Lesung im Amtsgericht in Lübbecke

Tine Wittler: Druck und Probleme machen sich Frauen selbst

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Tine Wittler las aus ihrem Buch „Wer schön sein will, muss reisen“ in der Veranstaltungsreihe „Starke Frauen“ in Lübbecke.

Lübbecke - „Wer schön sein will, muss leiden“, dieses Sprichwort sei ihr geläufig. Oder auch „Reisen bildet“, meinte Lübbeckes Gleichstellungsbeauftragte Angelika Lüters-Wobker vom Netzwerk L bei ihrer Begrüßung des Publikums im ausverkauften Alten Amtsgericht in Lübbecke. Aber „Wer schön sein will, muss reisen“, das sei eine außergewöhnliche Aussage.

Doch genauso hatte die aus dem Fernsehen bekannte Autorin und Moderatorin Tine Wittler ihr im Jahr 2012 erschienenes Buch betitelt und ist damit sofort beim zentralen Thema: dem weiblichen Schönheitsideal. Während in Deutschland die Nachfolgerinnen Heidi Klums über den Laufsteg stöckeln, gilt in Mauretanien, dem Land, das Tine Wittler für ihr Buch- und Filmprojekt bereist hat, ein genau gegensätzliches Schönheitsideal. Eine Frau muss möglichst rund sein, um als schön und begehrenswert zu gelten.

Dafür werden junge Mädchen sogar zwangsgemästet. „Gavage“ nennt man dieses Ritual, bei dem Acht- bis Neunjährige mit Kamelmilch oder, weil diese so teuer ist, sogar mit Medikamenten für die Viehmästung gefüttert werden, berichtete Wittler. Dass dabei gesundheitliche Risiken wie psychische Probleme bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder gar Todesfällen auftreten, werde in Kauf genommen, so Tine Wittler betroffen.

Ein neugieriges Publikum, das überwiegend aus Frauen bestand, verfolgte gebannt, wie Wittler über ihre abenteuerliche Reise aus dem Jahr 2011 las und erzählte. Eigentlich wollte sie einen fiktiven Roman schreiben, so die Wahl-Hamburgerin, die mittlerweile auch Gastronomin und Chansonsängerin ist. Aber ihre Lektorin habe sich mehr von einer Dokumentation versprochen. Also reiste Wittler mit einem kleinen Kamerateam ins Wüstenland. Der Arabische Frühling erschwerte ihr Vorhaben. „Doch nach sechs Wochen bekommt man auch vertrauliche Infos, zum Beispiel, dass die mauretanischen Männer erkennen, ob eine Frau durch Medikamente zugenommen habe“, verriet Wittler.

Sie habe sich mit der Menschenrechtsverteidigerin und Frauenrechtlerin El Moctar in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott getroffen und wurde deshalb ständig von der Regierung im Visier behalten. Auch ihre Übersetzerin, die vom arabischen Dialekt ins Deutsche übersetzte, schilderte Wittler in schillernden Farben.

„Die Frauen, die man in Deutschland schlank nennt, sind bei uns tot“, gab Wittler, die Aussage der Übersetzerin wieder. So sei die rundliche Figur mauretanischer Frauen die einzige Eintrittskarte in ein von ihrer Familie unabhängiges Leben, die Ehe. Ihre Übersetzerin sei übrigens mittlerweile die erste Mechatronikerin Hamburgs mit arabischen Wurzeln.

Tine Wittler ist durch ihr quirliges, fröhliches Naturell und ihre zahlreichen Fernsehauftritte bereist sehr publikumswirksam. Obwohl ihre Wurzeln in Rahden liegen, hat Wittler bereits ein wenig von dem Slang der Hanseaten angenommen, was ihren Vortrag umso interessanter machte. Und den Frauen an diesem Abend erteilte sie eine Lektion: „Mädels, eure Probleme sind hausgemacht“, holte Wittler aus und demonstrierte, dass Frauen für den Druck, dem sie sich bezüglich Kleidung und Aussehen aussetzen, selbst verantwortlich seien.

Wer die Lesung von und mit Tine Wittler verpasst hat: Keine Sorge, sie wird wiederkommen, allerdings erst im Januar 2018 ins Neue Theater nach Espelkamp.

IL

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