Herausforderung an Eltern: Pubertäres von süchtigem Verhalten unterscheiden / Christian Caselitz erstaunt zahlreiche Eltern in Wagenfeld

Wenn „digital natives“ auf „digital immigrants“ treffen

Von Christian Caselitz erhielten die Eltern nicht als Patentrezept zu problematischem Medienkonsum den erhobenen Zeigefinger.
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Von Christian Caselitz erhielten die Eltern nicht als Patentrezept zu problematischem Medienkonsum den erhobenen Zeigefinger.

Wagenfeld - Das „Oh, nö, nicht schon wieder ein Vortrag über Medienkompetenz und Suchtprävention“ blieb aus am Abend mit Christian Caselitz in der Oberschule in Wagenfeld. Im Gegenteil: Es kamen zahlreiche Eltern und Lehrer der Grund- und Oberschüler, sogar Großeltern wollten endlich wissen, was sich hinter dem ständigen „Daddeln“ auf medialem Gerät wirklich verbirgt. Initiiert hatte den Infoabend Schulsozialarbeiterin Lena Schröder und Referent Caselitz war kein Unbekannter in der Schule: Der Diplom-Sozialpädagoge der Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention im Diakonischen Werk des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Grafschaft Diepholz nimmt ständig an den Präventionstagen teil. In der Fachstelle mit Standorten in Diepholz und Sulingen finden jährlich mehr als 500 Hilfesuchende professionelle Unterstützungen für die Lösung ihrer Suchtprobleme.

„Ich merke jeden Tag welchen Stellenwert Handy und Smartphone bei Schülern haben“, erläuterte Lena Schröder den Handlungsbedarf. Und hatten einige Eltern vielleicht ein Patentrezept für den Umgang mit ihren Kindern in Bezug auf gesteigerten Medienkonsum erwartet, überraschte Caselitz sein Publikum. „Die Ausgangslage ist ein neues Zeitalter, eine rasend schnelle mediale Welt mit Endgeräten, die alles können. Ja, ihre Kinder sind ständig mit dem Smartphone beschäftigt, aber solange es sich um Kommunikation mit Gleichaltrigen handelt, ist das eher unbedenklich.“ Er untermauerte seine These mit dem Bild von stummen Zeitungslesern in einer Schlange im 20. Jahrhundert im Vergleich zu stummen Smartphone-Usern im 21. Jahrhundert. „Hauptsache Kommunikation findet statt, damals per Brief, später per Telefon, heute per sozialer Netzwerke.“

Ein Problem mit der Schnelligkeit der Entwicklung hätten eher die Eltern, denn wenn „digital natives“ (Kinder) auf „digital immigrants“ (Eltern)“ träfen, entstünde es: Ein Paradigmenwechsel, wenn nämlich Kinder den Eltern etwas erklären müssen. Nach Caselitzs Meinung ein Grund mehr, dass Eltern sehr interessiert sein müssen an dem was ihre Kinder spielen und deren Mediennutzung. Die virtuelle Welt bediene die Bedürfnisse der Jugendlichen in besonderer Weise: Neben den Gefahren, seien Gestaltungsspielräume, Orientierung und Interaktion durchaus als positiv zu bewerten. Der umgangssprachliche Begriff „Suchti“ oder „Du suchtest ja ganz schön“ seien im Gegenteil zur Definition von wirklicher Sucht eher inflationär gebräuchlich. Pathologischen Mediengebrauch verstünde die Wissenschaft als Verhaltensstörung: Diese läge vor, wenn der Online- oder Internetbesucher einen Rückzug aus der wirklichen in eine virtuelle Welt angetreten hätte.

„Dadurch dass die wissenschaftliche Untersuchung noch jung ist, sind die Therapien noch nicht individuell erforscht“, gab der Berater zu bedenken. Klar sei aber, dass anders als bei Alkoholsucht nicht das Ziel absolute Abstinenz sein könne. „In der Beratung versuchen wir zuerst pubertäres Selbstfindungsverhalten von bereits süchtigem Verhalten zu unterscheiden und den Eltern zu erklären“, das sei nicht immer leicht, so Caselitz.

Als sehr bedenklich stufte er jedoch den Konsum von sogenannten brutalen „Ballerspielen“, Hardcore-Pornographie-Kanälen und Spielen mit Unendlichkeitsprinzip ein. „Diese Bilder können junge Jugendliche nicht verarbeiten“, hier seien Kontrolle und Regeln gefragt. „Sucht ist komplex, immer in Wechselwirkung von Person, Umwelt und Suchtmittel zu sehen. Sucht funktioniert nur mit Bindung und resultiert zumeist aus verdrängten Sehnsüchten und Problemen“, so Caselitz. Die Droge sei nicht die Sucht, sondern nur der vermeintliche Ausweg.

Wie können Eltern gegensteuern? Die Liste wurde lang: Kinder ernst nehmen, eine vertrauensvolle Beziehung ohne Angst aufbauen, Interesse zeigen, Regeln gemeinsam erarbeiten, ein realistisch authentisches Vorbild sein, klare Grenzen setzen und Verhaltensalternativen anbieten. Die Eltern sollten sich informieren und den Kindern altersgerechte Freiräume, im besten Fall gemeinsame Aktivitäten, bieten, eine wertschätzende Haltung einnehmen und Sparringspartner für die Kinder sein.

„Jugendliche brauchen Reibung zum Erwachsen werden, nehmen sie sich die Zeit und überlassen sie das nicht dem Internet“, sein Appell.

sbb

www.kirchenkreis-diepholz.de

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