Hermann Seeker: Bauern stecken in der Krise

Landwirtschaft in schwierigen Zeiten

Der Preisverfall bedroht Existenzen: Die wirtschaftliche Lage der milchviehhaltenden Betriebe ist äußerst angespannt. - Foto: Landwirtschaflicher Kreisverband

Minden-Lübbecke - Die landwirtschaftlichen Betriebe geraten immer stärker in eine existenzgefährdende Situation. Vor allem bei den Milchbauern, aber auch bei Schweinehaltern haben die Einkommens- und Liquiditätsprobleme zugenommen. Hat Landwirtschaft noch Zukunft? Das fragen sich die Landwirte. Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Minden-Lübbecke, Hermann Seeker, spricht über die Situation.

Wie sieht es derzeit auf den Höfen in der Regio aus?

Hermann Seeker: Die wirtschaftliche Lage ist äußerst angespannt. Die Liquidität eines großen Teils der Milchviehhalter ist gefährdet. Das Preistief am Milch- und Schweinemarkt sowie wegbrechende Absatzmärkte bringen die Höfe an den Rand der Existenz. Milchvieh- und Schweinehalter kennen über einen zu langen Zeitraum fast nur die Tendenz nach unten, auch im Ackerbau läuft es nicht rund. Die Wertschöpfungsverluste summieren sich auf mehrere Milliarden Euro. Allein mit ihren unternehmerischen Entscheidungen können Bauern die Probleme nicht überwinden.

Die finanzielle Situation spitzt sich dramatisch zu, es geht an die Substanz. Wir befürchten Strukturbrüche. Die Landwirte haben mit Tiefstpreisen für ihre Erzeugnisse zu kämpfen, werden aber immer wieder mit neuen Anforderungen konfrontiert. Dass sich die Preise immer mal wieder verbessern und verschlechtern, ist natürlich nichts Neues. Allerdings werden die schlechten Perioden immer länger.

Was sind die Ursachen für die dramatische Preismisere?

Seeker: Die Markt- und Preiskrise auf fast allen Agrarmärkten hat ihre Ursachen in politischen Entscheidungen und in wirtschafts- wie marktpolitischen Entwicklungen. Kaufkraftverluste in erdölexportierenden Golfstaaten, die ein Drittel der weltweit gehandelten Milchprodukte importierten, rückläufige Importe und das Importembargo Russlands als einem der wichtigen Importeure, insbesondere von deutschem Käse, sind für eine geringere Nachfrage nach Milchprodukten bei hohem Angebot verantwortlich.

Seit 2014 ist das Milchaufkommen weltweit stabil hoch, insbesondere durch Neuseeland, Australien, den USA und auch durch die Europäische Union. In der EU hat es Produktionssteigerungen in Irland, Niederlanden, Polen und Dänemark gegeben. Deutschland hat die Milchmenge moderat gesteigert.

Was macht den Bauern weiter zu schaffen?

Seeker: Ein Problem ist auch die Struktur des Marktes sowie die fortschreitende Konzentration im Lebensmittelhandel. Die großen Supermarktketten diktieren ihren Lieferanten – und damit uns Bauern – mehr oder weniger die Preise. Darüber hinaus verlangt der Handel von uns ständig neue Anstrengungen bei der Umsetzung strengerer Nachhaltigkeitsstandards – ohne die dadurch entstehenden höheren Erzeugerkosten auszugleichen. Dadurch gibt es förmlich einen regelrechten Wettlauf, um sich gegenseitig mit Forderungen an die Erzeuger zu überbieten. Die fünf großen Einzelhändler Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Metro bestimmen nicht nur darüber, was Lebensmittel kosten dürfen. Sie diktieren auch noch die Produktionsbedingungen bis hin zum landwirtschaftlichen Betrieb und entwickeln diese nach „Gutdünken“ weiter.

Wer ständig die Messlatte beim Tierwohl oder sonstigen Nachhaltigkeitskriterien erhöht, der muss auch bereit sein, diesen Mehrwert zu bezahlen. Wir brauchen hier dringend eine Verantwortungs-Partnerschaft der wichtigsten Akteure. Hier sind Kartellamt und Gesetzgeber gefordert. Mittelfristig muss das Wettbewerbsrecht unbedingt gestärkt werden. Eine bessere Kontrolle von Marktmissbrauch ist notwendig.

Was kann getan werden?

Seeker: Was kurzfristig helfen kann, um möglichst viele durchs Tal zu bekommen, sind Liquiditätshilfen und Bürgschaften sowie eine über das Jahr 2016 hinausgehende Anhebung der Bundeszuschüsse zur Landwirtschaftlichen Unfallversicherung. In der derzeitigen Situation sind außerdem Erleichterungen im Steuerrecht das Gebot der Stunde, da die Betriebe nach den Einkommen vergangener Jahre veranlagt werden. Wir fordern einen jährlichen Freibetrag zur betrieblichen Schuldentilgung. Auch mit Entlastungen bei der Besteuerung des Agrardiesels kann die Regierung den Betrieben helfen. In Deutschland liegt der Steuersatz deutlich über dem Niveau anderer europäischer Länder.

Eine Entlastung kann auch die Politik durch Verzicht ständig neuer kostentreibender Vorschriften im Bau-, Natur- oder Umweltrecht erreichen. Jede zusätzliche Auflage kostet unsere Bauern Geld, das nicht da ist. Langfristig muss bei allen Parteien, inklusive Verarbeitern und Lebensmitteleinzelhandel, ein Bewusstsein da sein, den Wert der Lebensmittel anzuerkennen, damit Landwirtschaft existieren kann.

Die Fragen stellte der Landwirtschaftliche Kreisverband.

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