug-Insasse bereits tot, dann gebühre ihm „ebenfalls ein pietätvolles Vorgehen“, ergänzt er. Allerdings: Hat der Notarzt, der zusammen mit dem Feuerwehr-Einsatzleiter bei Eintreffen am Unfallort zunächst die Lage analysiert und das Vorgehen bespricht, den Tod einer Person im Auto festgestellt, bekommen andere Insassen vorrangige Aufmerksamkeit.

Gemeinsames Gespräch nach dem Einsatz

Ist der Einsatz vorbei, setzten sich die Feuerwehr-Kräfte zusammen, um das Erlebte zu besprechen und auch zu verarbeiten. Auf die immer wieder auftauchende Frage, „wie das wohl passieren konnte, bekommen wir zumeist keine schlüssige Antwort“, berichtet Benjamin Koschmieder, der ebenfalls erlebt hat, was es heißt, am Unfallauto ganz vorn dabeizusein.

Haben Erfahrungen im Einsatz mit dem Rüstwagen (v.l.): Wolfram Müller, Marc Henkel, Benjamin Koschmieder, Laura Kottus, Ralf Bergmann und Thomas Cornelsen von der Feuerwehr Nienburg

Klappt es, die Dinge auszublenden? Marc Henkel: „Irgendwas bleibt immer hängen und prägt sich ein.“ Bei der Verarbeitung der zumeist schrecklichen Szenen helfen – falls notwendig – Mitglieder des Kriseninterventionsteams des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) oder auch Notfall-Seelsorger, zumeist Pastoren. „Die müssen sich aber in erster Linie um Angehörige von Unfallopfern kümmern“, sagt Cornelsen, der ganz, ganz grässliche Unfälle beschreibt, deren Details an dieser Stelle aber vom Weiterlesen abschrecken könnten.Aber Cornelsen verrät noch einen Tipp, den er seinen Rettern immer wieder einimpft: „Wer beim Blick auf das Kennzeichen eines Unfallautos glaubt, die Insassen zu kennen, der sollte wegbleiben.“ In einem solchen Fall könne die Belastung zu hoch sein und damit die Arbeit beeinträchtigen.

Es geht darum, zu helfen 

Sind die Retter Helden? „Ganz klar: Nein“, ruft Wolfram Müller in die Runde. „Wir wollen keine Helden sein – wir machen nur unsere Arbeit“, fügt er hinzu und bekommt das von Chef Cornelsen bestätigt: „Es geht darum, die Arbeit zu machen und zu helfen.“

Ist die Arbeit im Ernstfall mit Schere, Spreizer und anderen Gerätschaften zu erlernen? „Wir führen die jungen Feuerwehrmitglieder behutsam an diese Aufgabe heran. Es gibt Lehrgänge für technische Hilfeleistungen, außerdem üben wir an Schrottautos“, sagt Cornelsen, der dann noch etwas erklärt, was auf den ersten Blick „grausam“ klingen mag: Bei der Bergung von Toten aus einem Wrack nehmen die Erfahrenen auch schon einmal jüngere Mitglieder mit. Dabei gebe es keine Eile und keine Hektik und der Erfahrungsschatz nehme zu. Ralf Bergmann: „Niemand muss das machen. Er muss nur sagen, dass das nichts für ihn ist. Dann ist das auch völlig in Ordnung.“ Laura Kottus nickt in diesem Moment. Sie müsse das nämlich nicht unbedingt haben und weiß, dass das alle wissen und ihr absolut nicht verübeln.

"Ihr Einsatz ist sensationell" - Ein Kommentar zu diesem Artikel

Von Gaffern und Handy-Filmern

Schwere Unfälle locken immer auch sogenannte Gaffer an. Diese Erfahrungen haben auch die Mitglieder der Feuerwehr Nienburg gemacht. Sie sind zwar froh darüber, dass diese Personen, die die Arbeit von Einsatzkräften stören oder gar behindern, neuerdings strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können, doch mittelbar müssen sie sich doch mit diesen Personen befassen und auch auseinandersetzen. 

Es sei „einfach nervig“, meistens auch alles andere als hilfreich und schon gar nicht rücksichtsvoll den Opfern und deren Angehörigen gegenüber, wenn „sofort Filme oder Fotos in den sozialen Netzwerken auftauchen“, wie Marc Henkel sagt. 

Der langjährige Pressesprecher der Jugendfeuerwehren des Landkreises Nienburg und Zugführer in der Nienburger Wehr setzt auf Ansprache: Wenn er sieht, dass jemand sein Handy zückt, um einen Film von den Arbeiten der Retter zu machen, dann geht er auf den Menschen zu. „Ich frage ihn dann, ob er das gern hätte, wenn er in einer solchen Situation wäre.“ 

In den meisten Fällen treffe er auf Einsicht, so Henkel. Wenn dann aber doch einmal Fotos oder Filme durchrutschten und bei Facebook & Co. zu sehen sind, dann stellt er Kontakt her und bittet denjenigen, der etwas gepostet hat, seinen Beitrag wieder zu entfernen. „Das klappt in den meisten Fällen, müsste aber nicht sein“, so Henkel. Er würde sich wünschen, dass Gaffer gar nicht erst das Handy zücken und derartige Handlungen mit Rücksicht auf alle irgendwie an einem Unfall Beteiligten unterließen. 

www.feuerwehr-nienburg.de

Erst vor wenigen Wochen kam es zu einem schlimmen Unfall in Nienburg: 

Unfall auf der Verdener Landstraße: Zwei Tote

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