Frauke Heiligenstadt im Interview

Kultusministerin: „Lehrermarkt ist sehr angespannt“

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Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.

Hannover - Niedersachsens Schulen sind bunter geworden, sagt Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung sowie die gestiegene Zahl an Flüchtlingskindern bedeuten große Herausforderungen.

Das Land will deshalb die Zahl der Lehrer und Sozialpädagogen kräftig aufstocken. Allerdings fehlen in manchen Regionen Bewerber. Der Lehrermarkt sei sehr angespannt, weil die anderen Bundesländer ebenfalls suchen, sagte die Ministerin der Deutschen Presse-Agentur.

Die vergangenen Wochen waren von Amok und Terror geprägt. In München tötete ein Schüler neun Menschen und sich selbst. Sind die niedersächsischen Schulen in der Lage, labile Jugendliche zu erkennen und ähnliche Taten zu verhindern?

Heiligenstadt: Das Thema Amok ist nicht neu. Frühzeitig Hinweisen nachzugehen ist eine Aufgabe, die unsere Schulen sehr gewissenhaft und verantwortlich wahrnehmen. Wir haben Fortbildungen für Lehrer und Programme für Schüler, etwa um Mobbing vorzubeugen. Das Salafismus-Problem ist relativ neu, auch da gibt es Programme gegen Radikalisierung. Für den Notfall haben wir Kriseninterventionsteams. Trotz aller Prävention: Niemand kann sagen, ob es wirklich immer gelingt, solche schlimmen Ereignisse zu verhindern.

Sie haben zusätzliche Sozialarbeiter angekündigt, unter anderem um Schulen bei der Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu unterstützen. Wie viele konnten Sie bisher gewinnen?

Heiligenstadt: Von den im Februar ausgeschriebenen 100 Stellen für 150 Grundschulstandorte müssen zirka 25 erneut ausgeschrieben werden. Auf dem Land ist es schwieriger, Bewerber zu finden. Außerdem haben wir 500 unbefristete Sozialpädagogen-Stellen im Landesdienst ausgeschrieben. Es wird uns gelingen, mit 900 Fachkräften an über 1000 Schulen schulische Sozialarbeit zu leisten.

Wie viele zusätzliche Lehrer stehen zur Verfügung?

Heiligenstadt: Insgesamt haben wir 2700 Lehrerstellen für das 1. Halbjahr 2016/2017 ausgeschrieben, noch einmal 930 Stellen mehr als wir uns ursprünglich vorgenommen hatten. Wir haben über 30.000 Flüchtlingskinder innerhalb von einem Jahr in den Schulen aufgenommen. Sie benötigen nicht nur Sprachförderung, es müssen auch deutlich mehr Klassen gebildet werden. Im Bereich der Grund- und Hauptschulen sowie Real- und Oberschulen haben wir wesentlich mehr Stellen, als zur Zeit Bewerbungen vorliegen. Das Verfahren wird Ende September abgeschlossen. Dann können wir mehr sagen.

In welchen Bereichen fehlen Pädagogen?

Heiligenstadt: Im berufsbildenden Bereich sind Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik und Sozialpädagogik Mangelfächer. An den allgemeinbildenden Schulen sind es zum Beispiel Französisch an den Realschulen oder Physik und Latein an den Gymnasien sowie Musik an Grundschulen. An einigen Schulstandorten in ländlichen Regionen - insbesondere an Grundschulen - gibt es auch bei mehrfacher Ausschreibung keine Bewerbungen. Der Markt ist sehr angespannt, weil auch andere Bundesländer Lehrkräfte und Sozialpädagogen suchen.

Eltern sind besorgt, dass ihre eigenen Kinder zu kurz kommen, weil es so viele Mitschüler gibt, die besondere Hilfe benötigen. Was sagen Sie diesen Müttern und Vätern?

Heiligenstadt: Unsere Schulen haben sehr viel Erfahrung mit Inklusion und Integration, die Lehrkräfte erfüllen diese Aufgabe hervorragend. Es ist wunderbar zu beobachten, wie die Verschiedenheit immer mehr zur Normalität wird und von den Schülerinnen und Schülern als selbstverständlich empfunden wird.

Viele Schulleiter beklagen aber, das sie keinen festen Sonderpädagogen für die Inklusionskinder haben, sondern nur einen, der von Schule zu Schule tingelt.

Heiligenstadt: An kleinen Grundschulen etwa lässt es sich nicht vermeiden, dass der Sonderpädagoge auch an anderen Schulen unterrichten und die Lehrer beraten muss. An größeren Schulen ist das anders.

Nach den Sommerferien gehen 88 neue Ganztagsschulen an den Start, insgesamt sind es nun mehr als 1700 von 2800 Schulen. Was verändert sich für deren Schüler?

Heiligenstadt: Ganztagsschule heißt nicht sechs Stunden Unterricht, Mittagessen und nachmittags ein Betreuungsangebot. Mit der Ganztagsschule wächst Schule vom Lernort zum Lebensort. Die Talente der Kinder können in ganz anderen Bereichen erkannt werden und sich entfalten.

Zur Person:

Frauke Heiligenstadt (50) ist seit dem 19. Februar 2013 niedersächsische Kultusministerin. Die SPD-Politikerin ist verheiratet, Mutter einer Tochter und lebt bei Northeim.

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