Maßregelvollzugszentrum äußert sich zu Ausbruch

Dumm gelaufen

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Nun vergittert, vorher die letzte Schwachstelle auf Station 1: Axel Weber (links) und Matthias Eckel an dem Fenster des Behandlungszimmers, aus dem der Patient floh.

Bad Rehburg - von Beate Ney-Jansen. Der erste Arbeitstag nach dem Sommerurlaub ist für Axel Weber, Leiter und Chefarzt des Maßregelvollzugszentrums in Bad Rehburg, alles  andere als entspannt gewesen. Wenige Tage zuvor war einer der Patienten der Klinik geflohen.

Nach rund 24 Stunden stand der Mann wieder vor der Tür, wollte – hungrig, durstig und erschöpft - erneut aufgenommen werden und hatte nach bisherigem Kenntnisstand seine Freiheit nicht genutzt, um Straftaten zu begehen. Negative Schlagzeilen hat die Bad Rehburger Klinik durch diesen Vorfall aber dennoch ein weiteres Mal bekommen.

Wie der Ausbruch abgelaufen ist, wissen Weber und der Sicherheitsbeauftragte der Klinik, Matthias Eckel, mittlerweile. Der Patient befand sich auf der Station 1 – der am besten gesicherten Abteilung der Klinik - in der üblicherweise die Neuzugänge mehrere Wochen verbringen, so wie auch jene, die aus dem Maßregelvollzug zurück in eine Justizvollzugsanstalt kommen sollen. Letzteres galt für den 32-jährigen Geflohenen.

Der hatte sich eine letzte Lücke vor Abschluss etlicher Baumaßnahmen an der Klinik zunutze gemacht: das fehlende Gitter vor dem Behandlungszimmer der Station 1. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre seien viele bauliche Veränderungen zur Erhöhung der Sicherheit vorgenommen worden, sagen Weber und Eckel. Die Schleusen sind beispielsweise neu. Zwei Türen mit je vier Riegeln stehen hintereinander. Niemals können beide gleichzeitig offen sein. Wer durchgehen will, muss die erste Tür schließen, um die zweite öffnen zu können. Und aufgeschlossen wird die erste stets nur dann, wenn Sichtkontakt zu einem weiteren Mitarbeiter auf der Station besteht. Zu den Sicherungsmaßnahmen gehören auch neue Fenster mit Sicherheitsglas auf drei Stationen, die nur noch teilweise gekippt werden können. Und selbst dort, wo frische Luft in die Zimmer wehen kann, sind Lochbleche eingelassen, um zu verhindern, dass die Patienten womöglich Drogen oder ähnliches zugesteckt bekommen. Das letzte noch nicht gesicherte Fenster war jenes im Behandlungszimmer auf der Station. Diese Schwachstelle nutzte der Patient und hatte bei seinem Vorgehen in einigen weiteren Punkten das Glück auf seiner Seite.

„Die Tür zu diesem Raum hat außen einen Knauf“, erklärt Eckel. So kann sie ohne Schlüssel nicht geöffnet werden. Wegen des fehlenden Fenstergitters hatten die Mitarbeiter die Anweisung, die Tür zusätzlich abzuschließen. Das jedoch wurde an jenem Abend versäumt. Geplant war der Ausbruch dennoch – mit einem Radiergummi präparierte der Patient den Schließmechanismus. So konnte er die Tür öffnen. Eigentlich hätte er auch ohne Gitter nicht aus dem Fenster kommen können, da die Flügel abgeschlossen waren. Ein Scharnier war jedoch gebrochen, so dass sich das Fenster aufhebeln ließ. Und dann fehlte eben das Gitter davor – sechs Wochen zuvor habe die Klinik den Einbau des Gitters bei der beauftragten Baufirma bereits angemahnt, sagt Eckel. Die habe jedoch Lieferschwierigkeiten angeführt. Nach dem Ausbruch sei ein anderer Schlosser gekommen und habe innerhalb von Stunden ein provisorisches, nichtsdestotrotz aber sicheres Gitter innerhalb von Stunden angebracht.

Viele Umstände haben also dem Ausbrecher geholfen. Manche liegen in der Verantwortung der Klinik, andere auf anderer Seite. Auch um eigene Versäumnisse reden Chefarzt und Sicherheitsbeauftragter nicht herum. Dennoch, sagen beide, sei die Klinik noch sicherer geworden durch alle Baumaßnahmen. Da gebe es kein Vertun. Und dass nun dieser Patient das vermutlich letzte Schlupfloch entdeckt habe und ihm einige Umstände dabei zugute kamen – das sei wirklich dumm gelaufen. Baulich, sind sich beide sicher, ist nun alles getan worden, was möglich ist, um Ausbrüche von der Station 1 zu verhindern.

Dieser Ausbruch schlägt hohe Wellen und zeigt die Klinik nicht in bestem Licht. Das ist Weber und Eckel klar. Dabei meinen sie doch, dass es auch andere Schlagzeilen geben könne. „Eigentlich sind wir mit unserer Arbeit ganz zufrieden“, merkt der Chefarzt an. Die Therapie für alkoholkranke Straftäter in ihrer Einrichtung bringe viele Erfolge. Das werde nur leider kaum jemals öffentlich erwähnt. Öffentlich würden eben immer nur die spektakulären Fälle, die Ausbrüche, alles, was nicht optimal läuft. Ein absoluter Tiefpunkt sei es sicherlich, dass der Mord an einer 23-jährigen Bad Rehburgerin vom September des vergangenen Jahres einem der Patienten angelastet werde. Von allen anderen, denen aber geholfen wurde und wird, werde nahezu nie erzählt. Bei ihrer Arbeit spiele das Sicherheitskonzept gewiss eine Rolle, denn schließlich sollen Risiken für die Bürger ringsum, für Mitarbeiter und auch für Patienten ausgeschlossen werden. Die eigentliche Arbeit liege aber in der Therapie der Patienten, wozu beispielsweise auch gehöre, dass sie unter bestimmten Bedingungen Lockerungen bekommen könnten – vom begleiteten Gang durch den Park bis hin zum Wochenende mit Freigang. Und dass dieser Park der Klinik nicht von hohen Mauern umgeben sei, sondern dort ganz im Gegenteil jederzeit auch Spaziergänger von außerhalb unterwegs sein dürfen, gehöre auch zu dem Konzept. Dieser sehr offene Umgang sei nicht für jeden Patienten geeignet, auch darin sind sich Weber und Eckel einig – jene, die damit nicht umgehen könnten, würden jedoch in andere Maßregelvollzugszentren verlegt. Moringen und Göttingen nennen sie als Beispiele, die von Zäunen umgeben sind. „Hier arbeiten wir über Beziehungen“, sagt der Chefarzt. Und darauf bauten ihre Erfolge auf. Das sollte in der Öffentlichkeit auch einmal zur Sprache kommen.

Quelle: BlickPunkt Nienburg

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