Werdegang eines neuen Weizenstamms / Versuchsstation in Borwede

Vom Labor zum Brötchen

Rainer Claes auf dem „intelligenten“ Mähdrescher. Die Maschine erntet nicht nur, sie analysiert das Getreide währenddessen bereits und schickt die Daten an das Bundessortenamt.

Borwede - Von Robin Grulke. Künstlich gezüchtetes Getreide? „Nein, Danke!“, werden viele denken. Was sie nicht wissen: Alle heute angebauten Weizensorten wurden von Zuchtunternehmen künstlich erschaffen.

Eine Mutterpflanze wird dabei künstlich mit den Pollen einer Vaterpflanze bestäubt. Das Produkt einer solchen Kreuzung, ein Hybride, soll seinen „Eltern“ in möglichst vielen Bereichen überlegen sein – ein Spiel mit dem biologischen Zufall. Doch was passiert eigentlich auf dem Weg zum „besseren“ Korn?

Zuchtunternehmen sind immer auf der Suche nach mehr. Sie hoffen, durch die Kreuzung von Mutter- und Vaterpflanze den „großen Coup” zu landen. Eine Pflanze, die in vielen Bereichen besser ist als ihre Vorgänger: von Krankheitsresistenz über Winterfestigkeit bis hin zum Ertrag. Das ist ein kompliziertes Unterfangen, welches bis zu sieben und mehr Jahre an Arbeit verschlingt. Schließlich sind für solche gezielten Veränderungen einzelne Proteine im Erbgut der Pflanze verantwortlich – davon gibt es viele: Das Weizen-Genom, der Erbgut-Code der Pflanze, ist mit rund 17 Milliarden Bausteinen unfassbar groß.

Ist unter den zahlreichen, neu geschaffenen Hybriden ein erfolgsversprechender Kandidat, meldet das Unternehmen dessen Saatgut für eine Werteprüfung beim Bundessortenamt an. Eine Werteprüfung ist ein mehrjähriger Testlauf, dessen Ausgang bestimmt, ob der gezüchtete Stamm zugelassen wird.

Das Bundessortenamt, das für die Zulassung und den Schutz von Pflanzensorten zuständig ist, leitet das zu dem Zeitpunkt noch Stamm genannte Saatgut bundesweit an möglichst viele Versuchsstationen weiter. Diese der Landwirtschaftskammer unterstellten Stationen werden an über 300 Standorten in ganz Deutschland unter anderem dafür genutzt, das Potenzial möglicher biologisch überlegener Stämme zu erkennen.

Immer wieder neu: Auf der Suche nach dem „perfekten Korn“ kreuzen Zuchtunternehmen verschiedene Weizensorten miteinander. Die dabei entstehenden Pflanzenstämme sollen ihren „Eltern“ in möglichst vielen Bereichen überlegen sein. - Fotos: Grulke

Rainer Claes ist Leiter einer solchen Station in Borwede. „Ich habe die Landwirtschaft von der Pike auf gelernt“, sagt der 50-Jährige. Nach dem Pflanzenbaustudium wollte er ursprünglich Landwirt werden, was ihm ohne elterlichen Grundbesitz allerdings nie möglich war. Heute kümmert er sich daher bei der Versuchsstation in Borwede neben dem Schwerpunkt „Sortenversuche”, also dem Großziehen der Pflanzenstämme, auch um Dünge- und Herbizidversuche sowie neue Produktionstechniken.

Die dafür angepachtete Fläche misst rund 8 Hektar und beherbergt knapp 3.500 Parzellen. Die sind nicht allesamt Teil der Sortenversuche. Mehrere Parzellen werden für Dünge- und Herbizidversuche sowie für Versuche von neuen Produktionstechniken zusammengeschlossen. In diesem Jahr sind dort unter anderem 50 Gersten-, 60 Weizen- und 80 Rapsstämme angesiedelt, von denen jeder Stamm – je nach Vor-, Nachteilen und Eigenschaften – heute bewährte Sorten ersetzen könnte.

Besonders das Thema Dünger sei von großer Bedeutung, da sich die Umweltbedingungen nicht nur bundesweit stark unterscheiden, sondern auch verändern. „Wir können uns nicht zurücklehnen“, meint Claes mit Blick auf den Klimawandel und Ungleichmäßigkeiten im Wetterverlauf. Je nach Temperatur, Regenaufkommen und Mineralgehalt im Ackerboden muss er seine Arbeit anpassen. 

Wird zuviel Dünger verwendet, nimmt die Pflanze nicht alles auf und die Gefahr besteht, dass ein nicht unerheblicher Anteil ins Grundwasser sickert. Regnet es während oder kurz nach dem Einsatz stark, kann der Dünger „verwaschen” werden, weswegen Claes neuen einsetzen muss. Wieviel und welche Art, das muss er von Fall zu Fall entscheiden.

Auch bei der Werteprüfung setzt Claes Dünger ein. Hier ist allerdings verstärkt Rücksprache mit Leitern anderer Versuchsfelder nötig, damit sich das Ergebnis in Borwede nicht zu stark von denen anderer Stationen unterscheidet, denn den Ergebnissen sollen stationsübergreifend möglichst die gleichen Vorraussetzungen zugrundeliegen.

Für die Prüfung säht Claes die Pflanzenstämme. Diese „betreut” er über einen Zeitraum von drei Jahren. Auch wenn es im Vorfeld nicht klar vorhersehbar ist, wie ein Stamm abschneidet: Mindestens ein Merkmal muss höher eingestuft sein, als das eines bewährten Vorgängers. Ist das nicht der Fall, erhält der Züchter keine Zulassung für sein Produkt, da der neue Hybride keinen ersichtlichen Vorteil besitzt. Rückschritte in Qualität und Ertrag werden damit ausgeschlossen.

Wenn Claes die letzte Ernte mit einem „intelligenten“ Mähdrescher eingeholt, abgewogen und analysiert hat, gehen die Daten direkt vom Feld an das Bundessortenamt. Lässt das Amt den Stamm nach gründlicher Prüfung zu, spricht man offiziell von einer Sorte, die einen Namen erhält und gehandelt werden darf. 

In fast allen Fällen ist damit allerdings die Arbeit in Borwede noch nicht vorbei: Die Sorten durchlaufen danach noch die Landessortenversuche, wofür sie in größeren Mengen wieder einmal den Weg zu den Versuchsfeldern antreten. Erst nach diesem letzten Test schafft es die Sorte in die sogenannte „beschreibende Sortenliste“. Die wird von der Landwirtschaftskammer herausgegeben und stellt interessierten Landwirten die neuen Sorten vor, welche schlussendlich in der Lebensmittelindustrie landen.

Wer nun eine eintönige Ernährung vermeiden und etwas wirklich Neues ausprobieren möchte, dem sei der Gang zum Bäcker um die Ecke ans Herz gelegt. Der verkauft nämlich Produkte, deren Zutaten stets neu entwickelt und getestet werden.

Mehr zum Thema:

Späte Tore lassen Werder jubeln

Späte Tore lassen Werder jubeln

Eindrücke vom Oktoberfest: Blauer Himmel und gute Laune

Eindrücke vom Oktoberfest: Blauer Himmel und gute Laune

Illuminierte Nacht in Scheeßel

Illuminierte Nacht in Scheeßel

Welt-Artenschutzkonferenz entscheidet über 500 Tierarten

Welt-Artenschutzkonferenz entscheidet über 500 Tierarten

Meistgelesene Artikel

Krisenzentrum in direkter Nachbarschaft zur Feuerwehr?

Krisenzentrum in direkter Nachbarschaft zur Feuerwehr?

„Normaler Verlauf“

„Normaler Verlauf“

Soldatenheim: Zukunft ist weiter offen

Soldatenheim: Zukunft ist weiter offen

„Ist das jetzt noch Kabarett, oder meint er das ernst?“

„Ist das jetzt noch Kabarett, oder meint er das ernst?“

Kommentare