Mantel des Schweigens lässt sich nur schwer lüften

Pfarrer i.R. Dr. Werner Kreft referiert über Kirchenkreis im Dritten Reich

Dr. Werner Kreft befasste sich mit der Geschichte des Kirchenkreises Lübbecke vor und während der NS-Zeit.  - Fotos: Russ

Rahden - Die aktuelle Debatte über Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, um hier Schutz vor Verfolgung zu suchen war für Oliver Nickel, Jugendreferent der Kirchengemeinde Rahden, Anlass, sich eingehender mit der Vergangenheit der Stadt Rahden und auch der seiner eigenen Familie speziell im Dritten Reich zu befassen. Doch wo immer er zu bohren begann, wurde abgewiegelt und ihm der Rat gegeben, nicht darüber zu reden.

„Aber ich finde, man muss darüber sprechen“, sagt Nickel. Es gehe dabei nicht darum zu schauen, wer welche Schuld trage, betont der Jugendreferent, der im Rahmen der Friedenswoche des CVJM Rahden einen Vortrag zum Thema „Frieden und Gerechtigkeit, Schuld und Versöhnung: Rahden im Drittem Reich“ organisiert hat. Referent war am Donnerstagabend im Gemeindehaus Pfarrer i.R. Dr. Werner Kreft.

Kreft spannte einen weiten Bogen von der Abspaltung der evangelischen Kirche von der katholischen bis zur NS-Zeit, die er in Bezug auf den Kirchenkreis Lübbecke näher beleuchtete.

Es sei nicht immer leicht gewesen, die Informationen zusammenzutragen, gerade in Rahden gebe es viele Lücken, weil die Kirchenchroniken wenig Auskunft über die Geschehnisse in der NS-Zeit gäben. In Gesprächen mit Zeitzeugen erging es ihm wie Oliver Nickel. Man wollte lieber den Mantel des Schweigens über der Vergangenheit belassen. Selbst Menschen, zu denen er ein gutes Verhältnisse habe, hätten nicht über die NS-Zeit sprechen wollen, bestensfalls Andeutungen gemacht, berichtete Kreft.

„In den Gemeinden des Kreises Lübbecke wurde die Machtergreifung Hitlers begrüßt“

Der Pfarrer im Ruhestand beschrieb zunächst den Kirchenkampf, der sich in den 1930er-Jahren zwischen deutschen Christen und der bekennenden Kirche entspann. Die deutschen Christen versuchten, die Rassenideologie der Nationalsozialisten mit dem Christentum in Einklang zu bringen, es von allen jüdischen Einflüssen zu „reinigen“ und wollten Christen jüdischer Herkunft ausschließen. Ihr Versuch, den so genannten Arierparagraphen in die Kirchenverfassung aufzunehmen, führte 1934 zur Gründung der bekenneden Kirche als Oppositionsbewegung.

„In den Gemeinden des Kreises Lübbecke wurde die Machtergreifung Hitlers begrüßt“, erinnerte Kreft. Der Kreis habe sich früh zu einer Hochburg der NSDAP entwickelt. Die größten Erfolge feierte die Partei bei der evangelischen Landbevölkerung. Bei der Wahl 1932 erhielt sie beispielsweise 90 Prozent der Stimmen in Dielingen, 82 Prozent in Rahden, gar 100 Prozent in Sielhorst, nannte Kreft einige Zahlen, die deutlich über den reichsweit 43 Prozent lagen.

Die deutschen Christen, die die Rassenideologie der Nationalsozialisten teilten, stießen dagegen in den lutherischen Gemeinden des Kirchenkreises auf wenig Zustimmung. 13 der 15 Gemeinden schlossen sich der bekennenden Kirche an, die Kirchengemeinde Rahden allerdings unterstützte keine der beiden Richtungen. Anders die Gemeinden Dielingen und Gehlenbeck, die sich nahezu komplett für die bekennende Kirche aussprachen.

Dieser Umstand untermauert, dass sich die bekennende Kirche zwar gegen eine staatliche Einmischung und Angriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis wehrte, ihre Mitglieder aber nicht zwingend Gegner des NS-Regimes waren.

Pfarrer, die mit Staatsorganen aneinander gerieten

Allerdings gab es im Kirchenkreis durchaus Pfarrer, die häufiger mit den Staatsorganen aneinander gerieten. So sei überliefert, dass die Pfarrer in Holzhausen und Börninghausen des Öfteren zu Verhören einbestellt wurden, weil sie ihre Gotteshäuser an Feiertagen nicht beflaggten, berichtete Kreft. Aus Rahden seien keine Informationen über Verhöre bekannt, weshalb Kreft davon ausgeht, dass die Rahdener Kirche beflaggt wurde. Pastor Bartsch in Pr. Ströhen habe viel Ärger mit der Gestapo gehabt. Vielen Pastoren im Kirchenkreis sei in der NS-Zeit gedroht worden, wenn sie sich nicht regimekonform verhielten, ernsthafte Folge habe das meistens aber nicht gehabt.

Manchmal allerdings schon, wie etwa für Pastor Olp in Levern. Wie Kreft berichtete, hatte er Anfang der 30er-Jahre einem Jungen mehrfach verboten, im Konfirmandenunterricht mit „Heil Hitler“ zu grüßen, wurde dafür zu 14 Tagen „Schutzhaft“ verurteilt und aus Levern verwiesen. Der örtliche Posaunenchor habe ihn 1936 ehrenhalber zum Mitglied ernannt. „Die hatten noch Mut“, so Kreft.

Den Mut und die Bereitschaft, sich mit der schwierigen Vergangenheit auseinanderzusetzen und daraus zu lernen, wünscht sich Oliver Nickel von den Menschen heute. Für ihn sei es eine spannende Frage, wie wachsam wir sein müssen. Denn „Demokratie ist etwas sehr sensibles“. Kreft dankte er, dass dieser zumindest ein paar weiße Flecken in der Geschichte der Rahdener Kirchengemeinde verschwinden lassen konnte. J mer

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