50 Jahre Fahrlehrer in Weyhe: Egon Kruse erinnert sich an so manche amüsante Begebenheit

„Die Queen fuhr in Bremen mit ihrem Rolls Royce hinter uns“

Egon Kruse lotst die 17-jährige Fahrschülerin Lena Danisch durch den Verkehr. - Foto: Schritt

Melchioshausen - Von Sigi Schritt. Auch wenn der Fahrlehrerverband keine Statistik führt, so zählt Egon Kruse aus Melchiorshausen mit 50 Dienstjahren zur Gruppe der am längsten tätigen Fahrlehrer im Land. Und der 73-Jährige denkt nicht ans Aufhören. Im Gegenteil. Der Unterricht mit Jugendlichen und Heranwachsenden hält jung lautet sein Credo. Sein wichtiges Utensil: eine Sonnenbrille.

Für zahlreiche Familien in Weyhe ist „Egon“ ohnehin bereits eine lebende Legende. „Ich habe manchmal allen, vom Uropa bis zum Enkel, das Autofahren beigebracht“, sagt Kruse schmunzelnd. Seine gute Laune ist charakteristisch für ihn, sagen Fahranfänger und alte Hasen gleichermaßen.

In dem halben Jahrhundert waren es unterm Strich viele Tausend Schüler gewesen, denen Egon Kruse als Ausbilder den Weg zur Fahrlizenz in Theorie und Praxis geebnet hat. Er hat niemanden ausgeschlossen – so saßen Menschen fast aller Nationen und fast jeden Alters auf dem Fahrersitz der speziell für den Schulbetrieb umgerüsteten Autos – meist waren es VW-Modelle, aber auch BMW- und Mercedesfahrzeuge waren darunter. „Insgesamt haben wir mehr als 200 Fahrzeuge im Einsatz gehabt“, schätzt Kruse.

Die Nachkriegsgeneration hatte Lust auf individuelle Mobilität. „Und so war die Lehrstube immer voll“, blickt Kruse auf seine Anfänge als junger Fahrlehrer zurück: „Jeder, der volljährig war, wollte einen Führerschein machen.“

Das Geschäft habe sich sehr verändert: „Die jungen Leute interessieren sich heutzutage nicht mehr für Autos und für die Technik. Sie wollen nicht mehr daran rumschrauben.“

Seinen Beobachtungen zufolge nutzen die Jugendlichen und Heranwachsenden mehr den Öffentlichen Personennahverkehr oder lassen sich von ihren Eltern zu den gewünschten Orten bringen. Das war in den 1980er-Jahren anders. Da nutzten Jugendliche Mofas (motorisierten Fahrräder mit Verbrennungsmotor), sie fuhren Roller sowie Leicht- und Kleinkrafträder mit 50 oder 80 Kubik. Wer in diesem Jahrzehnt 20 Stunden für die praktische Ausbildung fürs Auto benötigte, war „paddelig“. Heute brauchen die meisten soviele Stunden. Die wenigsten schaffen die praktische Prüfung nach den vorgeschriebenen zwölf Pflichtstunden, so Kruse.

„Es wäre schön, wenn die Schüler das Gelernte in den Pausen sacken ließen, doch die heutige Generation widmet sich lieber ihrem Smartphone. Doch statt dann mit einer App Verkehrszeichen und -situationen zu pauken, kommunizieren Schüler lieber mit anderen.“ Sein Unterrichtsraum als eine Art Treffpunkt der Jugendlichen, an dem auch mal ein Flirt drin war – das war einmal. Anders als früher, als seine Schüler die Fahrschule aufsuchten, bis sie die Theorie beherrschten, bleiben junge Menschen heutzutage nur solange, wie es notwendig ist und setzen auf Computerprogramme.

Klagen ist nicht Kruses Sache, er beschreibt lediglich die Veränderungen. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass sich das Projekt Autofahren mit 17 Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt? Doch genau das ist passiert, so Kruse. Eines ist in den Jahren stets eine Konstante geblieben: „Ich sabbel mit jedem. Und schaue nie muffelig. Fahrlehrer müssen nicht nur offen und sehr kommunikativ sein, sondern sich schnell auf ihre Schüler einstellen, damit man keinen Herzinfarkt bekommt.“

Kruse sieht sich auch ein wenig als Hellseher: „Man muss wissen, welcher Fehler als nächstes kommt, um Eingreifen zu können.“ Nur einmal konnte er einen Unfall nicht verhindern: Da knallte knallte ein Lastwagenfahrer auf der Neuenlander Straße schuldhaft auf sein Fahrzeug.

Auf der Straße hat er vieles erlebt. An eine besondere Begegnung in den 1970er-Jahren kann er sich noch bestens erinnern. Das Wetter war gut und die Straßen leer. Das habe ihn damals gewundert. Den Grund dafür erfuhr er ein wenig später. „Die Queen fuhr in Bremen mit ihrem Rolls Royce hinter uns.“ Im Mai 1978 habe es noch nicht so viele Sicherheitsvorkehrungen gegeben wie heute. „Als ich bemerkte, wer da im Wagen hinter uns saß, stoppte der Fahrschüler, und wir warteten geduldig an der Seite. Wir ließen den Tross vorbei und winkten.“ Er könne über seine Erlebnisse gar ein ganzes Buch schreiben, sagt Kruse.

Ohnehin sei er mit Benzin im Blut aufgewachsen: Im Februar 1943 im Fahrschulhaus geboren absolvierte er eine Autoschlosserlehre in Bremen und fing anschließend als Techniker bei Erno, einem Vorläufer des Airbus-Konzerns, an und testete Raketen. Zwischenzeitlich studierte er kurz Maschinenbau. Doch sein Vater Friedrich, ebenfalls Fahrlehrer, benötigte Hilfe und so absolvierte der Junior die notwendige Theorie und Praxis, um in der elterlichen Fahrschule als Ausbilder einzusteigen – mit 23 Jahren. Die Geschwindigkeit und die ungewöhnlichen Ausflüge gefielen ihm. So fuhr er schon mal mit seinen Fahrschülern weit entfernte Städte an. Im Auto wechselten sich die Anwärter ab. „Das war ein Erlebnis und man konnte voneinander lernen.“ Er selbst setzte sich auch schon mal aufs Motorrad und fuhr nach Frankreich, um dort ein Eis zu essen. Dann ging es wieder zurück.

An den Ruhestand will Egon Kruse nicht denken. „Ich bin im Garten nicht zu gebrauchen und in der Wohnung ein unruhiger Geist“, sagt er. „Ich bin lieber in Bewegung. Mein Vater war genauso. Fahrlehrer, Bürgermeister, Gemeinderats- und Kreistagsmitglied und Mitglied im Schützenverein.“ Allerdings sind die Weichen gestellt, die Fahrschule an einen Nachfolger zu übergeben.

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