Syrer treiben in Geisterschiffen

Mutmaßlicher Schleuser in Hannover vor Gericht

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Der 34-jährige Angeklagte betritt den Gerichtssaal im Landgericht in Hannover.

Hannover - Das Schicksal vieler Hunderter eingepferchter Flüchtlinge auf zwei führerlosen Frachtschiffen vor der italienischen Küste machte vor knapp zwei Jahren weltweit Schlagzeilen. 

Einer der mutmaßlichen Schleuser, die die zumeist syrischen Flüchtlinge auf dem offenen Meer in den abgetakelten Frachter „Blue Sky M“ und „Ezadeen“ ihrem Schicksal überließen, steht seit Mittwoch in Hannover vor Gericht. Der 34-jährige Syrer, der selber als Asylbewerber nach Hannover gelangte, räumte die Vorwürfe teilweise ein. Er habe für die Drahtzieher in der Türkei nach Passagieren gesucht, um mit seiner Familie selber mitgenommen zu werden, sagte er aus.

Fast wie die Beschreibung einer Kreuzfahrt las sich die von dem Angeklagten laut Staatsanwaltschaft per Facebook verbreitete Werbung für die Überfahrt mit der "Blue Sky M". Es gebe zwei Decks für Männer und für Familien, Ärzte und Medikamente seien an Bord, der Motor des Schiffes gut in Schuss und der Kapitän Syrer. Tatsächlich wurden 796 Flüchtlinge - auch viele Kinder und Schwangere - Ende 2014 in den massiv überfüllten Frachtraum des unter der Flagge Moldaus fahrenden Frachters gepfercht. Es mangelte an Wasser und Lebensmitteln, die Lage war laut Anklage lebensgefährlich und unmenschlich. Etwa 130 Menschen kamen nach der Ankunft vorsorglich ins Krankenhaus. Viele litten an Unterkühlung.

Dramatische Szenen auf vor apulischen Küste

Die vom türkischen Mersin aus gestartete "Blue Sky M" hatte zunächst vor der griechischen Insel Korfu einen Notruf abgesetzt und einen Großeinsatz der dortigen Marine ausgelöst. Der Kapitän - oder jemand, der sich als Kapitän ausgab - erklärte jedoch, alles sei in Ordnung und das Schiff nicht in Seenot. In der Meerenge zwischen Italien und Albanien verließ die Besatzung dann wohl die Brücke und flüchtete mit Schnellbooten oder mischte sich unter die Flüchtlinge. Auf Autopilot umgestellt steuerte der Frachter auf die felsige apulische Küste zu, irgendwann blockierte der Motor. Es kam zu dramatischen Szenen: Einsatzkräfte der Küstenwache gelangten mit einem Hubschrauber auf das Schiff, um es sicher in einen Hafen zu bringen.

Nur wenige Tage später spielte sich mit dem fast 50 Jahre alten Viehtransporter "Ezadeen", der unter der Flagge Sierra Leones fuhr, ein ähnliches Drama ab. Die 360 Flüchtlinge wurden ebenfalls von den Schleusern auf hoher See ohne Besatzung ihrem Schicksal überlassen. Vor Kalabrien brachte die Küstenwache das Schiff auf, dem der Sprit ausgegangen war. Bilder aus dem Innern lösten Empörung aus. Mit dünnen Decken, ohne Nahrung und Strom mussten die Menschen tagelang in den Viehboxen unter Deck ausharren. Die Migranten berichteten, die Schleuser hätten während der Fahrt ihre Gesichter stets verhüllt, um anschließend unerkannt entkommen zu können.

Von den Drahtziehern gedrängt worden

Die neue Masche der "Geisterschiffe" machten Experten damals als ein Multimillionengeschäft, lukrativer als der Drogenhandel, aus. Laut Anklage kassierte die Schleuserbande einen Betrag von 4400 bis 6000 Euro pro Flüchtling. Wie viel Geld der 34-Jährige erhielt, den die Fahnder der mittleren Ebene der Schleuserorganisation zurechnen, blieb unbekannt. In seiner Aussage sprach der Angeklagte zunächst nur von 5000 Dollar, die er selber gezahlt habe, um nach Deutschland geschleust zu werden. Schließlich sei er von den Drahtziehern gedrängt worden, Mitreisende zu gewinnen. "Ich gebe zu, ich habe 16 Personen gesucht für diese Leute", sagte der gelernte Frisör.

Ständig nannte der Angeklagte die Namen angeblicher Drahtzieher und diente sich dem Gericht praktisch als Kronzeuge an, verlangte aber Schutz für seine Familie: "Wenn ich Ihnen erzähle, wie diese Schleuserorganisation funktioniert, wird meine Verwandtschaft in Syrien in die Luft gejagt." Dem Vorsitzenden Richter ging es allerdings zunächst darum, die tatsächliche Rolle des Angeklagten zu klären. Der Plan der Schleuserbande, weitere Schiffe über das Meer zu schicken, scheiterte später wegen des Einschreitens der Sicherheitsbehörden.

dpa

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