Unterschlupf für gefährdete Vögel

Kinderstube für 300 Rauchschwalben

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Tierfreund mit Toleranz: Walter Lohrie aus Niedermehnen öffnet Rauchschwalben zum Nisten seine Tür. Die Plakette des NABU zeigt es: „Hier sind Schwalben willkommen“.

Niedermehnen - In der frühen Mittagszeit sind die Rauchschwalben in Höchstform. Auf der Jagd nach Insekten werden sie bis zu 80 Stundenkilometer schnell. Hin und her fliegen sie über dem Haus und den umliegenden Feldern, um dann blitzschnell durch die große, grüne Deelentür, dessen oberer Flügel tagsüber offen steht, mit der Nahrung zu ihrem Nachwuchs zu gelangen.

„Hier sind Schwalben willkommen“ steht auf einem kleinen Schild des Naturschutzbundes (NABU) Deutschland neben der großen Tür. Dem Hausbesitzer, dem Niedermehner Walter Lohrie ,verlangen die Tiere vor allem eins ab: Toleranz.

Als der landwirtschaftliche Betrieb vor Jahren aufgegeben wurde, sind die großen Nutztiere gegangen und die Schwalben geblieben. „Es sind sogar mehr geworden“, erzählt Walter Lohrie. Rauchschwalben brüten in Kolonien. Ihre Nester bauen sie im Inneren von Ställen, Scheunen oder anderen Gebäuden an Balken, Wänden oder Mauervorsprüngen. Früher nisteten sie auch an offenen Kaminen oder Rauchfängen. Das brachte den Vögeln mit dem putzig kastanienroten Gesicht ihren Namen ein.

Ab Mitte April bis Juni legen die Weibchen drei bis sechs Eier. Nach 12 bis 18 Tagen schlüpfen die Jungen, nach 20 bis 24 Tagen fliegen sie aus. Viele Paare brüten ein zweites, manche sogar ein drittes Mal. „Je mehr Insekten sie finden, umso öfter brüten sie“, weiß Lohrie.

Dicht an dicht: Auf den Sitzstangen nächtigen die Schwalben, die gerade nicht brüten. Es ruhen aber nicht alle Tiere jede Nacht unter den dicken Eichenbalken.

Gut 40 Nester und mehrere Sitzstangen befinden sich auf der Deele unter den alten Eichenbalken. Der Naturschutzbund empfiehlt Kotbretter unter Nestern und Sitzstangen anzubringen. Dann gebe es nur wenig Dreck. „So ist das nicht. Schwalben können alles im Fliegen: Fressen, Trinken, Koten“, sagt Lohrie. Immer Anfang April kehren die Tiere, erst vereinzelt und dann vermehrt, aus ihren Winterquartieren zurück. Bis dahin hat er die Wände mit Folie abgeklebt und den Boden ausgelegt.

„In diesem Jahr sind es weniger Tiere als sonst“, stellt er fest. „Vielleicht passten die Winde nicht oder sie wurden unterwegs abgefangen.“ Regelmäßige Verluste durch direkte Verfolgung sind dem Naturschutzbund aus manchen afrikanischen Winterquartieren bekannt. In Deutschland wurde die Rauchschwalbe in die Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Brutvögel aufgenommen, denn insgesamt zeichnet sich ein schleichender Bestandsrückgang ab. 

Dieser ist jedoch in erster Linie auf den zunehmenden Nistplatz- und Nahrungsverlust zurückzuführen. Zum Nestbau brauchen die Schwalben Lehmpfützen, zur Ernährung reichlich Fliegen und Mücken. Deshalb wirbt der NABU um den Erhalt der Lebensräume. Für Schwalben offene Häuser werden mit einer Plakette ausgezeichnet. Eine finanzielle Entschädigung, wie manche Leute glaubten, sei damit nicht verbunden, verdeutlicht der Niedermehner.

Etwa einmal im Monat macht er gründlich sauber. Immer nachts verschließt der 50-Jährige den oberen Türflügel. „Damit keine Raubvögel auf die Deele kommen“, erläutert er. „Ich habe auch schon versucht, die Schwalben umzusiedeln in die stillgelegten Ställe. Aber das hat nicht funktioniert.“ So übt sich Walter Lohrie weiter in großer Toleranz. „Man nimmt schon einiges in Kauf“, sagt der Metallbauer, der ein großer Tier- und Naturfreund ist.

Im weitläufigen Garten stehen zwischen Buchsbaumhecken Rosenrabatten in voller Blüte. Auf dem Teich tanzen zur Freude der Schwalben die Mücken. Unter halbhohen Bäumen scharren Hühner. Auf der angrenzenden Wiese, umgeben von einer Windschutzhecke aus Weidengehölzen, dösen einige Ziegen und Alpakas in der Sonne. Auch ein Pony darf hier für einige Zeit grasen, während der Besitzer im Sommerurlaub ist.

„Rund 300 Schwalben werden hier pro Jahr groß“, erklärt Lohrie. Mitte bis Ende September brechen die Akrobaten der Lüfte wieder auf in Richtung Süden in ihre Winterquartiere. Für Walter Lohrie heißt es dann noch einmal gründlich saubermachen und Ruhe auf der Deele bis zum nächsten Frühjahr, bis er wieder das Oberlicht der großen Tür für die Rauchschwalben öffnet. 

SoR

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