Mit überwältigender Rhetorik

Prof. Dr. Udo Steinbach spricht zum Thema „Der Islam und Europa in der Gegenwart“

Prof. Dr. Udo Steinbach sprach über den Islam.

Walsrode - „Als ich begann, mich mit Orientalistik zu beschäftigen, war in diesem Fachgebiet von Religion kaum die Rede“, so Prof. Dr. Udo Steinbach. Auf Einladung der Volkshochschule Walsrode war der Islamwissenschaftler am Donnerstag aus Berlin angereist, um im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung über das Thema „Der Islam und Europa in der Gegenwart“ zu referieren.

Ohne Powerpoint, ohne Verstärkeranlage und sonstige Medien verstand es der 73-Jährige, mit bemerkenswertem Fachwissen und überwältigender Rhetorik mehr als 90 Zuhörer über nahezu zwei Stunden in seinen Bann zu ziehen.

Ohne eine historische Betrachtung sei die aktuelle Situation des Islam in Europa kaum nachzuvollziehen, sagte Steinbach. Und gut nachvollziehbar stellte er dar, dass während der vergangenen 1 000 Jahre die europäischen Staaten die Schicksale der islamischen Welt nachhaltig beeinflusst hätten. Kreuzzüge, die napoleonische Invasion in Ägypten, die Kolonialisierung durch England und Frankreich und die geistige Interaktion mit diesen Kulturen seien Fakten, die das Selbstverständnis der Religion beeinträchtigt hätten.

„Was haben wir als Muslime falsch gemacht, dass wir heute von europäischen Nichtgläubigen dominiert werden“, sei die Frage, die nicht nur in der gegenwärtigen Diskussion in der orientalischen Welt eine zentrale Rolle spiele. Die Frage „Was müssen wir ändern, um wieder aufzuholen?“, schließe sich der vorherigen direkt an.

Einen entscheidenden Schritt in der Veränderung der Religion in eine politische Agenda sieht Steinbach in der iranischen Revolution. Sie sei unerwartet gekommen und kennzeichne das Ende säkularer Politik. Nach Lesart der Mullahs wurde sie in die Souveränität Gottes gelegt; eine Lesart, deren Großteile sich die Organisation „Islamischer Staat“ gegenwärtig zu eigen mache.

Aufmerksam folgten die Zuhörer dem Vortrag von Udo Steinbach in der Volkshochschule Walsrode. 

Steinbach wehrt sich dagegen, die Umwälzungen in der arabischen Welt von 2010 als „Arabischen Frühling“ zu bezeichnen. „Nach einem Frühling erwartet man einen Sommer und damit eine Weiterentwicklung“, sagte er. „Niemand dort hatte Demokratie gelernt“, fuhr Steinbach fort. Er vergleicht die dortige Situation mit der des Deutschen Reiches von 1918. „Der damalige Versuch endete in der Katastrophe des Nationalsozialismus.“ Der Vergleich mit dem IS liege nahe. „Auch dieser zeigt Tendenzen zur Expansion, zur Mobilisierung und Unterdrückung – und vor allem suggeriert er seinen Anhängern eine Art von Sieghaftigkeit.“

Für Donnerstag, 3. November, hat die Volkshochschule in Walsrode ein Nachgespräch zum Vortrag geplant. Es findet ab 19 Uhr in den Räumen am Kirchplatz 4 statt und wird von Christian Steinwede geleitet. 

ah

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