Caritas: Situation der Wohnungslosen ist kritisch

Kein Raum und nur wenig Mitgefühl

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Ulrike Büter (links) und Britta Reinhardt machen in der Aktionswoche auf die Situation der Wohnungslosen aufmerksam. 

Twistringen - Von Julia Kreykenbohm. Weihnachten rückt näher. Für Jan eine echte Horrorvorstellung. Er ist 19 Jahre alt und obdachlos. 

Bisher hält er sich mit dem sogenannten Wohnungs-Hopping über Wasser – heißt, er schläft mal hier, mal da, bei Freunden und Bekannten. Aber zu Weihnachten wird das schwierig, denn das Fest verbringen seine Gastgeber bei ihren Familien. Jan (Name von der Redaktion geändert) bleibt allein und macht sich schon jetzt seine Gedanken, die er Britta Reinhardt von der Ambulanten Wohnungslosenhilfe der Caritas für die Landkreise Diepholz und Nienburg links der Weser, in der Beratungsstelle Twistringen mitteilt.

Der Plan: Die Feiertage im Krankenhaus verbringen

„Er sagt, dass er seine Drogensucht im Moment im Griff hat, doch er ahnt, dass seine Stimmung über die Feiertage kippen wird“, berichtet Reinhardt. Während andere Jugendliche in seinem Alter überlegen, in welcher Lokalität sie den Heiligen Abend feiern wollen, sobald das obligatorische Essen mit der Familie vorbei ist, plant Jan, die Feiertage im Krankenhaus zu verbringen. Als einzige Alternative, um nicht allein zu sein, ein Dach über dem Kopf zu haben und aus Trauer darüber wieder in alte Gewohnheiten zu fallen, die er eigentlich hinter sich lassen möchte.

So wie Jan geht es vielen obdachlosen Jugendlichen. Ihre Zahl ist laut Britta Reinhardt und ihrer Kollegin Ulrike Büter stark angestiegen. „Seit einem Jahr kommen immer mehr junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren zu uns“, berichtet Büter. In den Städten kenne man dieses Phänomen schon. Mit diesem Klientel kommen neue Herausforderungen auf die Wohnungslosenhilfe zu, weil es bei ihm „keine Basis“ gibt, auf der man aufbauen kann. 

Nicht gelernt, sich an Absprachen zu halten

Anders als wohnungslose Erwachsene, die oft einmal Wohnung und Arbeit hatten, die also einen geregelten Tagesablauf kennen, in den man sie zurückführen kann, sei das bei den jungen Leuten nicht möglich. „Sie haben zuhause nicht gelernt, sich an Regeln und Absprachen zu halten, haben häufig weder Schulabschluss noch eine Ausbildung“, so Reinhardt. Hinzu kommen Suchtprobleme und psychische Erkankungen. Letztere nehmen auch bei den älteren Klienten zu.

Zwei Dinge haben junge und ältere Wohnungslose gemeinsam: Sie werden mehr und es wird immer schwerer, für sie eine Wohnung zu finden. „Es gibt nur noch wenig sozialen Wohnungsbau, kaum noch bezahlbare Wohnungen“, kritisieren die beiden Beraterinnen der Caritas. Dort müsse dringend etwas passieren, denn Wohnungslosigkeit, sei die „stärkste Form der Ausgrenzung“.

Die Arbeit in Twistringen laufe gut, so Reinhardt. „Die Polizei und auch die Stadt sind mit im Boot und wir sind prima vernetzt.“ Doch es gibt auch noch ein paar Dinge, die sich die Mitarbeiterinnen der Caritas für die Zukunft wünschen, und die sie passend zur laufenden Aktionswoche „Wohnen ist ein Menschenrecht“ formulieren. 

„Die präventiven Angebote sollten verstärkt werden, damit die Menschen gar nicht erst wohnungslos werden“, sagt Reinhardt. Sie erinnert an das Netzwerk für Existenz und Wohnraumsicherung im Landkreis, das nicht mehr existiert, aber ihrer Meinung nach ein gutes und vor allem niedrigschwelliges Angebot war. Gerade für ihre Klienten sei das extrem wichtig. „Kaum ein Wohnungsloser geht in eine Behörde, um Hilfe zu suchen.“ Zudem solle es ein Belegungsrecht der Wohnungslosenhilfe auf vorhandenen Wohnraum für ihre Klienten geben.

„Grauzonen“ verhindern

Auch an der Unterbringung der Wohnungslosen müsse in manchen Orten noch einiges getan werden. In Twistringen sei man vergleichsweise sehr gut aufgestellt. „In der Übernachtungsstelle gibt es vier Schlafplätze, ein Wohnzimmer und eine Küche. Daher wird sie auch gern genutzt.“ In Bassum und Syke sehe es schon schlechter aus.

Die Zusammenarbeit der zuständigen Stellen müsse ihrer Ansicht nach auch verbessert werden, Maßnahmen ineinandergreifen, um „Grauzonen“ zu verhindern. Gerade für das noch junge Klientel, für das sich oft niemand zuständig fühlt. „Die 18- bis 25-Jährigen fallen aus dem Raster und sind quasi fünf Jahre lang sich selbst überlassen. In dieser Zeit können ihnen die Bezüge auf Null gekürzt werden, das heißt: kein Geld, keine Wohnung. Sie gelten vor dem Gesetz als erwachsen – sind es aber häufig nicht, wissen nichts über ihre Rechte und Pflichten. Denen muss man auch schon mal erklären, dass sie ein Klingelschild an ihrer Tür anbringen müssen, damit ihre Post ankommt.“

Mehr Flexibilität

Von den Behörden wünschen sich die Caritas-Mitarbeiter hin und wieder etwas mehr Flexibilität. „Wenn sie sich mit Wohnungslosen beschäftigen, prallen da oft zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die geordnete der Institutionen, wo alles geregelt und festgelegt ist, auf der anderen die der Wohnungslosen, die von Unstetigkeit und Unverbindlichkeit geprägt ist.“ Reinhardt möchte die Mitarbeiter dieser Stellen dafür sensibilisieren, dass Wohungslose eine völlig andere Lebenswelt haben, in der Dinge, die für die meisten einfach und normal sind, zu unüberwindbaren Hürden werden können.

Mehr Sensibilität wünschen sich Reinhardt und Büter auch von den Mitmenschen. „Sie sollten bedenken, dass Wohnungslosigkeit viele Ursachen haben kann. Oft stecken schwere Schicksalsschläge dahinter: Scheidungen, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, aber auch Altersarmut.“ Die Wohnungslosen werden ihrer Meinung nach häufig stigmatisiert – nach dem Motto: „Die sind ja selbst Schuld“ – und vergessen. Auch jetzt vor Weihnachten. Eine Spendenaktion oder vielleicht eine Veranstaltung für die Menschen ohne Zuhause, als Zeichen, dass sie noch dazugehören und man an sie denkt? Fehlanzeige. „Das Mitleid der Leute gilt vielen – aber meist nicht den Wohnunglosen.“

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