Leester Mariengemeinde restauriert für 120 000 Euro ihre Furtwängler-Orgel

Königin der Instrumente soll keine Garderobe mehr sein

Orgelbaumeister Harm Dieder Kirschner vor der Baustelle mit den fein verzierten, renovierten Rundbogenfriesen, die die Altvorderen einfach mit einer Spanplatte übergenagelt hatten. - Foto: Ehlers

Leeste - Von Philipp Köster. Orgelbaumeister Harm Dieder Kirschner schüttelt den Kopf, als er auf das Gehäuse der Furtwängler-Orgel in der Marienkirche schaut. „Da hat man einfach einen Kabelschacht rangebaut, dort waren Garderobenhaken für die Mitglieder des Chors und dahinten Steckdosen.“ Und die fein gearbeiteten Rundbogenfriese wurden mit einer Spanplatte übergenagelt. „So wie man seinen Hühnerstall zusammenzimmert“, sagt Pastor Holger Tietz, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands. Immerhin durften die goldenen Engel ganz oben überleben.

Auch mit ihrem Instrument waren die Leester Protestanten im Lauf der Jahrzehnte nicht gerade zimperlich umgegangen, vor allem Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Da wurde das Cello von 1929 aus der Orgel ausgebaut. „Es entsprach dem Musikgeschmack nicht mehr“, sagt Tietz. Und wollte man den Pfeifen andere Töne entlocken, wurden sie einfach gestutzt.

So gut es geht, lässt die Kirchengemeinde darum seit Mai die historische Furtwängler-Orgel aus dem Jahr 1872 restaurieren und teilweise rekonstruieren. Das bedeutet, der Ursprungszustand wird wiederhergestellt, ergänzt um die Pfeifen von 1929, die die Celloklänge erzeugen. Dazu wird die Orgel um etwa einen halben Meter vorgezogen.

„Furtwängler und seine Söhne haben alle Pfeifen nummeriert, anhand von bis zu 100 Vergleichsinstrumenten können wir in etwa erahnen, wie wir sie löten müssen“, sagt Kirschner, der einen Orgelbaubetrieb im ostfriesischen Weener führt. Dort reinigt die Auszubildende Anna-Sophie Rebert die Leester Pfeifen zurzeit.

Zur Restaurierung zählt auch der Bau einer Balg-Anlage mit drei Kolben und Zylindern wie zu Zeiten des 19. Jahrhunderts. Edzard Knoke, selbstständiger Orgelbaumeister, den Kirschner angeheuert hat, baut sie zurzeit im Kirchturm zusammen. Später wird die Balg-Anlage über eine Leitung direkt über der Eingangstür zum Kircheninnern mit der Orgel verbunden. „Genauso wie es früher auch war“, sagt Kirschner. 1956 war sie verlegt worden.

Seit vielen Jahren hat die Kirchengemeinde die Orgelsanierung schon auf dem Zettel. Doch lange war nicht klar, wie sie vonstatten gehen soll. Restaurieren oder „nur“ renovieren war die Gretchenfrage. Mehrere Gutachter waren beteiligt, sie lieferten zum Teil unterschiedliche Expertisen. Zudem mussten die Leester die Finanzierung organisieren. Gemeinde, Förderverein, Kirchenkreis, Landeskirche, die bundesweit agierende Stiftung Orgelklang, die solche Vorhaben unterstützt, sowie die Klosterkammer trugen zur Gesamtsumme von 120 000 Euro bei. „Man muss immer dran bleiben, sonst schläft das ein“, erinnert sich der Kirchenvorstandsvorsitzende Günther Knief an das zähe Ringen, zumal es teurer wird als geplant.

Aber 120 000 Euro sind immer noch weniger als der Preis für einen Neubau wie etwa in Kirchweyhe. Die dortige Kuhn-Orgel hat 460 000 Euro gekostet. Für die Leester kam so eine Neuanschaffung nie in Frage, nicht nur wegen der Ausgabe, sondern auch weil sie die Orgel als Denkmal erhalten wollten. „Man kann solch alte Dinge immer restaurieren“, sagt Knief. Und Tietz ergänzt: „Wir haben als Diener die Aufgabe, die Tradition weiterzuleben.“

Es gelte aber auch, die Gegenstände zu pflegen. „Man muss bereit sein, alle 10 bis 15 Jahre einen fünfstelligen Betrag in die Hand zu nehmen, um eine Orgel ordentlich zu reinigen“, betont Günther Knief.

Harm Dieder Kirschner plant, bis spätestens Ostern 2017 mit der Restaurierung fertig zu sein. Wenn alles gut läuft, vielleicht auch schon früher. In jedem Fall muss das fertige Instrument gestimmt und von Sachverständigen abgenommen sein. Bis dahin begleitet Kantor Sören Tesch die Gottesdienste auf einer kleinen Truhenorgel, die Kirschner der Gemeinde geliehen hat, oder auf dem E-Piano.

Nach der Restaurierung will sich die Mariengemeinde das Innenschiff vornehmen, etwa das Deckengewölbe und den Altar. Es soll farblich harmonischer werden. Zu tun gibt es also immer etwas. Doch Kabelschächte, Garderobenhaken und Steckdosen werden das Gehäuse der Orgel künftig nicht mehr verzieren. Das ist gewiss.

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