Sozialministerin will System überprüfen

Straftäter aus Maßregelvollzug sticht auf 73-Jährige ein

Wunstorf - Erneut hat ein Straftäter aus dem Maßregelvollzug in Niedersachsen eine Frau attackiert. Der 36-Jährige habe am Montagabend eine 73 Jahre alte Frau in Wunstorf in ihrer Wohnung überfallen und mit Stichen in den Oberkörper schwer verletzt.

Der Mann wurde noch in der Wohnung festgenommen. Gegen ihn wird wegen versuchten Mordes und schweren Raubes ermittelt. Möglicherweise stand er unter Drogen. Das 73 Jahre alte Opfer kam auf die Intensivstation, Lebensgefahr bestand nicht. Wie das Sozialministerium mitteilte, befand sich der 2010 wegen schweren Raubes verurteilte Mann nach seiner Unterbringung im Maßregelvollzug in Moringen bei Göttingen seit Anfang Januar 2016 in Wunstorf im Probewohnen.

Dabei handelt es sich um die letzte Lockerungsstufe des Maßregelvollzugs vor einer Freilassung. Im Probewohnen sollte der Mann die noch verbleibenden 20 Monate seiner Strafe verbüßen. 2014 war der 36-Jährige schon einmal in Freiheit rückfällig geworden. Weil er nur auf Bewährung entlassen worden war, kam er danach erneut in den Maßregelvollzug.

Im März 2015 kam er dann in den offenen Maßregelvollzug, danach folgte die Genehmigung zum Probewohnen. Eine Drogenabhängigkeit war der Grund dafür, dass der Mann ursprünglich nicht in Haft kam, sondern in den Maßregelvollzug in ein Landeskrankenhaus eingewiesen wurde.

Erinnerungen an Tatverdächtigen im Fall Judith Thijsen

Erst vor kurzem war ein im Maßregelvollzug untergebrachter Sexualverbrecher mit Freigang als Tatverdächtiger für den Mord an einer jungen Frau im Kreis Nienburg identifiziert worden. Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) will nun das Lockerungssystem des Maßregelvollzugs überprüfen. "Wir können nicht hinnehmen, dass jetzt möglicherweise sogar in zwei Fällen offenbar eine Fehleinschätzung durch Fachleute unbeteiligten Frauen zum Verhängnis wurde."

Am Tatabend hatte der 36-Jährige zunächst gegen 19.45 Uhr am Fenster der Erdgeschosswohnung der Rentnerin geklopft, ergaben die Ermittlungen der Polizei. Als die 73-Jährige die Terrassentür öffnete, schubste der Täter sie zur Seite. "Sei still, sei still, sei still", herrschte er die schreiende Frau an.

Als diese weiter schrie, stach der Mann ihr nach den Ermittlungen in den Oberkörper und die Hand. Während der Mann Schmuck in einen Rucksack raffte, floh die verletzte Frau zu einer Nachbarin und alarmierte die Polizei. Die Beamten konnten ihn noch vor Ort festnehmen.

Lockerungen im Maßregelvollzug sind zu überprüfen

"Offenbar wurde in der Einrichtung mit dieser Gefährlichkeit des Patienten nicht gerechnet", erklärte Ministerin Rundt. "Dass es doch zu solch einer Tat gekommen ist, bestärkt uns darin, die laufende Überprüfung der Lockerungsstandards voranzutreiben." Die Ministerin verfügte noch am Dienstag, dass richterliche Anordnungen zu Lockerungen des Maßregelvollzugs künftig umgehend dem Ministerium zu melden sind.

Außerdem ließ sie die ärztlichen Leitungen der Maßregelvollzugseinrichtungen für die kommende Woche ins Ministerium einladen, um Konsequenzen aus den Gewaltattacken zu besprechen. Die CDU forderte unterdessen eine Neuausrichtung des Maßregelvollzugs, bei der die Sicherheit der Bevölkerung im Zweifel Vorrang vor einer Resozialisierung haben müsse.

Ministerin Rundt habe der potenziellen Gefährdung der Bevölkerung nicht angemessen Rechnung getragen, erklärte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Reinhold Hilbers. In Niedersachsen befinden sich derzeit 1250 Straftäter im Maßregelvollzug. Bei 440 davon war eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit zum Tatzeitpunkt Grund der Einweisung, teilte das Sozialministerium mit.

dpa

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