August Jahns gibt Zeitzeugenbericht vor Rethemer Schülern

Bericht von Kriegserlebnissen: Feuersturm und Erfrierungen

Aufmerksam lauschten die Schüler den Ausführungen von August Jahns. - Fotos: Elling

Rethem - Vor den Schülern der 8., 9. und 10. Klasse der Rethemer Londyschule berichtete der 90-jährige August Jahns am Donnerstag in einem Zeitzeugenvortrag von seinen Kriegserlebnissen.

August Jahns bei seinem Vortrag in der Schule.

Er sei damals so alt gewesen, wie die Neunt- oder Zehntklässler jetzt, sagte Jahns. Am 10. September 1943 wurde der Schüler einberufen. In einer Nacht- und Nebelaktion seien er und die anderen nach Eckwarderhörne am Jadebusen gekommen. „Es gab gleich den ersten Flak-Alarm.“ Die Zuhörer erfuhren, dass sich die Jungen zunächst keiner Gefahr bewusst gewesen seien. „Nachdem das Feuer eröffnet worden war, sind wir raus und haben in die Luft geguckt.“ Sie hätten nicht bedacht, dass was von oben kommen und die Flugzeuge zurückschießen könnten.

Sehr sachlich schilderte Jahns diverse Stationen – Ausbildungslager, Reichsarbeitsdienst, die von ihm zu absolvierenden Aufgaben, tagelange Fußmärsche, kalte Quartiere und pures Glück. Das Grauen vieler Erlebnisse dürfte einigen Zuhörern erst im Nachhinein deutlich geworden sein.

Bei einem Vollalarm in Hannover seien Phosphor- und Brandbomben abgeworfen worden. „Mittendrin mussten wir Vorträge halten.“ Sie hätten sich dabei gegenseitig gepackt. Der Feuersturm sei so groß gewesen, dass sie sonst hineingezogen worden wären.

Bei Hannover sei ein Zug, in dem er gesessen habe, fast von einer Bombe getroffen worden. Allerdings sei der Gleiskörper zerstört worden und der vordere Teil des Zuges in den Bombentrichter gerutscht.

Und bei mehr als minus 20 Grad Celsius habe er sich die Füße erfroren. „Das habe ich erst gar nicht gemerkt.“ Winterkleidung habe er nicht gehabt.

Im April 1944 verbrachte Jahns vier Wochen in Rethem, wo er Bomber-Abschüsse miterlebte, unter anderem den an der Rethemer Brücke. Den unverletzten kanadischen Piloten hätten sie damals in die Stadt begleitet.

Ein Glücksmoment war wohl der Besuch seiner Mutter und Schwester in Berlin-Reinickendorf. Zu Fuß und per Fahrrad seien sie aus Rethem unterwegs gewesen, sagte Jahns. „Sie hatten Gänsebraten in Gläsern mitgebracht.“

Er geriet schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde in ein Internierungslager gebracht. Jahns erzählte, dass sie Fleisch aus Pferdeköpfen gegessen hätten.

Da in seinem Wehrpass irgendwann nur noch „Landwirtschaftlicher Schüler“ lesbar war, durfte Jahns relativ früh nach Rethem zurückkehren. Die Freude in der Familie sei groß gewesen. Doch die Stadt und auch sein Elternhaus seien zerstört worden.

Auf die Frage von Lehrerin Nadine Plotzky, wie er sich als Kindersoldat im Krieg gefühlt habe, antwortete Jahns: „Ich wurde geboren in einer Zeit, die darauf ausgerichtet war, in diese Richtung zu gehen. Wir wollten Soldaten sein.“ Sie hätten erst später im Kriegseinsatz, nachdem sie die ersten Toten gesehen hätten, anders gedacht.

Im Forum der Schule wurde gestern außerdem eine Ausstellung „Geflohen – Vertrieben – Angekommen?!“ des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge eröffnet, die die Schule behalten darf, weil sie in der Vergangenheit so viel Engagement bewiesen hatte. Nadine Plotzky sagte, dass sich die Jugendlichen die Themen mit ihren Geschichtslehrern im Unterricht erarbeiten könnten. „Die Ausstellung zeigt, wie wichtig es ist, Frieden zu wahren. Es ist eure Verantwortung.“

Dr. Henning Pieper vom Volksbund erzählte, dass es in der Ausstellung auch darum gehe, die Flüchtlingskrise vor dem Hintergrund der Geschichte zu erklären. Vor 70 Jahren, aber auch heute befänden sich Menschen auf der Flucht – damals wie heute 50 bis 60 Millionen. Es würden Begriffe erklärt, Bilder gezeigt und Fakten dargestellt. Auch ein Schmähgebiet aus dem Jahr 1946 gehöre dazu. Hierin bitten Menschen aus Bayern, keine Flüchtlinge aufnehmen zu müssen. „Der Volksbund und die Schulen treten für die Menschenrechte ein“, so Pieper. „Wir können nur gemeinsam unsere Zukunft gestalten.“ - sal

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