„Theaterdeufels“ spielen in Wagenfelder Friseursalon

Klare Botschaft an ungewöhnlichem Ort

Eine Bühne der besonderen Art: Die „Theaterdeufels“ aus Recklinghausen, mit Michael Mikolaschek am Piano, spielten im „Naturfriseursalon Sabine“ in Wagenfeld das Stück „G. Beine – Bestattungen aller Art“. J Foto: Brauns-Bömermann

Wagenfeld - Von Simone Brauns-Bömermann. An einem ungewöhnlichen Ort hatten drei Menschen eine klare Botschaft für ihr Publikum: „Nie wieder nichts mehr müssen müssen“, „Ich breche jetzt auf“, „Kein Morgen bringt das Heute uns zurück“. „Denkt daran, es gibt ein Leben vor dem Tod“, die Intention der Formation „Theaterdeufels“ aus Recklinghausen.

Das sind seit 20 Jahren Thomas Deutscher, Schauspieler, und Eva Fels, Dramaturgin und Regisseurin, und seit 2005 Musiker Michael Mikolaschek. Ihr schräges und ernstes Stück an Lyrik und Musik präsentierte das Trio am Samstag im „Naturfriseursalon Sabine“ in Wagenfeld vor viel zu kleinem Publikum.

Das Stück heißt zwar „G. Beine – Bestattungen aller Art“, macht letzterem auch alle Ehre im Verlauf, ist aber ein Appell an das Leben vor dem Tod. Denn für Dramaturgin Fels ist klar: „Lebe jetzt, denn wir haben alle eine tödliche Krankheit, die heißt Leben“.

Thomas Deutscher spielt Guido Beine, Bestatter wider Willen, der liebevoll romantisch und elternhörig sein Leben als Bestattersohn und Nachfolger des Unternehmens der Vorfahren Gustav und Gerhard als Guido Beine fortführt. Der ein Leben mit „Mutti“ und vier Wänden voller Särge mit Namen „Düsseldorf“, „Köln“, „Ulm“ in Eiche und Fichte fristet und seinen Träumen nachhängt. Tragisch, komische, schwarz-humorige Erzählungen und gefühlvolle Lieder über Sterben, Leben, Liebe und Hoffnung mit Angestelltem Willibald (Michael Mikolaschek), Kundin Frau Windig (Eva Fels) und Finley dem Hund. Muttis guten Ratschläge für den unglücklichen Sohn, der nie Bestatter, sondern Straßenmusiker werden wollte, kommen aus der rollbaren Einkaufstasche, etwas zittrig, mahnend.

Mutter bremst die Träume

„Junge, wer hoch hinaus will, wird tief fallen“, bremst sie seine Träume, die er doch verdient hat. „Junge, komm bald wieder, dein Vater liegt im Sterben, ich brauche dich hier“, ihr mütterlicher Druck zur Erbfolge. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, meint sie, aber hat sie recht? Ist es dann, wenn man die Träume und Wünsche bis zur Rente aufspart, nicht viel zu oft zu spät? „Wie groß ist Dein Leben, wie viele Ausgänge, Notausgänge hat es?“, das sind die zentralen Fragen des Stückes von Eva Fels, die selbst nächstes Jahr ein Sabbatjahr plant und durch Europa reist mit Hund Finley.

Thomas alias Guido erzählt, singt von seinen skurrilen Abenteuern mit den Menschen, die zu ihm in das Bestatter-Unternehmen kommen: „Nein, Hauskremierungen sind nicht erlaubt, auch wenn Sie einen großen Kamin besitzen“. Er gibt Anzahlung auf Bestattung an Senior zurück, damit der seine ersehnte Reise nach Amerika machen kann. Er managet die windigen Bestattungen von Frau Windig, die viele Tanten unter die Erde bringt in kurzer Zeit. Wenn er wieder deprimiert ist, reicht Mitarbeiter Willibald ihm seinen Sorgen-Frei-Rasierer.

Dann suchen sie Songs für die Beerdigungsfeiern gemeinsam mit dem Publikum aus: „Gute Nacht, Freunde“ sang Reinhard Mey, „Hells Bells“ AC/DC, „Song for guy“ Elton John, „Atemlos durch die Nacht“ Helene Fischer oder „Engel“ Rammstein. Kaum von den Gästen vorgeschlagen, stimmt Ausnahmemusiker Mikolaschek spontan an. Er hat auch „Geboren, um zu leben“, „Time to say goodbye“ oder „Junge komm bald wieder“ im Sofort-Präsentier-Repertoire. Guido tut dem Publikum leid, er ist gefangen in seinem Maßanzug, den vier Wänden und Särgen und Mutti. Seine Träume schlummern im Postkartenalbum von „Susan“, die auch Leonard Cohen kannte. Deutscher spielt, singt, spielt Gitarre brillant, Theater scheint sein Beruf. Doch weit gefehlt: Schauspiel ist sein Zweitjob, wer weiß vielleicht entflieht er selbst irgendwann noch ganz dem ersten.

Das Trio trifft ins Herz

Fürs Publikum wäre es gut, denn das Trio trifft ins Herz, rührt Gedankenflüge im Publikum an. „Wissen Sie, was ich mir für einen Tod wünsche? Einen klaren guten Tod, keinen dahergeschlichenen“, meint Guido. Damit spricht er wohl aus der Seele vieler, wenn es auch nicht gleich ein Erschießungs-Kommando der Mafia im Friseursalon oder das Überfahren durch einen knallroten Ferrari sein darf.

Eva Fels liebt Autoren wie Joachim Ringelnatz, Erich Kästner und Mascha Kaleko. Sie garniert mit lyrischen Passagen die Lebensgeschichte von Guido. Die hat ein Happy End: „Ich breche jetzt auf, fahre zu Susan zu Pinien, Pizza und Piazza. Liebes Leben, Du darfst mir nicht entrinnen“. Willibald heißt ab sofort Gisbert, Gunther oder Giselher und führt G. Beine in alter Tradition weiter. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Mehr zum Thema:

Internationales Fußballturnier in Großenkneten

Internationales Fußballturnier in Großenkneten

Fast 10 000 Tote durch Moskaus Syrien-Einsatz

Fast 10 000 Tote durch Moskaus Syrien-Einsatz

Polizeidirektor versetzt Johann-Dieter Oldenburg in Ruhestand

Polizeidirektor versetzt Johann-Dieter Oldenburg in Ruhestand

Tag der offenen Tür in der Christian-Hülsmeyer-Schule

Tag der offenen Tür in der Christian-Hülsmeyer-Schule

Meistgelesene Artikel

Feuerwehr befreit schwer verletzte Ehrenburgerin

Feuerwehr befreit schwer verletzte Ehrenburgerin

Angriff auf der Kuhweide - Landwirt hat Wolf in Verdacht

Angriff auf der Kuhweide - Landwirt hat Wolf in Verdacht

Zusammenstoß in Wagenfeld

Zusammenstoß in Wagenfeld

Unfall Donnerstagmittag auf der B 214

Unfall Donnerstagmittag auf der B 214

Kommentare