„Sie gehören wieder zu unserer Gegenwart“

Mehr als 100 Gäste bei zweiter Stolpersteinverlegung

Mit Bildtafeln, Gedenkansprachen und dem Niederlegen weißer Rosen wurde der Vertriebenen bei der Stolpersteinverlegung gedacht.

Rahden - Von Anja Schubert. „Keiner kann mehr sagen, sie waren nicht hier. Jetzt ist es mit der Steinverlegung unwiderruflich dokumentiert“, zeigte sich Pfarrer i.R. Werner Milstein ergriffen. „Die Menschen gehören nun wieder zu unserer Gegenwart. Ich habe mir das immer gewünscht, konnte mir jedoch nie vorstellen, dass so etwas je geschieht.“

Es waren bewegende Momente, die die schreckliche Geschichte des Nationalsozialismus, die auch vor Rahden nicht Halt machte, für kurze Zeit zum Greifen nahe brachten – mit einem unwiderruflichen Zeichen gegen das Vergessen. Zur Gedenkfeier mit der anschließender Stolpersteinverlegung begrüßte Monika Büntemeyer, Vorsitzende des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“, mehr als 100 Interessierte am Samstag im Bahnhof Rahden.

Wie symboltächtig der Rahdener Bahnhof als Veranstaltungsort war, zeigten Schüler des Zusatzkurses Geschichte Q2 des Gymnasiums. „Heute verbinden wir den Bahnhof mit positiven Gefühlen, Abschied und freudiges Wiedersehen, Menschen aus vielen Ländern und Kulturen begegnen sich.“ Für viele Menschen in der NS-Zeit hingegen sei der Bahnhof der Anfang vom Ende gewesen – aus der Vertrautheit gerissen, behandelt wie Vieh, ein Weg in unvorstellbares Leiden und für die meisten in den Tod.“ Musikschüler des Gymnasiums und Dorina Feraru am Violoncello sorgten für die musikalische Umrahmung.

Künstler Gunter Demnig (r.) verlegte mit Matthias Kopka die Stolperstein, während mit Bildtafeln, Biografien und dem Niederlegen weißer Rosen der vertriebnen Bewohner der Häuser gedacht wurde.

„Jeder einzelne Stein ist für uns eine Mahnung, wachsam zu sein und für Demokratie und Toleranz einzutreten, damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, sagte der stellvertretende Bürgermeister Horst-Wilhelm Bruhn und sprach den engagierten Mitgliedern des Arbeitskreises, den Schulen und der Kirche seinen Dank aus. Es sei lobenswert, dass sich in Rahden auch immer wieder Schüler mit dem Schicksal dieser Menschen auseinandersetzten.

Mit der Teilnahme von Peter Weidenbaum aus England und Ellen Hines aus den USA wurde zudem ein besonderes Kapitel Familiengeschichte geschrieben. Der Arbeitskreis hatte hierfür monatelang recherchiert. Peter Weidenbaum, der bis 1937 mit seinen Eltern in der Bahnhofstraße 8 gewohnt hatte, wurde von dreien seiner vier Söhne begleitet. Ellen Hines war in Vertretung ihres 91-jährigen Vaters Walter Heine angereist, der wie sein Vetter Peter mit seiner Familie bis 1938 im Haus Nummer 8 gelebt hatte. „Das erste Aufeinandertreffen beider Familienzweige war für alle ein bewegender Moment“, so Büntemeyer. Sie hatten am Vorabend gemeinsam den Friedhof besucht und mit Bürgermeister Dr. Bert Honsel zu Abend gegessen.

„Das Stolpersteinprojekt hat mich tief berührt“

Daniel, Peter, David und Jeremy Weidenbaum, Dawn Jones sowie Ellen Hines stehen vor dem Haus ihrer Vorfahren.  - Fotos: Schubert

„Das Stolpersteinprojekt hat mich tief berührt“, sagte Peter Weidenbaum. „Wir können und dürfen den Holocaust nie vergessen.“ Er hoffe, dass die Jugend in Zukunft eine immer besser werdende Welt erlebe. Als er vier Jahre alt war, habe seine Familie Deutschland verlassen. Familie Heine emigrierte nach der Zwangsversteigerung ihres Hauses 1938 nach Italien und Amerika. „Erst als ich 28 Jahre alt war, sprach mein Vater über sein Leben in Rahden, von schönen Ausflügen – und von dem gelben Stern auf dem Ärmel, den er zur Schule tragen musste und dass der Lehrer andere Schüler ermutigte, auf ihn zu spucken“, berichtete Ellen Hines. Noch heute habe ihr 91-jähriger Vater ein Foto vom Haus in der Bahnhofstraße auf seinem Nachtschrank. „Es bedeutet ihm sehr viel.“

Gemeinsam brachen die Besucher zur Stolpersteinverlegung vor den Häusern an der Bahnhofstraße 26 (Johanna Horwitz und Familie Goldstein), 16 (Familien Dagobert und Richard Haas,) und 8 (Familien Julius Heine und Alfred Weidenbaum) auf. Schüler und Lehrer des Gymnasiums sowie Engagierte des Arbeitskreises sprachen Geleitworte zu den ehemaligen Bewohnern, während Künstler Gunter Demnig die handgefertigten Steine in das Pflaster integrierte. Mit dem Niederlegen einer weißen Rose für jeden Bewohner wurde der Vertriebenen gedacht.

Verlegung von Stolpersteinen in Rahden

„Viele Freunde entkamen aus Deutschland, gingen in die verschiedensten Länder. Man verlor den Kontakt. Das heute ist ein sehr emotionaler Moment für mich“, sagte Peter Weidenbaum während der Steinverlegung. „Es ist für mich der erste Kontakt mit meiner alten Heimat.“ Es freue ihn sehr, dass so viele Menschen an diesen Gedenkfeierlichkeiten teilnähmen. „Ich möchte auch mit meiner Frau noch einmal herkommen“, so Weidenbaum.

Am letzten Verlegeort, dem Haus der Familien Weidenbaum und Heine, sprach Giora Zwilling, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Minden, das Kaddisch (Trauergebet).

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