Zwei Familienclans und ein gescheiterter Killer stehen in Verden vor Gericht

Eine blutige Frage der Ehre

Verden/Nienburg - Von Martin Sommer. Yasar B. ist nicht da. „Der Mann ist fix und fertig“, sagt sein Anwalt Albrecht-Paul Wegener. „Er ist ein menschliches Wrack.“ Zwei Schüsse aus nächster Nähe in Rücken und Lunge haben das unbeschwerte Leben des Deutschtürken aus Nienburg augenblicklich verändert – weil er die falsche Frau liebte.

Deren Angehörige sahen nach dem außerehelichen Techtelmechtel nämlich die Familienehre verletzt und heuerten laut Staatsanwaltschaft Verden einen klammen Bekannten als Killer an. Yasar B. überlebte den Mordversuch schwer verletzt. Vier Familienmitglieder und der geständige Schütze müssen sich seit gestern vor dem Landgericht Verden für die Bluttat verantworten.

Da sind die Familienoberhäupter Adnan T. und Mustafa B., beide 52 Jahre alt, der eine aus Nienburg, der andere aus Hoya. Asli, die Tochter des einen, verließ Ragip, den Sohn des anderen und ließ sich auf eine sexuelle Beziehung mit dem späteren, verheirateten Opfer ein. Laut Anklage sahen beide Clans ihre Familienehre schwer geschändet. Der betrogene Ragip B. (33) aber auch der Bruder der Ehebrecherin, Umut T. (25), sollen laut Anklage in die Verschwörung eingebunden gewesen sein. „Das Arschloch muss bezahlen“, soll Vater Mustafa B. gesagt haben. Und Adnan T. habe versprochen, als Vater der untreuen Ehefrau für die Kosten aufzukommen.

Da traf es sich, dass Nicolae S., ein Bekannter aus Garbsen-Berenbostel, gerade knapp bei Kasse war und seine Miete nicht bezahlen konnte. Laut Anklage soll Ragip B., der gehörnte Ehemann, 10000 bis 15000 Euro für die Tötung seines Nebenbuhlers in Aussicht gestellt haben.

Die Vorbereitung lief akribisch ab, wie Staatsanwältin Annette Marquardt gestern darlegte: Mustafa und Ragip B. trafen sich mit einem Waffenhändler im Cafe des Vaters, dieser legte 1000 Euro hin, der Sohn steuerte 300 Euro für einen kleinkalibrigen Revolver der Marke Browning bei. Dann wurde Yasar B., der in Nienburg ein Geschäft für Büromöbel betrieb, eingehend observiert. Bis der 7. Dezember 2014 gekommen war; der Tag, an dem die Familienehre wiederhergestellt werden sollte.

Die entscheidenden Minuten begannen mit Rotwein und Kokain. Beides wurde Nicolae S. laut Anklage eingeflößt, „um weniger Strafe zu bekommen, falls etwas schiefgehen sollte“. Dann soll Vater Mustafa B. den angeheuerten Killer nach Nienburg chauffiert und das Opfer identifiziert haben: „Dieses ist der Mann, der mit der Frau meines Sohnes Ragip geschlafen hat“, zitierte die Staatsanwältin. Dann soll Mustafa B. die Tatwaffe mit sechs Schuss Munition übergeben haben. Eine Kugel sollte den Kopf treffen, die fünf anderen den Oberkörper. Anschließend sollte der Schütze die Waffe in die Weser werfen. Soweit der Plan.

Tatsächlich schoss Nicolae S. dem Geschäftsmann zunächst in den Rücken, während dieser sich nach Feierabend in sein Auto beugte. Als das verwundete Opfer sich überrascht umdrehte, versuchte Nicolae S. aus nächster Nähe, das Herz zu treffen. Die zweite Kugel durchschlug die Lunge. Das Opfer sank nieder, Nicolae S. flüchtete in der Erwartung, der blutüberströmte Familienvater werde sterben. Tags darauf soll Mustafa B. mit der gegenteiligen Nachricht beim Schützen aufgetaucht sein. Die erhofften 15000 Euro gab es nun nicht mehr; die Bemühungen sollen den Familienclans aber immer noch 4000 Euro wert gewesen sein. Für Nicolaes säumigen Mietzins reichte es allemal.

Im Prozess hingegen hat Nicolae S. wenig Kredit. „Er hat niemanden geschont – auch sich selbst nicht“, umschreibt Nebenklage-Anwalt Albrecht-Paul Wegener die Situation des Hauptverdächtigen. Er hat seine Mitangeklagten schwer belastet und ein umfassendes Geständnis abgelegt. Auch für den zweiten Sitzungstag in einer Woche stellte sein Verteidiger Matthias Gärtner gestern in Aussicht, „dass mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Einlassung kommt“.

Wegen seiner Auskunftsbereitschaft genießt Nicolae S. ein Zeugenschutzprogramm. Eine Maßnahme, die für Albrecht-Paul Wegener und seinen Mandanten nicht in Frage kommt – wohlwissend, dass das Leben weiter in Gefahr sein kann: „Wenn das denn ausgemachter Wille ist, dann sind sie nirgends sicher.“

Rubriklistenbild: © dpa/dpaweb

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