Berliner Ensemble fasziniert durch beherzt entrümpelte Fassung des Lessing-Klassikers in Neuen Theater Espelkamp

Erstaunlich frischer „Nathan“

Komödiantisches voll ausgespielt: Der Derwisch ist als Schatzmeister des Sultans überfordert (v.l. Veit Schubert, Norbert Stöß und Ursula Höpfner-Tabori). - Foto: Kapries

Espelkamp - Von Ralf Kapries. Ein großer Name ist noch keine Garantie für eine gelungene Aufführungen, weckt aber hochgesteckte Erwartungen. Claus Peymann aber ist mit seiner Inszenierung von „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing mit dem Berliner Ensemble der ganz große Wurf gelungen, indem er ein interessantes Theaterstück mit energievollem Spiel und enormer Zugkraft inszenierte, das auch die Besucher des Neuen Theaters Espelkamp faszinierte.

Peymann hat beherzt gestrichen und die Theaterfassung entrümpelt. Vieles, was die heutigen Theaterbesucher als unnötige Wiederholung und verschnörkelten Schwulst empfinden, ist dem zum Opfer gefallen, wird aber durch das Spiel visualisiert. So erscheint Lessings Sprache (das Stück stammt ja immerhin von 1779) erstaunlich frisch. Die dabei gelegentlich entstehenden Eingriffe ins Metrum störten weiter nicht. Auch das Bühnenbild Achim Freyers hält sich betont schlicht und enthält kaum Requisiten. Die Kostüme Maria-Elena Amos erscheinen ein wenig wie aus der Klamottenkiste zusammengesucht, doch das ist gut und passend. Hier geht es nicht um prunkvolle Ausstattung, sondern um Aussage und Inhalt, wobei die Unterhaltung nicht zu kurz kommt.

Immerhin ist die Aufführungsdauer mit 2 Stunden 50 Minuten (inklusive Pause) angesetzt, doch wo andere Inszenierungen sich schwerfällig durch den Text schleppen, zieht das energievolle Spiel des Berliner Ensembles den Zuschauer so durch das Stück, dass er gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Das liegt zu einem wesentlichen Teil daran, dass Peymann auch die komödiantischen Anteile der handelnden Figuren herausgearbeitet hat. Hohes Gedankengut mischt sich so mit Unterhaltung – gar nicht so schlecht, was Lessing da gemacht hat und was Peymann offenbar wieder ans Tageslicht fördert.

Ein bisschen tollpatschig kommt der Tempelherr daher, den Raphael Dwinger so treffend verkörpert. Herzhaft stürmend und drängend läuft er immer wieder in die Irre und einmal sogar gegen die Wand. Martin Seifert spielt den Klosterbruder richtig schön einfältig. Als Komiker erweist sich Veit Schubert als Derwisch und als Patriarch von Jerusalem, wobei er als letzterer schön dessen Doppelmoral verdeutlicht. Auch der leichtfertige Sultan (Norbert Stöß) und seine kluge, emanzipierte Schwester Sitah (Ursula Höpfner-Tabori) erweisen sich als gelungene Konstellation.

Carmen-Maja Antoni, auch bekannt durch eine lange Reihe von Fernsehfilmen, zeigte sich in der Rolle der Dienerin Daja als Erzkomödianten, deren Auftritte erfrischend wirkten. Antonia Bill gelang die schwere Rolle, in der sie teils die muntere Leichtigkeit der jugendlichen Frau, teils tragische Momente zu durchleben hat, sehr intensiv und authentisch. Altmeister Martin Schwab zeigte den weltmännisch gebildeten, großherzigen Nathan als wahren Menschen statt als weltentrückten Weisen – eben durch und durch glaubhaft. Faszinierend!

Kein Licht ohne Schatten: Peymann hatte aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen, die Vorbühne ins Publikum hinein verlängern lassen, um eine größere Bühnentiefe zu erreichen, die jedoch kaum bespielt wurde und daher überflüssig schien. Dem waren die vorderen Sitzplätze zum Opfer gefallen und Zuschauer, die aus gutem Grund für diese Karten erworben hatten, wurden kurzfristig auf weiter hinten liegende Plätze verdrängt. Wer Hörprobleme hatte, blieb damit sich selbst überlassen. Dem Vorbau eines weiteren Bühnenportals fielen wohl auch die Signalgeber für die Infrarot-Hörhilfen zum Opfer. Ein Punkt, den man im Nachhinein wohl unter „Extravaganzen“ abhaken muss. Dafür durften die Gäste auf den vorderen Reihen in den „Theaterhimmel“ blicken – auf nackte Züge und in blendende Scheinwerfer.

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