Tinnitus-Patienten leiden oft viele Jahre unter Geräuschen

Leben mit Dauerton im Ohr

Das Leben mit Ohr- oder Kopfgeräuschen ist nicht immer einfach, aber Betroffene wie Rolf Bökenkröger (l.) lassen sich Freude und Lebensmut nicht nehmen. Gleichgewichtsübungen, die Claudia Jork (r.) zeigt, bereiten den Männern und Frauen Spaß. - Foto: Bokelmann

Rahden - Von Anika Bokelmann. Bei einem entwickelt er sich langsam, bei anderen ist er plötzlich da. Mal zeigt er sich als dumpfes Rauschen, mal als ein Pfeifton, der einen ständig begleitet. Ohr- und Kopfgeräusche werden in der Fachsprache als Tinnitus bezeichnet. Darunter leiden allein in Deutschland rund vier Millionen Menschen. Tinnitus ist nicht heilbar, verschwindet manchmal aber von allein. Betroffene aus Rahden und der Umgebung finden in einer Selbsthilfegruppe Unterstützung, die sich monatlich in der Stadtsparkasse in Rahden trifft.

„Wir sind keine Ärzte und behandeln den Tinnitus nicht. Aber wir öffnen Türen und zeigen Wege, wie man mit den Geräuschen leben kann“, sagt Claudia Jork. Die 49-Jährige hat die Selbsthilfegruppe vor 17 Jahren ins Leben gerufen, als sie in die Auestadt zog. Bereits in ihrer früheren Heimat, der Grafschaft Bentheim, betreute sie eine Gruppe für Tinnitus-Patienten. „Die Nachfrage ist groß“, weiß Jork. Und so initiierte sie ein erstes Treffen mit rund zehn Personen. Heute kommen zwischen 15 und 22 zu den Treffen. Zur Tinnitus-Selbsthilfe für den Altkreis Lübbecke gehören Jork zufolge 56 aktive sowie weitere 120 passive Mitglieder. Die Gruppe gehört zum Dachverband der Deutschen Tinnitusliga, die Jork beim Aufbau in Rahden unterstützt hat.

Auch wenn der Dauerton im Ohr jeden treffen kann, die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe sind zwischen 28 und 96 Jahren alt. Die Ansprechpartner, neben Jork ist das Rolf Bökenkröger aus Hüllhorst, wissen: „Die Jüngeren suchen Hilfe im Internet. Die Hemmschwelle für ein Gruppentreffen erscheint ihnen zu hoch.“

Weitere Tinnitus-Selbsthilfegruppen gibt es in Diepholz, Minden und Herford. Zu diesen pflegen die Rahdener gute Kontakte. Auch die Geselligkeit kommt nicht zu kurz. So unternehmen die Betroffenen Radtouren, gehen Wandern oder Grillen.

Claudia Jork lebt schon ihr halbes Leben mit den Ohrgeräuschen. „Noch schlimmer als die Töne, ist bei mir aber der Schwindel“, sagt Jork, die seit 24 Jahren jeden Tag mit der Angst vor Gleichgewichtsproblemen lebt. „Das erste Jahr ist das schlimmste“, berichtet die Rahdenerin. Nach der Diagnose suchte sie bei Ärzten Hilfe und fasste schließlich Fuß. Entspannung und Ruhe seien wichtig, denn: „Bei Stress nehmen die Geräusche zu“, so Jork.

„Wer vernünftig mit sich umgeht, kann einem Tinnitus vielleicht sogar vorbeugen“, rät Rolf Bökenkröger. Bei dem 71-Jährigen kam der Tinnitus vor zehn Jahren ganz plötzlich. Was ihn ausgelöst hat, weiß er – wie viele andere Betroffenen – nicht. Der Tinnitus komme zudem selten allein, betont Claudia Jork: neben Schwindel treten auch Hörstürze, Bluthochdruck, Schwerhörigkeit, Geräuschempfindlichkeit und sogar Depressionen im Zusammenhang mit der Tinnitus-Symptomatik auf.

Heute weiß Rolf Bökenkröger: „Wer mit sich im Gleichgewicht ist, lebt besser.“ Absolute Stille ist allerdings nicht das Richtige. Das wissen auch die Teilnehmer, die immer am dritten Mittwoch des Monats in der Stadtsparkasse zusammenkommen. „Die Nächte sind hart“, berichtet eine Frau, die seit mehr als zwölf Jahren mit Ohrgeräuschen lebt und verschiedene Methoden zur Linderung ausprobiert hat.

Die Geräusche werden vom Gehirn gesendet und sind maximal 20 Dezibel laut. „Das ist so, als ob ein trockenes Blatt über den Boden weht“, verdeutlicht Claudia Jork, die zu Beginn der Treffen nach Entwicklungen fragt und andere Probleme anspricht. Zwar macht jeder Betroffene seine eigenen Erfahrungen, aber einig sind sich die Männer und Frauen, dass ein Hörgerät eine gute Lösung ist. „Dadurch werden die Ohrgeräusche unterdrückt, weil man die Umgebung wieder besser wahrnimmt und mehr Input bekommt“, erklärt Jork.

Bei manchen Treffen kommt zudem ein Experte zur Selbsthilfegruppe nach Rahden und informiert über Entspannungsmethoden oder Körperwahrnehmung. In der Regel tauschen sich die Tinnitus-Patienten, die im Umkreis von rund 30 Kilometern um Rahden leben, aus und geben sich Tipps, wie man den Geräuschen begegnet. „Ich laufe dem Tinnitus nicht weg“, gibt sich ein Mitglied selbstbewusst. Besonders gefalle ihm an den Treffen, dass er ohne Scheu über Probleme sprechen könne. „Hier verstehen mich alle.“

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