Vom Fremdeln zur gemeinsamen Identität

Erfolgreicher Weg aus Trümmern und Not - 70 Jahre Niedersachsen

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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil bewertet die Geschichte seines Landes als eine Erfolgsgeschichte.

Hannover - Von Oliver Pietschmann. Zu wenig Wohnraum, zu wenig Nahrungsmittel und die Städte zerstört: Für die Menschen ging es vor 70 Jahren um das nackte Überleben. In das Gebiet von Niedersachsen strömten zudem mehr als zwei Millionen Flüchtlinge. Eine Herkulesaufgabe für ein junges Land.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen weite Teile Deutschlands in Trümmern. Die Städte waren verwüstet, die Infrastruktur zerstört, von Osten drängten Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches und aus dem sowjetischen Sektor in die Besatzungszonen der Westalliierten. Auf dem Gebiet der künftigen Bundesrepublik Deutschland ließen die Siegermächte schon schnell wieder eine Selbstverwaltung und die Gründung von Ländern zu.

Ohne Geschichte, ohne Tradition 

So entstand auch Niedersachsen - doch anders als Hamburg, Bayern oder Bremen war Niedersachsen ein Landstrich ohne gemeinsame Geschichte, ohne Tradition. Ein Gebietskonglomerat, das für Jahrzehnte Frontland im Kalten Krieg werden sollte. Gegen den Widerstand einzelner Gebiete wurde am 8. November 1946 mit der Verordnung Nummer 55 der britischen Militärverwaltung Niedersachsen aus den Ländern Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe gegründet, rückwirkend zum 1. November. 

In seiner ersten Regierungserklärung sagte der von den Briten eingesetzte und später in freien Wahlen bestätigte Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (SPD): „Das Land ist kein künstliches Gebilde, sondern durch die Stammesart seiner Bewohner, durch seine gleichartige Struktur, Tradition und wirtschaftliche Geschlossenheit ein organisch gewachsenes zusammenhängendes Ganzes.“ Das Zusammenwachsen des Landes werde schnell und reibungslos vonstatten gehen, glaubte Kopf, dem 2013 nachgewiesen wurde, sich während der NS-Herrschaft am Eigentum verfolgter Juden bereichert zu haben. 

Kopfs frühe Einschätzung über das neue Land und die Niedersachsen ist für die Geschäftsführerin des Niedersächsischen Heimatbundes, Julia Schulte to Bühne, eine doch eher zu optimistische Einschätzung der Ausgangslage gewesen. „In der Zeit war es schon eine Verwaltungseinheit, die strategisch gebildet worden ist.“ Millionen Flüchtlinge strömten ins Land und mussten versorgt werden. In den verschieden Regionen betrug ihr Anteil nach Angaben von Schulte to Bühne zwischen 20 und 70 Prozent.

Vom Kampf des Überlebens zur Einheit

Es gab nicht genug Wohnraum, die Städte waren zerstört und es mangelte an allem. In dem neuen Land lebten Menschen mit den unterschiedlichsten Traditionen und kämpften ums Überleben. „Es galt, das tägliche Leben zu sichern“, sagt Schulte to Bühne. Erst mit den Jahren des Wiederaufbaus sei zusammengewachsen, was zusammengehören sollte, sagt die Geschäftsführerin des Heimatbundes. Die Menschen kamen in Kontakt, gründeten zusammen Vereine, feierten Feste.

Doch noch heute, sagt sie, „gibt es keine Niedersachsentradition“. 70 Jahre nach der Gründung sind die Kriegsschäden behoben, die Verwaltung ist umstrukturiert, die Mauer gefallen, die Briten sind abgezogen und Niedersachsen ist Transitland mit funktionierender Infrastruktur von Nord nach Süd und von West nach Ost. 

Die Landwirtschaft, der Tourismus, die Automobilindustrie mit dem Volkswagenkonzern als Zugpferd und die maritime Wirtschaft sind die ökonomischen Hauptpfeiler des Bundeslandes mit seinen knapp acht Millionen Einwohnern. Die wechselvolle Geschichte seit der Gründung des Landes sieht der Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) als eine Erfolgsgeschichte. „Niedersachsen ist in den vergangenen 70 Jahren gut zusammengewachsen. Das war bei der Gründung des Landes 1946 ganz anders. Aber: Das anfängliche Fremdeln zwischen den doch sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist nach und nach einer starken gemeinsamen Identität gewichen." 

Natürlich fühlten die Menschen sich nach wie vor als Hannoveraner, als Braunschweiger, als Emsländer oder als Ostfriesen, als Wendländer oder als Harzer, sagt Weil. “Aber sie fühlen sich heute mehr denn je als Niedersachsen, als Menschen aus einem Land, das stolz sein kann auf eine beeindruckende Entwicklung.“

Eine Chronologie des Landes

Nach dem Krieg bereiten die britischen Besatzungstruppen den Weg für ein neues Land Niedersachsen. Es wird über Jahrzehnte Frontstaat im Kalten Krieg. Eine Chronologie der Ereignisse: 

4. Mai 1945: Die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden und in Norddeutschland kapituliert bei Lüneburg vor dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery. 

4. Juli 1946: Die britische Militärregierung erteilt den Auftrag, einen Sonderausschuss zur Neugliederung der britischen Zone zu bilden. Der hannoversche Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf will die Schaffung eines Landes Niedersachsen. 

8. November: Mit der Verordnung Nr. 55 der "Militärregierung Deutschland (Britisches Kontrollgebiet)" entsteht rückwirkend zum 1. November 1946 das Land Niedersachsen. Es umfasst die Länder Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Hannover. 

23. November: Die britische Militärregierung bestätigt die Ernennung Hinrich Wilhelm Kopfs zum Ministerpräsidenten. 

20. April 1947: Der erste niedersächsische Landtag wird gewählt. Stärkste Partei wird die SPD um Hinrich Wilhelm Kopf. 

1. Mai 1951: Der Landtag verabschiedet die vorläufige niedersächsische Verfassung. In Artikel 56 heißt es hier: „Die kulturellen und historischen Belange der ehemaligen Länder Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe sind durch Gesetzgebung und Verwaltung zu wahren und zu fördern.“

Zahlen und Fakten

- Niedersachsen ist mit 47.614 Quadratkilometern das zweitgrößte Bundesland nach Bayern 

- Rund 7,8 Millionen (2014) Menschen leben zwischen Harz und Küste - Landeshauptstadt ist Hannover mit rund 530.000 Einwohnern 

- Fast 60 Prozent der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt, gut 22 Prozent sind Wald 

- Das Bruttoinlandsprodukt lag 2015 bei gut 258,5 Milliarden Euro 

- Das Land wird seit 2013 von einer rot-grünen Koalition unter Regierungschef Stephan Weil (SPD) mit einer Mehrheit von einem Sitz regiert

dpa

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