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„So Mutter, nun kannst du weg!“

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Die Aupair-Oma Christa Gassmann (sitzend, links) stellte den Mitgliedern des Hoyaer Landfrauenvereins ihr Buch vor. Foto: Ina Homfeld
Die Aupair-Oma Christa Gassmann (sitzend, links) stellte den Mitgliedern des Hoyaer Landfrauenvereins ihr Buch vor. Foto: Ina Homfeld

Bücken – „Herbstzeit ist Landfrauenzeit“ schreibt der Landfrauenverein Hoya in einer Pressenotiz zum Beginn seiner Vortragsveranstaltungen. Mit der Einladung der ersten Referentin habe der Vorstand auch gleich einen Volltreffer gelandet: Rund 120 Gäste konnte die Vorsitzende Imke Wicke im Gasthaus Thöle in Bücken begrüßen, als die 80-jährige Christa Gassmann über ihre Abenteuer als „Aupair-Oma“ in Kanada berichtete.

„Wenn man etwas will, dann kann man das, man muss es nur wollen“, begann die in Eldagsen bei Springe lebende Referentin ihren Vortrag. Geboren im Jahr 1939, groß geworden in den Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren, sei es insbesondere den Mädchen verwehrt gewesen, weiterführende Schulen zu besuchen, stellte Christa Gassmann heraus.

Volksschule, Handelsschule und danach ins Büro, so war ihr Werdegang und der vieler Frauen in dieser Zeit. Sie heiratete mit 22 Jahren, verlor früh den ersten Mann, heiratete ein zweites Mal und brachte vier Kinder zur Welt. Ihren Sprösslingen ermöglichten sie und ihr Ehemann berufs- oder schulbegleitende Auslandsaufenthalte, bedauerte aber insgeheim immer, diese Erfahrungen nie selbst gemacht haben zu dürfen.

Ein Schlüsselerlebnis sei eine erste Reise in die USA auf Einladung einer ehemaligen Klassenkameradin gewesen. Die fehlenden englischen Sprachkenntnisse waren der Rentnerin ein Dorn im Auge. Also belegte sie kurzerhand bei der Volkshochschule Englisch-Kurse. Im Jahr 2011 wurde ihre Tochter durch eine Zeitungsanzeige auf das Angebot der Agentur „Granny-Aupair“ aufmerksam und verdeutlichte der damals 70-Jährigen: „So Mutter, nun kannst du weg!“. Die erste Hürde, fehlende Computerkenntnisse, überwand die Rentnerin wiederum durch einen VHS-Kurs und trat in Kontakt mit einer schwäbischen Auswandererfamilie in Manitoba, einer Provinz in Kanada.

Und dann ging alles sehr schnell. Am 3. Juni 2011 erhielt sie den Anruf der Familie, am 3. Juli 2011 stieg sie in das Flugzeug Richtung Winnipeg. In der Zwischenzeit entbrannte ein Rennen um Visum, Auslandsführerschein und anderer Papiere, aber auch ein ungeheures Medieninteresse.

Trotz Bedenken ihres Arztes aufgrund früherer Krebserkrankungen und vier künstlicher Gelenke und kritischer Kommentare ihrer Freundinnen, machte sie sich auf den Weg. Authentisch und humorvoll erzählte die Aupair-Oma von ihren Erlebnissen, den weiten Wegen zum Einkaufen und zum Arzt, dem fehlenden Puddingpulver zum Backen einer Donauwelle, den hohen Lebenshaltungskosten, dem wöchentlichen Besuch des Waschsalons, aber auch dem normalen Alltag einer Familie in Kanada. Kritisch beäugte die Rentnerin einige kanadische Gesetze. Die Kinder wüchsen zwar in einer in Deutschland nicht gekannten Freiheit auf, unter Zwölfjährige dürften nicht ohne Aufsicht sein, der Verzehr von Alkohol im Beisein von Kindern sei ein Tabu, aber ab zwölf Jahren dürften Kinder Waffen mit sich führen.

Im Jahr 2012 wiederholte Christa Gassmann ihren Aufenthalt in Kanada, auf neue Abenteuer möchte sie sich aber nicht einlassen, vielmehr sei sie jetzt als Botschafterin der Agentur „Granny-Aupair“ unterwegs. Auf die Frage, auf was sie sich nach ihrer Rückkehr am meisten gefreut habe, antwortete die Referentin schmunzelnd: „Auf eine Scheibe Gersterbrot.“

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