Euthanasie, Zwangssterilisationen und Gleichschaltung

Wittekindshof stellt sich NS-Vergangenheit

Reingard Fries, eine Enkelin von Pastor Theodor Brünger, der von 1913 bis 1945 den Wittekindshof geleitet hat, überreichte im Anschluss an den Vortrag rund 2000 Briefe, Andachten und Predigten ihres Großvaters aus dem Familienbesitz an Professor Dr. Hans-Walter Schmuhl (Mitte), um sie wissenschaftlich auszuwerten. Gemeinsam mit Vorstandssprecher Professor Dr. Dierk Starnitzke kündigten sie ein wissenschaftliches Symposium über Theodor Brünger am 17. Juni 2017 an. - Foto: Anke Marholdt

Bad Oeynhausen/Rahden - „Kritische Tage erster Ordnung“ hatte Professor Dr. Hans-Walter Schmuhl seinen Vortrag über den Wittekindshof und die nationalsozialistische Euthanansie überschrieben. Er referierte kürzlich auf Einladung der Diakonischen Stiftung Wittekindshof am 75. Jahrestag des ersten Abtransportes von 958 Bewohnern im Herbst 1941.

Als „kritische Tage erster Ordnung“ hatte Brünger in einem Brief an seinen Sohn Helmuth am 5. Juni 1941 den unmittelbar bevorstehenden Besuch der Ärztekommission aus Berlin bewertet. Sie traf am 5. Juni ein und bestand aus berüchtigten „Euthanasie“-Ärzten. Sie nahmen eine Bestandsaufnahme der Bewohner vor, die schließlich ab 28. Oktober 1941 zum Abtransport führte. Nach zähen Verhandlungen seien die Bewohner in psychiatrische Anstalten in Westfalen und nicht nach Regensburg verlegt worden. Dort habe man sie in Sicherheit gewähnt, trotzdem seien sie „im Rahmen späterer Verlegungen doch noch in das mörderische Räderwerk der ‚Euthanasie‘“ geraten, erklärte Schmuhl.

Er geht davon aus, dass über 400 ehemalige Wittekindshofer Bewohner dem „in der Weltgeschichte einzigartigen Massenmord“ in Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer gefallen sind. In seinen Forschungen, die er zusammen mit Dr. Ulrike Winkler zum 125-jährigen Bestehen des Wittekindshofes 2012 vorgelegt hatte, hatte er Beispiele für die verschiedenen Phasen der nationalsozialistischen Mordaktion gegen kranke und behinderte Menschen gefunden. An den dreijährigen Helmut, der auf Bitten seiner Eltern in die Kinderfachabteilung in Lüneburg verlegt und dort im Rahmen der „Kindereuthanasie“ ermordet wurde, erinnert Schmuhl im Vortrag ebenso wie an die sechs Bewohnerinnen und Bewohner, die bereits 1940 als „Rassejuden“ den Wittekindshof verlassen mussten. Sie wurden im Zuchthaus Brandenburg an der Havel vergast. Die meisten Wittekindshofer Opfer seien in Einrichtungen gestorben, in denen durch systematische Lebensmittelkürzungen, Überfüllung, Schläge, Kälte, Verwahrlosung und Medikamente getötet wurde.

Im Vortrag verdeutliche Schmuhl, dass der damalige Leiter des Wittekindshofes, Pastor Theodor Brünger, schon 1934 erkannt habe, dass die nationalsozialistische Erbgesundheitspolitik auf die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ hinauslaufe und deswegen die Zwangssterilisationen als humanere Alternative akzeptiert habe. Genauso wie andere Einrichtungen wurde auch das Wittekindshofer Krankenhaus Bethanien zur Durchführung des Gesetzes zur Vernichtung erbkranken Nachwuchses zugelassen. Rund 200 Bewohner seien hier sterilisiert worden.

Von öffentlichem Protest abgehalten

Schmuhl betonte, dass Brünger nicht zuletzt durch den Austausch mit dem Leiter der Betheler Anstalten in Bielefeld, Pastor Friedrich von Bodelschwingh, über die nationalsozialistischen Tötungsaktionen informiert gewesen sei. Brünger selbst habe öffentlichen Protest gegen die Mordaktionen einlegen wollen, wovon ihn Bodelschwingh abgehalten habe, weil er gehofft habe, durch stille Diplomatie mehr zu erreichen.

In der Fragerunde nach seinem Vortrag betonte Schmuhl, dass auch Bodelschwingh sich nicht schützend vor die Betheler Bewohner gestellt, sondern Glück gehabt habe, dass es nicht mehr zum systematischen Abtransport der Bewohner gekommen sei. Schmuhl wies nachdrücklich auf die schwierige Situation hin, in der sich Brünger und andere Leiter konfessioneller Einrichtungen im Nationalsozialismus befanden. Die Gleichschaltungspolitik, drohende Enteignung und wirtschaftliche Abhängigkeit vom westfälischen Provinzialverband hätten die Handlungsfähigkeit extrem eingeschränkt.

Im Anschluss an den Vortrag übergab Reingard Fries, eine Enkelin von Pastor Theodor Brünger, rund 2 000 Briefe, Andachten und Predigten ihres Großvaters aus dem Familienbesitz an Hans-Walter Schmuhl, um sie wissenschaftlich auszuwerten. Erste Forschungsergebnisse sollen bei einem wissenschaftlichen Symposium am 17. Juni 2017 in der Wittekindshofer Kapelle vorgestellt werden. 

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