Prozessauftakt: Ehemann und Tochter sollen Thedinghauserin ermordet haben

Staatsanwältin zeichnet ein grausames Bild

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Die Angeklagte sitzt im Landgericht in Verden im Verhandlungssaal und wartet auf den Verhandlungsbeginn.

Verden - Von Felix Gutschmidt. Es hätte eine ganz normale Familiengeschichte werden können: Mann trifft Frau. Sie verlieben sich, heiraten und bringen zwei Kinder zur Welt. Aber irgendwas ist gründlich schiefgegangen. Seit gestern stehen der Ehemann (50) und die jüngste Tochter, gerade 18 Jahre alt, in Verden vor Gericht. Sie sollen dabei zugesehen haben, wie ihre Frau und Mutter im eigenen Wohnzimmer elendig verreckte. Der Vorwurf: Mord durch Unterlassen. Das Motiv: Hass.

Es ist ein grausames Bild, das Staatsanwältin Annette Marquardt in der Anklageschrift zeichnet. Das 49-jährige Opfer habe sich bei einem Sturz die Hüfte gebrochen und sei in den darauf folgenden Wochen qualvoll auf dem Sofa liegend verrottet. „Sie wimmerte vor Schmerzen“, sagt Marquardt. Die Angeklagten hätten ihr nicht geholfen, ihr weder zu Essen noch zu Trinken gegeben und erst recht keinen Arzt zur Hilfe geholt. Dabei hätte die Frau noch am Tag ihres Todes gerettet werden können, sagt Marquardt.

Nach Überzeugung der Ermittler rächten sich Ehemann und Tochter dafür, dass die Frau sich zuvor jahrelang nicht um ihre Familie gekümmert hatte. Sie war alkoholabhängig. Die Angeklagten wollen sich nicht zur Tat äußern oder zu den Umständen in den Wochen und Monaten vor dem Tod des Opfers im März. Am ersten Prozesstag bleibt es bei allgemeinen biografischen Angaben. Das Ehepaar lernt sich nach Angaben des Mannes 1983 auf dem Bremer Freimarkt kennen. Scheinbar ist es Liebe auf den ersten Blick, denn schon nach wenigen Tagen sind sie ein Paar. Bald läuten die Hochzeitsglocken. Ab 1992 lebt das Paar gemeinsam mit den Eltern des Mannes in Thedinghausen (Landkreis Verden).

Ein Jahr später kommt die erste Tochter zur Welt, 1997 die zweite. Der Mann schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. „Ich habe alles mögliche gemacht“, sagt der Angeklagte. Zuletzt arbeitet er als Fahrzeugüberführer. Wann die Mutter anfängt zu trinken, sagt ihr Mann nicht. Verteidiger Michael Brennecke erklärt, dass die Kinder von klein auf unter der Sucht der Mutter litten. Doch das alleine taugt nicht als Erklärung für die Umstände, unter denen die Frau gestorben ist.

Viele Details zu dem Fall machte die Staatsanwaltschaft schon vor dem ersten Prozesstag öffentlich: Dass die 49-Jährige bis auf 26 Kilogramm abgemagert war, dass sich Maden in offenen Wunden der noch lebenden Frau eingenistet hatten. Doch einige der schlimmsten Vorwürfe gibt Marquardt erst jetzt preis: Ehemann und Tochter hätten täglich das Wohnzimmer genutzt, in dem die Frau bei lebendigem Leibe verweste. Sie hätten dort ferngesehen und zum Teil sogar übernachtet.

Der Gestank sei so schlimm gewesen, dass der Mann sich jeden Morgen übergeben musste. Wenn die sterbende Mutter in ihren eigenen Exkrementen auf dem Sofa liegend wirres Zeug redete, habe die Tochter gelacht, behauptet die Staatsanwältin. Schließlich berichtet Marquardt, dass Gerichtsmediziner bei der Obduktion Zigarettenstummel und Flaschendeckel im Körper der Leiche gefunden hätten. Den Mordvorwurf bestreitet die Verteidigung dennoch. Ihr Argument: Eine Tötungsabsicht sei nicht nachweisbar. Die Anklage stütze sich ausschließlich auf die Umstände, unter denen der Leiche gefunden wurde, und berücksichtige nicht die Lebenswirklichkeit der Beschuldigten, sagt Brennecke.

Die Frau habe jede ärztliche Behandlung verweigert. In einem früheren Fall habe sie die Tochter sogar bedroht, als sie medizinische Hilfe holen wollte. Jetzt sollen Zeugenaussagen die Tat begreifbar machen. Auf Anregung der Verteidigung wird das Gericht den Hausarzt der Toten befragen. Auch ein Vertreter des Jugendamts, das sich zwischenzeitlich um die Familie bemüht hatte, soll angehört werden. Die Verhandlung wird am Dienstag, 29. September, fortgesetzt.

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