Ereignisse aus Türkei wirken bis nach Diepholz 

„Es wird schlimmer werden“

Rahmi Tuncer berichtet über seine Eindrücke aus der Türkei. - Foto: Archivbild

Landkreis Diepholz - Von Julia Kreykenbohm. Nein, die Türkei, in die er Ende Juli gereist ist, ist nicht mehr die Türkei, die er kennt. Nach dem Putschversuch am 15. und 16. Juli hat sie ihr Gesicht verändert und er fürchtet, dass diese Veränderung noch weiter gehen wird, bis aus dem Gesicht eine hässliche Fratze geworden ist. Rahmi Tuncer, Integrations- und Migrationsbeauftragter im Landkreis Diepholz ist erst vor wenigen Tagen nach Deutschland zurückgekehrt.

In der Türkei hat er Familie und Freunde besucht, in Istanbul, Mittelanatolien und drei weiteren Städten. Seine Eindrücke möchte er Ende September bei verschiedenen Informationsabenden im Landkreis mitteilen.

„Es ist gut, dass der Militärputsch gescheitert ist“, macht Tuncer deutlich. „Ein Politiker muss vom Volk abgewählt, nicht mit Gewalt abgesetzt werden.“ Die Gülen-Bewegung, die hinter dem Putsch angeblich stecken soll, würde eine Demokratie in der Türkei unmöglich machen. „Für die Anhänger von Gülen muss der Koran eine tragende Säule im Staatswesen sein. Bei ihnen würde das Parlament zwar weiterbestehen dürfen, jedoch würde ein religiöses Organ (Sura), eine Gruppe streng gläubiger Muslime, alle Entscheidungen dieses Parlamentes überwachen. Wird ein Gesetz erlassen, dass sich ihrer Meinung nach nicht mit dem Koran vereinbaren lässt, hätte die Gruppe die Macht, es abzulehnen. Somit regiert nicht mehr das Volk.“

Die Anhänger der Gülen-Bewegung verstünden sich als gemäßigte Bewegung, erläutert Tuncer. So seien sie dagegen, Homosexuelle zu töten. In ihren Augen müssten diese aber „geheilt“ und in Krankenhäuser gebracht werden. Andersgläubige sollten ebenfalls nicht getötet, aber von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

Nein, es sei gut, dass Gülens Anhänger keine Macht erlangt hätten. „Die hätten die Türkei zurück ins 6. Jahrhundert geführt.“ Aber Erdogans Reaktion habe das Land in seinen Grundfesten erschüttert. Misstrauen, Angst und Denunziation prägten den Alltag der Menschen. Wer behauptet, sein Nachbar sei Anhänger der Gülen-Bewegung, könne ihn allein damit ins Gefängnis bringen. Niemand traue sich mehr, offen seine Meinung zu sagen.

„Freunde haben mir erzählt, dass in staatlichen Kindergärten mit den Kleinen der Koran auf arabisch gelesen wird.“ Warum Arabisch? „Weil dies als die ursprüngliche Sprache des Islam gilt. Hier beginnt eine Islamisierung des Staates, weswegen viele Eltern schon unter der Parole protestieren: ,Schickt eure Kinder nicht in staatliche Kindergärten’.“ 

Auch die Imame könnten nun als Standesbeamte fungieren, was vorher nicht möglich war. Scheidungen seien für Frauen viel schwieriger geworden. „Während eine Frau sich früher trennen konnte, wenn sie sagte: ,Mein Mann betrügt mich’, muss sie heute dafür erstmal Beweise vorlegen. Wird eine Frau vergewaltigt und der Täter entschuldigt sich, wird sie genötigt, ihn zu heiraten“, so Tuncer. Dies führe zu Unmut und Hass, natürlich besonders bei den Frauen, die in der Opposition eine wichtige Rolle übernehmen könnten.

Doch die Opposition werde es schwer haben, denn sie hat kaum eine Chance, sich Gehör zu verschaffen, da Erdogan alle Kanäle verstopfe. Unterschriften-Aktionen? Verboten. Info-Stände? Verboten. Presseerklärungen? Verboten. Verboten alles, was nicht auf Erdogans Linie ist: Universitäten, Studentenwohnheime, Kliniken, Zeitungen, Fernsehsender. „2 308 Medienleute sind entlassen worden. Sie werden keine Hilfe vom Staat bekommen und ihnen wurde auch gesagt, dass sie in der Türkei keine Stelle mehr finden würden.“

Eine Sängerin, die sich bei Erdogans großer Kundgebung am 7. August weigerte, aufzutreten, fiel danach einer regelrechten Hetzkampagne zum Opfer. Sie ist untergetaucht. Die berühmte Kolumnistin und Autorin Asli Erdogan (mit dem Präsidenten nicht verwandt), sitzt wegen ihrer Artikel im Gefängnis.

Freunde von Tuncer sind als politische Gefangene verhaftet worden. Sie werden mit vielen anderen in Gefängnisse in Grenzgebieten wie Griechenland und Bulgarien gebracht, wo ihre Angehörigen sie kaum einmal besuchen können. Dagegen hätten viele protestiert – und seien grausam gefoltert worden. Weiblichen Journalistinnen wird dort mit Vergewaltigung gedroht. „Es wird noch schlimmer werden“, ist sich Tuncer sicher und lächelt traurig. 

„Wir stehen auf der Liste. Wenn Erdogan mit den großen Gruppierungen fertig ist, kommen wir an die Reihe.“ Er gehört einer Bewegung an, die fast in allen Städten der Türkei Volkshäuser betreibt, in denen kulturelle, politische, gesellschaftliche Arbeit mit verschiedenen Volks- und Religionsgruppen, mit Menschen jeden Alters geleistet wird. Dort liegt die Mitgliederzahl bei etwa 100.000. Bei den Wahlen unterstützen sie die linken und sozialdemokratisch geprägten Kandidaten.

Doch warum stehen die Türken in Deutschland trotz all dieser Dinge zu großen Teilen hinter Präsident Erdogan? „Viele haben sich in Deutschland nie angenommen und akzeptiert gefühlt“, meint Tuncer. Sie waren weder in der Türkei noch hier zu Hause, konnten beispielsweise nirgendwo wählen. Erdogan habe ihnen zum ersten Mal Wahlrecht in der Türkei eingeräumt. Zudem bekommen Frauen, die ein gewisses Alter haben, eine Rente in der Türkei – selbst wenn sie noch keinen Tag gearbeitet haben.

„Er gewährt ihnen politische und wirtschaftliche Vergünstigungen, gibt ihnen das Gefühl, dass er ihnen zuhört, sie wertschätzt und dass sie zu einem starken Land gehören. Darum stehen 60 bis 70 Prozent zu ihm. Im Landkreis Diepholz würde ich sogar schätzen 90 Prozent.“

Türken, die eine andere Haltung vertreten, leben nicht ungefährlich, denn der türkische Geheimdienst habe seine Augen und Ohren überall. Auch im Landkreis. „Es wird in Deutschland wohl nicht zu einer offenen Konfrontation zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern kommen“, glaubt Tuncer. Aber die Gegner seien schon Drohungen und Einschüchterungen ausgeliefert.

Die Aufforderungen aus der Politik, die hier lebenden Türken sollten sich zu Deutschland bekennen, hält Tuncer für unglücklich ausgedrückt. „Sie sollen sich zu Recht und Gesetz und zum Grundgesetz bekennen. Zu all dem, was in der Türkei gerade nach und nach verschwindet. Und so lange das der Fall ist, kann auch nicht über einen Beitritt des Landes in die EU gesprochen werden.“

Die Daten für die Informationsabende von Rahmi Tuncer im September werden noch bekanntgegeben.

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