Opfer meldet sich nach 50 Jahren

Kirche sucht per Brief Missbrauchsopfer eines Geistlichen

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Symbolbild

Rinteln - Ein früherer evangelischer Superintendent steht im Verdacht, Konfirmanden missbraucht zu haben. Obwohl die mutmaßlichen Verbrechen Jahrzehnte zurückliegen, sucht die Kirche im Weserbergland jetzt per Post nach möglichen Opfern.

Der evangelische Geistliche inszenierte ein Treffen im Pfarramt St. Nikolai in Rinteln. Er verschloss die Tür von innen. Dann verging er sich an dem Konfirmanden. So schildert es das Opfer. Der Junge wagte es nicht, seinen Eltern von dem Verbrechen zu erzählen. Er traute sich nicht zu, im Rinteln der 1960er Jahre den zu erwartenden Skandal durchzustehen.

Erst jetzt, 50 Jahre nach der Tat, habe sich der inzwischen etwa 65 Jahre alte Mann aus Anlass seiner Goldenen Konfirmation offenbart, sagte der heutige Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg, Andreas Kühne-Glaser. Und: "Es gibt Grund zu der Annahme, dass der 1990 verstorbene damalige Superintendent weitere Schutzbefohlene missbraucht hat."

Als Reaktion darauf hat der Kirchenkreis im Weserbergland eine ungewöhnliche Aktion gestartet, um mögliche weitere Missbrauchsopfer seines früheren Leiters zu finden. Wir haben Briefe an bislang rund 320 Frauen und Männer verschickt, die zwischen 1965 und 1976 in Rinteln konfirmiert wurden", sagte Kühne-Glaser.

Beispiellose Aktion, um Opfer zu finden

In dieser Zeit hatte der 1990 gestorbene Ex-Superintendent dort Jugendliche unterrichtet. Eine solche Brief-Aktion zum Auffinden von Missbrauchsopfern sei beispiellos, sagte ein Sprecher der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover am Montag. Das Ganze sei mit der Landeskirche abgestimmt. Zuvor hatten lokale Medien über den Fall berichtet.

"Wir haben als evangelische Kirche viele Jahrzehnte oft nicht richtig hingesehen und nicht reagiert, wenn Mitarbeitende aus unseren Reihen ihre Schutz- und Vorbildfunktion missbraucht und Kinder und Jugendliche zu Opfern sexueller Übergriffe gemacht haben", heißt es in dem Brief an die früheren Konfirmanden. "Damit tragen auch wir eine Mitschuld daran, dass so viele zu Opfern sexuellen Missbrauchs wurden und sich viele Betroffene nie gemeldet haben und für sich selbst einen Weg finden mussten mit den meist sehr belastenden Erfahrungen von Machtmissbrauch, Entwürdigung und Demütigung umzugehen."

Obwohl das Schreiben erst vor wenigen Tagen abgeschickt wurde, sei das Thema in Rinteln inzwischen Stadtgespräch, sagte Superintendent Kühne-Glaser. Er selbst sei schon vielfach darauf angesprochen worden. "Es hat sich aber bisher noch kein weiterer Betroffener gemeldet."

Spätes Signal an die Opfer: Wir werden nicht mehr schweigen

Der frühere Konfirmand, der die ungewöhnliche Maßnahme der Kirche ins Rollen gebracht hat, fordere im übrigen keine Entschädigung, sagte Kühne-Glaser. Der Mann habe ihm erzählt, er habe für sich einen Weg gefunden, mit dem erlittenen Leid umzugehen.

Gleichwohl habe ihn das damalige Verbrechen des Superintendenten sein Leben lang beschäftigt. "Wir wollen zeigen, dass wir zu derartigen Missbrauchsfällen nicht schweigen, wie wir das lange gemacht haben als Kirche", sagte Kühne-Glaser. "Wir wollen möglichen Opfern stattdessen das Signal geben: Wir wissen davon. Außerdem wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, an uns heran zu treten."

Der Kreis der möglichen Missbrauchsopfer des früheren Superintendenten könne im übrigen noch größer werden, sagte Kühne-Glaser. Denn es sei bisher nicht gelungen, die aktuellen Adressen aller Männer und Frauen zu finden, die bei dem Geistlichen damals Konfirmationsunterricht hatten.

dpa

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