Bewegender erster „Blaulicht-Gottesdienst“ in der Leester Marienkirche

„Bilder im Kopf“

Die Organisatoren (v.l.): Johann-Dieter Oldenburg, Andreas Bovenschulte, Andreas Callies, Gerald Bandemer, Frank Diephaus, Norbert Warnke, Achim Linka, Holger Tietz, Michael Kalusche, Soenke Heinken und Bernd Scharringhausen. - Foto: Yasmine Goldschmidt

Leeste - Von Heiner Büntemeyer. So einen intensiven Gottesdienst hatten die meisten Besucher des von Pastor Holger Tietz etwas salopp als „Blaulicht-Gottesdienst“ bezeichnete Veranstaltung in der Marienkirche nur erst selten oder überhaupt noch nicht erlebt. Die gründliche gemeinsame Vorbereitung mit Vertretern von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdiensten und Seelsorge hatte sich gelohnt.

Rettungsdienstleiter Frank Dieckhaus, Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte und Pastor Holger Tietz stimmten die Besucher durch die Lesung der Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“ ein. Im Wechsel beteiligten sich die Besucher an einer Gebetsklage, für die es Zuspruch und Trost durch das Bibelwort „Keine Macht der Welt wird dich aus meinen bergenden Händen reißen“, gab. Anschließend bildete sich eine lange Schlange vor dem Altar, wo jeder Besucher den kleinen Stein, den er beim Betreten der Kirche erhalten hatte, ablegen durfte. Diese symbolische Erleichterung stand für viele Bilder und Eindrücke, die jeder mit sich herumschleppt und die die ihn bis in den Schlaf verfolgen.

Mit dem Song „Bilder im Kopf“ von Sido wurden die Besucher auf Beiträge von Betroffenen vorbereitet, die über eigene traumatische Erlebnisse berichteten. Gleichzeitig erzählten sie, wie sie diese bedrückenden Erfahrungen und Erinnerungen verarbeiten.

Sie sprachen über ihre Empfindungen, wenn ein Einsatz beginnt. „Wie ein Daumenkino nehmen dann Bilder ihren Lauf“, berichtete ein Feuerwehrmann. Beim Einsatz sei dann jedoch keine Zeit mehr zum Nachdenken, dann seien helfende Hände wichtig, dann sei es nötig, einfach da zu sein, auch nur mal, um eine Hand zu halten. Johann-Dieter Oldenburg berichtete, wie verstörend und unglaublich belastend es ist, Hinterbliebenen eine Todesnachricht zu überbringen. Zwar seien Polizisten sehr gut ausgebildet und geschult, aber diese Erfahrung müsse jeder individuell verarbeiten. Daher sei es gut und wichtig, dass es regionale Beratungsstellen und Notfallseelsorge gibt. In allen Berichten klang aber auch durch, wie wichtig Gespräche unter den Kollegen sind.

Wohl niemand unter den Besuchern war nicht davon berührt, als Stefanie Schnarrenberger von ihrem Verkehrsunfall berichtete, als sie mit ihren Kindern Laura, Vivian, Nele und Lina auf der Kirchweyher Straße unterwegs war. Sie selbst war schwer verletzt, doch ihre Sorge galt den Kindern. „Und dann war da plötzlich eine junge Frau, die nicht wegschaute, sondern half und meine Kinder tröstete“. Das sei eine unglaubliche Erleichterung für sie gewesen. Diese junge Frau war Abelina Staufenbiel, die das tat, was eigentlich selbstverständlich ist, was aber nicht jeder macht: Sie war da, tröstete, half und vermittelte Zuversicht. Ihr, den anderen Rettungskräften und ihrem Schutzengel dankte die junge Mutter.

Ein Unfallarzt berichtete über die Wiederbelebung eines 13-Jährigen, die nur gelang, weil ein Team aus Ärzten, Helfern und Jugendlichen in seinen Bemühungen nicht nachließ und ein Rettungssanitäter berichtete, dass jede Kollegin und jeder Kollege mit rund 500 Einsätzen pro Jahr fertig werden muss. Meistens gehe es dabei um Menschen in Not und Todesangst. „Da liegen Bilder im Kopf verschlossen in Schubladen, die sich aber bei vergleichbaren Einsätzen sofort wieder öffnen“, berichtete er. Auch in diesen Fällen sei es wichtig und hilfreich, wenn darüber im Kollegenkreis geredet wird.

Blaulicht-Gottesdienst in Leeste

Holger Tietz und Johann-Dieter Oldenburg erinnerten daran, dass sich alle Hilfskräfte über ein gelegentliches Dankeschön als Ausdruck einer großen Wertschätzung ihrer Arbeit freuen. Diese Wertschätzung formulierte „Bruder Bürgermeister Andreas Bovenschulte“, der sich nicht anmaßen wollte, einen Gottesdienst zu beurteilen, doch dieser sei etwas ganz Besonderes für ihn gewesen und ein Ausdruck der Wertschätzung der Arbeit, die Einsatz- und Sicherheitskräfte im Kampf gegen Gewalt und für Freiheit und Sicherheit leisten. „Der Preis dafür sind die Bilder, Erinnerungen und die Erfahrung von Not, Gefahr und existentieller Angst, mit denen Sie leben müssen“, so Bovenschulte. Wichtig seien in diesen Situationen der Austausch und die gemeinsame Reflexion.

Tief betroffen verließen die Besucher diesen Gottesdienst. „Das war unglaublich toll und wirklich ganz nah bei den Menschen“, lobte Kreisbrandmeister Michael Wessels.

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