Sommerinterview: Bürgermeister Bovenschulte über Bildung, Flüchtlinge und Bauten

„In zehn Jahren 25 Millionen in die Schulen investiert“

Bürgermeister Andreas Bovenschulte spricht sich für bezahlbaren Wohnraum aus. - Foto: Sigi Schritt

Weyhe - Von Sigi Schritt. In unserem Sommerinterview spricht Bürgermeister Andreas Bovenschulte über Flüchtlinge, über den Marktplatz und Henry-Wetjen-Platz sowie über die KGS Leeste. Er äußert sich auch zum Thema Verkehr.

Derzeit leben in Weyhe rund 500 Flüchtlinge. Was tut die Gemeinde, um die Integration voranzubringen?

Andreas Bovenschulte: Zunächst einmal müssen die Menschen, die zu uns kommen, vernünftig untergebracht werden. Da hat sich unser Konzept des dezentralen Wohnens in den Ortsteilen sehr bewährt. Massenunterkünfte und Container mit all ihren Problemen konnten wir bisher vermeiden. Das soll auch künftig so bleiben. Aber mit der Unterbringung alleine ist es nicht getan: Die Flüchtlinge müssen unsere Sprache lernen, sie brauchen Arbeit und sie müssen die Möglichkeit haben, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen. Und die Flüchtlingskinder benötigen natürlich, wie alle anderen Kinder auch, ihren Platz in Krippen, Kindergärten und Schulen. In all diesen Bereichen ist die Gemeinde tätig, häufig gemeinsam mit anderen Behörden aber auch in Zusammenarbeit mit Kirchen, Verbänden und Vereinen. Besonders loben möchte ich in diesem Zusammenhang noch einmal die unverzichtbare Arbeit unserer ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer.

Haben Flüchtlinge gemeinnützige Jobs bekommen?

Unser Ziel ist, dass alle Frauen und Männer in Weyhe die Möglichkeit haben, durch Erwerbsarbeit ihre Brötchen zu verdienen. Das gilt auch für Flüchtlinge. Aber der Weg in den regulären Arbeitsmarkt ist für viele Flüchtlinge ein steiniger. Deshalb müssen wir Brücken bauen. Praktika und gemeinnützige Tätigkeiten können wichtige Zwischenschritte hin zu einer entlohnten Beschäftigung sein. Die Gemeinde Weyhe hat bereits 15 Stellen für gemeinnützige Tätigkeiten eingerichtet, unter anderem beim Baubetriebshof, im Freibad und in den Schulen. Dort können Flüchtlinge bis zu 100 Stunden im Monat arbeiten und sich 1,05 Euro pro Stunde hinzuverdienen. Davon profitieren alle: Es werden im Allgemeininteresse liegende Arbeiten erledigt, und die Flüchtlinge haben eine sinnvolle Beschäftigung, die sie dem regulären Arbeitsmarkt ein Stück näher bringt. Nach Möglichkeit wollen wir deshalb noch weitere Stellen einrichten. Was ich allerdings nicht verstehen kann ist, dass der Bundesgesetzgeber beschlossen hat, den Zuverdienst künftig auf 80 Cent pro Stunde abzusenken. Das ist nicht gerade motivationsfördernd.

Als Bürgermeister haben Sie sich die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum auf die Fahnen geschrieben. Die Rede war sogar von einer Wohnungsbaugesellschaft. Gibt es einen Starttermin?

Wir brauchen in der Tat mehr Wohnraum in Weyhe, der auch für Menschen mit mittleren oder niedrigen Einkommen bezahlbar ist. Die Nachfrage übersteigt seit einiger Zeit das Angebot deutlich, nicht nur bei Ein- und Zweifamilienhäusern, sondern auch bei Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Als Gemeinde haben wir darauf reagiert und begonnen, zusätzliches Bauland auszuweisen. Das werden wir fortführen und in diesem Zusammenhang auch unser Entwicklungsprogramm Wohnen fortschreiben. Die Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt, also Mieten, Grundstückspreise und Baukosten, kann die Gemeinde kaum beeinflussen. Hier sind in erster Linie das Land und der Bund gefordert. Wir brauchen zum Beispiel dringend eine attraktivere Förderung des sozialen Wohnungsbaus durch Zuschüsse und verbesserte steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten. Was die Gründung einer eigenen kommunalen Wohnungsbaugesellschaft betrifft, haben wir ein Gutachten erstellen lassen, das Anfang September im Ausschuss für Finanzen und Allgemeine Verwaltung vorgestellt und beraten werden wird. Danach werden wir klarer sehen.

Die Diskussion um die Belebung des Marktplatzes ist ein Jahr alt. Eine Arbeitsgemeinschaft hat dazu getagt. Ein Hochbeet ist eines der Ergebnisse. Wann haben wir den belebten Marktplatz?

Die Verwaltung wird in der nächsten Sitzung des Bauausschusses Ende August konkrete Vorschläge für die künftige Gestaltung des Marktplatzes vorlegen. Die Politik muss dann entscheiden, was davon umgesetzt werden soll. Mein Ziel ist in jedem Fall, dass die Arbeiten im Frühjahr 2017 abgeschlossen sind, damit wir den 20. Geburtstag des Marktplatzes angemessen begehen können.

Die Sanierungen der Grundschulen sind abgeschlossen. Jetzt steht die Kompaktsanierung der KGS Leeste an. Was sind die Vorteile?

In den vergangenen zehn Jahren haben wir fast 25 Millionen Euro in unsere Schulen investiert, um gute Lernbedingungen für alle Schülerinnen und Schüler zu schaffen. Das war für die Gemeinde eine riesige finanzielle Kraftanstrengung, aber jeder einzelne Euro davon war gut ausgegebenes Geld. Was jetzt noch aussteht, ist die abschließende Sanierung der KGS Leeste. In den vergangenen Monaten wurde in intensiver Arbeit und unter Mitwirkung aller Beteiligten ein Sanierungskonzept entwickelt, das die Schule fit für die Zukunft machen soll. Heute lernt man ja anders als in den 1970er-Jahren. Die kompakte Sanierung über einen relativ kurzen Zeitraum eröffnet uns die Möglichkeit, auch aktuelle pädagogische Anforderungen beim Umbau zu berücksichtigen. Die Alternative dazu wäre die kleinteilige Dauersanierung für weitere zehn Jahre. Dann würden jedoch nur alte Bauteile gegen neue ausgetauscht werden, einen pädagogischen Mehrwert gäbe es nicht. Deshalb bin ich von dem jetzt erarbeiteten Sanierungskonzept überzeugt. Derzeit ermitteln wir auf dieser Grundlage die zu erwartenden Baukosten. Der Schulausschuss wird in seiner nächsten Sitzung Ende August dann über das weitere Vorgehen beraten.

Es fließt viel Verkehr durch die Wesergemeinde. Welche Überlegungen haben Sie, um dem Bedürfnis von Mobilität Rechnung zu tragen und andererseits den von Anwohnern als Belastung empfundenen Verkehr aus dem Ort zu bekommen?

Da benennen Sie ein drängendes Problem, das auch in meinen Bürgergesprächen 2015 immer wieder eine große Rolle spielte. Viele Menschen leiden massiv unter Stau, Lärm, Abgasen, überhöhter Geschwindigkeit und Parkdruck. Andererseits sind bislang nur wenige bereit auf den eigenen Wagen zu verzichten, auch weil die Alternativen zum motorisierten Individualverkehr häufig noch nicht attraktiv genug sind. Deshalb bemühen wir uns seit Jahren, in enger Kooperation mit unseren Nachbargemeinden sowohl den ÖPNV als auch den Radverkehr zu stärken. Deshalb haben Politik und Verwaltung von Beginn an den Bürgerbus unterstützt, und deshalb setzen wir uns auch für eine Verlängerung der Straßenbahnlinie 8 bis nach Leeste ein. Was den Radverkehr betrifft, wollen wir sowohl die Qualität unserer innerörtlichen Radwege verbessern als auch die überörtlichen Verbindungen weiter ausbauen. Demnächst werden wir das Verfahren zur Neuaufstellung unseres Verkehrsentwicklungsplanes beginnen. Dieser Plan dient dazu, die zahlreichen „losen Enden“ aller Fragen zum Verkehr zu einem ganzheitlichen Konzept zusammenzubinden und konkrete Maßnahmen festzulegen. Ich wünsche mir, dass sich möglichst viele Bürger an diesem offenen Prozess beteiligen.

Stichwort Henry-Wetjen-Platz: Wie stellen Sie sich denn das Areal vor? Wann rollen die Bagger an?

Bis die Bagger anrollen wird noch etwas Zeit vergehen. Erst müssen die neuen Räumlichkeiten für den Rettungsdienst und den ärztlichen Bereitschaftsdienst an der Angelser Straße fertig sein, vorher können wir das derzeit genutzte Gebäude nicht abreißen. Und auch für das DRK Leeste brauchen wir eine Lösung. Das wird sich noch bis ins Jahr 2017 hinziehen. Aber wir werden in der Zwischenzeit nicht untätig sein. Derzeit entwickeln vier Büros im Wettbewerb Pläne für die künftige Gestaltung des Henry-Wetjen-Platzes. Dieser soll zu einem attraktiven Ort mit echter Aufenthaltsqualität werden, den es so in Leeste noch nicht gibt. Die Entwürfe werden wir voraussichtlich schon im September der Öffentlichkeit vorstellen können. Und auch das Verfahren zur Ansiedlung des geplanten Augenzentrums läuft weiter. Es ist eine riesige Chance für Weyhe, dass eine Privatperson bereit ist, in Leeste fünf Millionen Euro in ein Projekt mit überregionaler Ausstrahlung zu investieren, das die medizinische Versorgung noch einmal deutlich verbessern wird. Klar ist aber auch, dass die von Anwohnern vorgetragenen Bedenken sehr ernst genommen werden müssen, insbesondere was die künftige verkehrliche Situation betrifft. Aber ich bin mir sicher, dass sich hier konstruktive Lösungen finden lassen.

Sie sind Vorsitzender des Kommunalverbundes Bremen/Niedersachsen. Außerdem sind Sie im Präsidium des Niedersächsischen Städtetags vertreten. Welchen Nutzen können Sie als Bürgermeister aus diesen Ämtern für Weyhe gewinnen?

Es ist doch so: Manche Dinge kann man als Gemeinde alleine regeln, bei manchen ist man auf die Zusammenarbeit mit anderen angewiesen. Deshalb ist es für einen Bürgermeister wichtig, auch die überörtlichen Entwicklungen im Blick zu behalten und zu begleiten. Ich empfinde die Mitwirkung im Kommunalverbund und im Städtetag als inhaltlich sehr bereichernd und zielführend. Und die damit einhergehenden Kontakte und Infos sind für Weyhe nicht schädlich.

Mehr zum Thema:

Klaus Allofs' Karriere in Bildern

Klaus Allofs' Karriere in Bildern

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Mehr Wohnungslose in Deutschland

Mehr Wohnungslose in Deutschland

Neddener Advent

Neddener Advent

Meistgelesene Artikel

Weihnachtliche Kulturtage: Wintersonne sorgt für Hochbetrieb

Weihnachtliche Kulturtage: Wintersonne sorgt für Hochbetrieb

Schwerer Unfall auf Diepholzer Umgehungsstraße - Fahrbahn gesperrt

Schwerer Unfall auf Diepholzer Umgehungsstraße - Fahrbahn gesperrt

Polizei Syke schnappt Postdieb

Polizei Syke schnappt Postdieb

Fußgänger (45) stirbt nach Kollision mit einem Auto

Fußgänger (45) stirbt nach Kollision mit einem Auto

Kommentare