Im Kreis Diepholz steigt die Zahl der Attacken gegen Beamte

„Polizei ist für den Bürger da – nicht gegen ihn“

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Polizisten werden immer öfter verbal und auch körperlich attackiert.

Landkreis Diepholz - Von Julia Kreykenbohm. Ein Polizist wird bei einer Routinekontrolle in Herborn angegriffen und erstochen, sein Kollege schwer verwundet. 23 Polizisten werden nach einem Fußballspiel von randalierenden Fans am Gelsenkirchener Hauptbahnhof verletzt.

Die Nachrichten häufen sich, in denen von steigender Gewalt gegen Polizisten die Rede ist. Zudem werden Beamte vermehrt beleidigt, bepöbelt und angespuckt. Wie sieht es im Landkreis Diepholz aus?

Auch dort ist ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Waren es im Jahr 2013 noch 50 Fälle, in denen Polizisten Opfer von Gewalt wurden, waren es 2014 schon 62. In diesen Zahlen stecken hauptsächlich Anzeigen wegen Widerstandes gegen Polizeivollzugsbeamte und nur wenige wegen Körperverletzung. Allerdings gab es im Jahr 2013 sechs Fälle von leichter Körperverletzung und im darauffolgenden Jahr bereits elf. Gefährliche Körperverletzung wurde 2013 nur einmal verzeichnet, 2014 schon viermal.

Und wie sieht die trockene Statistik im wirklichen Leben aus? Jörg Berg-Moch ist Hauptkommissar im Polizeikommissariat Weyhe und seit mehr als 30 Jahren Polizist. Nach wie vor ist es sein Traumberuf. Gezweifelt habe er nie. Die Freude an seiner Arbeit sei in all der Zeit eher noch gewachsen. Doch er bemerkt auch: „Es hat sich etwas verändert. Die Gesellschaft und mit ihr der Umgang mit der Polizei.“ Der Respekt vor Beamten sei ganz klar gesunken, die verbalen Attacken werden häufiger und heftiger. „Früher war der Schutzmann Respektsperson. Wenn er eine Anweisung gab, wurde ihr Folge geleistet. Heute reagieren die Leute empfindlicher, patziger, diskutieren viel und beharren auf ihren Rechten.“ In Berg-Mochs Augen hat die Fähigkeit abgenommen, Konflikte zu lösen. Seiner Meinung nach treten diese vor allem dort auf, wo viele Menschen wohnen – also in städtisch strukturierten Gebieten. So wisse er von Kollegen aus Bremen, dass diese viel mehr mit der gesteigerten Aggressivität der Leute zu kämpfen hätten. Was macht das mit ihm, wenn er von solchen Vorfällen hört, bei denen Kollegen so massiv angegangen und verletzt werden, wie zum Beispiel in Gelsenkirchen? „Ich denke wohl polizeitaktisch“, erklärt der 49-jährige Hauptkommisar mit einem leichten Schmunzeln. „Mich beschäftigt dann eher die Frage: Wie hätte ich reagiert und vor allem, wie hätte ich das verhindern können? Aus diesem Grund kann ich auch keine Krimis genießen, weil ich sie nie als Unbeteiligter schauen kann.“ Angst machen ihm diese Vorkommnisse nicht. Vielmehr sorgen sie dafür, dass seine Wachsamkeit geschärft wird: „Ich mache mir dann klar: so etwas könnte dir auch passieren.“

Doch es gibt auch Vorfälle im Kreis Diepholz, die Berg-Moch in Erinnerung geblieben sind. „Einmal wurden Kollegen zu einer Jugendfeier in Ristedt bei Syke gerufen. Dort wurden sie angegriffen und auch leicht verletzt. Natürlich denkt man hinterher darüber nach.“

Allerdings nehme man solche Ereignisse nicht mit nach Hause. „Die Emotionen bleiben an der Uniform hängen“, beschreibt es Berg-Moch. „Und die zieht man abends aus.“ Das rät er auch seinen jungen Kollegen, wenn sie sich nach solch einem Einsatz ärgern. „Ich sage ihnen, das ist vergangen, du kannst es nicht ändern. Und wenn du das nächste Mal zu einem Einsatz fährst, wappne dich innerlich, mach dir klar, was passieren kann.“

Einer von diesen jungen Kollegen ist Polizeikommissar Christian S. (Name geändert). Er ist 26 Jahre und seit knapp zwei Jahren im Berufsalltag im Polizeikommissariat Weyhe angekommen. Obwohl er in seiner Ausbildung gut vorbereitet wurde, ist er auch immer wieder überrascht, wie frech und respektlos Menschen und vor allem Jugendliche auf ihn und seine Kollegen reagieren. „Die sagen dann: Ihr könnt uns gar nichts. Man fragt sich schon, woher das kommt.“ Anfangs habe ihn das noch sehr geärgert, inzwischen sei es Routine. Meldungen über verletzte oder auch tote Polizisten machen ihn betroffen. „Wir sitzen ja alle im selben Boot.“

Nach wie vor ist die Arbeit sein Traumberuf. Nur eine Sache betrübt ihn: „Man ist ja Polizist geworden, weil man Menschen helfen möchte und wird in der Öffentlichkeit größtenteils so überhaupt nicht wahrgenommen.“

Hauptkommisar Berg-Moch zuckt leicht die Schultern: „Man würde sich wünschen, dass die Leute einem respektvoller begegnen. Umgekehrt machen wir das ja auch. Sie sollten darüber nachdenken, dass die Polizei für die Einhaltung von Regeln da ist, die wiederum ein friedliches Zusammenleben möglich machen. Sie sollten sich bewusst machen, dass letztendlich die Polizei für den Bürger da ist – nicht gegen ihn.“

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