Bäckerzunft auf der Walz / Kost und Logis in Hüde und Marl

„Wenn der Hund nicht mehr bellt…“

Albert, Maurice und Andre (von links) kamen auf ihrer Walz durch Marl am Dümmer. „Nachnamen“ existieren auf der Walz nicht, das ist zu förmlich. Es geht um Erfahrung, nicht um Geld auf der freiwilligen Reise nach den Gesellenjahren. ·
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Albert, Maurice und Andre (von links) kamen auf ihrer Walz durch Marl am Dümmer. „Nachnamen“ existieren auf der Walz nicht, das ist zu förmlich. Es geht um Erfahrung, nicht um Geld auf der freiwilligen Reise nach den Gesellenjahren. ·

Lemfoerde - MARL/HÜDE · „Diese Erfahrung kann uns niemand in unserem späteren Leben mehr nehmen“, erklären die drei Bäckergesellen Albert, Andre und Maurice, die auf ihrer Walz in Hüde und Marl aktuell Kost und Logis fanden.

Zu übersehen waren die drei jungen Männer mit ihrer Kluft des Bäckerhandwerks, dem gedrehten Wanderstock mit zahlreichen Kerben und ihrem in traditionelles Tuch geschnürtem Bündel zwischen Hüde und Marl nicht. In der prallen Sonne machten sie Pause, dringend nötig, denn Maurice hatte sich „leider“ gerade neue Schuhe gekauft, wie er später bereitwillig im Gespräch erläuterte. Fatal, denn erfahrungsgemäß sind die ausgetretenen Latschen für die Strecken, die sich die jungen Gesellen vorgenommen hatten, die besten.

In die Region am Dümmer waren sie am Dienstagabend per Autostopp aus Hille gekommen. In Hüde hatten ihnen Bürgermeister Heiner Richmann und seine Frau Logis in der ausgebauten Scheune geboten und am Morgen ein deftiges Frühstück serviert. In der Zwangspause aufgrund der wunden Füße erläuterten die drei Bäckergesellen ihren Antrieb auf die Walz zu gehen, die Tradition und die Regeln der Zunft. Albert aus Kalkar am Niederrhein, der erfahrene „Exportgeselle“ mit zwei Jahren Walzerfahrung, hatte mit Maurice aus Düren bei Köln, Andre aus Hille-Unterlübbe am Montag nach dessen Lossprechung abgeholt. „Ich weise ihn nun eine Zeit lang in die Regeln und Gepflogenheiten auf der Reise ein“, sagte Albert. Arbeit darf der auf der Walz befindliche Geselle erst ab einer Entfernung von 50 Kilometern vom Heimatort annehmen. Traditionell wandern die Gesellen mindestens drei Jahre und einen Tag, können zwischendurch auch länger arbeiten und lernen. Maurice aus Düren war der Schlafsack kaputtgegangen und ihm fehlte noch ein Zylinder.

In Marl bekam er einen Schlafsack geschenkt und gutes Essen vor dem Weitermarsch. An diesem Mittwoch wurden die Drei mehr als satt, aber es gibt auch Tage, da knurrt der Magen. Wandergesellen dürfen kein Geld für Transport ausgeben, sie müssen ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis vorweisen können und dürfen keine Schulden, keine Kinder und keine Ehefrau haben. Zudem dürfen sie nicht älter als 30 Jahre sein. „Wer zu uns nett ist, der bekommt eine Kerbe in unserem Wanderstock“, erzählt Albert, während er in sein schlaues Reisebuch eine neue Notiz macht. „Ab und an melden wir uns Zuhause, vom Internet-Café oder per Telefon“, weiß Andre. Aber ein Mobiltelefon haben die Drei nicht. Denn es geht darum, möglichst viele nette Kontakte Auge in Auge und Ohr zu Ohr zu knüpfen auf dem „Jakobsweg“ der Wandergesellen. Dazu trägt das Lebensmittelhandwerk die Farben schwarz-weiß, also Pepita. Ihr aktueller Plan ging weiter Richtung Damme und Münster, aber diese Nacht wollten sie unter freiem Himmel schlafen, dank des neuen Schlafsacks aus Marl. Auf die Frage nach den Plänen folgte eine pragmatische Antwort: „Immer wenn wir planen, geht es sowieso in eine andere Richtung“, meinte Andre.

Auf jeden Fall wollen die Drei in diesem Jahr zur „Sommerbaustelle“ nach Dresden, einem traditionellen Treff aller auf der Walz befindlichen Gesellen. „Bitte vor dem 25. August“, bat Maurice, denn dann muss er bei seinem Meister in Augsburg wieder antreten, bei dem er für drei Monate arbeitet.

Auf der Walz geht es ums Beschränken, Improvisieren, Lernen, Kontakte knüpfen. Und „wenn der Postbote deinen Namen kennt und der Hund nicht mehr bellt, dann muss man weiter“, ist auch eine der vielen Regeln und Werte der Traditionsreise. · sbb

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