Seniorenheim Barrien stellt sich dem Landrat vor

Den Willen des Menschen bis zum Schluss respektieren

Cord Bockhop (links) ließ sich von Thorsten Kerth (rechts) in Begleitung von Horst Wiesch das Seniorenheim zeigen. Auf dem Flur der „Blumensiedlung“ steht ein Spieltisch für die Bewohner bereit, den der Verwaltungs-Chef gleich mal näher in Augenschein nahm. - Foto: Kreykenbohm

Barrien - Von Julia Kreykenbohm. Es ist nur eine schmale Eisenkette, geschmückt mit einer künstlichen bunten Blume, die den Wohnbereich vom restlichen Gelände des Seniorenheims Barrien trennt. Dahinter beginnt der sogenannte geschützte Bereich – auch „Blumensiedlung“ genannt –, in dem die Bewohner leben, die aufgrund ihrer demenziellen Erkrankung nicht mehr am gewöhnlichen Alltag im Seniorenheim teilnehmen können.

„Manche waren aggressiv, andere schlichtweg überfordert von den Abläufen“, beschreibt Einrichtungsleiter Thorsten Kerth, der die Kette öffnet und neben Pflegedienstleiterin Elke Kollhofer, Peter Röpe, Leiter der Großküche, DRK-Präsident Horst Wiesch und Geschäftsführerin Ulrike Hirth-Schiller auch den Tagesgast hereinlässt – Landrat Cord Bockhop.

„Im Grunde müssen nicht die anderen Bewohner oder Mitarbeiter des Heims vor den Bewohnern der Blumensiedlung geschützt werden, sondern umgekehrt“, erläutert Kerth, der die kleine Gruppe auf eine breite Terasse führt, auf der mehrere runde Tische und Stühle aufgebaut sind. „Diese Menschen brauchen eine ruhige Umgebung. Sie leben aufgrund ihrer Krankheit in einer anderen Welt als wir. Einer Welt, wo andere Dinge wichtig sind, die aber deswegen nicht schlechter ist. Und das muss man als gesunder Mensch akzeptieren und verstehen lernen.“

Nur weil sie alt und krank seien, dürfe man nicht beginnen, die Erkrankten wie Kinder zu behandeln und ihnen Sachen oder Aktivitäten aufzuzwingen, so in dem Dreh: „Heute basteln wir mal was zusammen.“ Man könne Angebote machen, versuchen, zu motivieren. Aber wenn die alten Menschen nicht möchten, sei das zu respektieren.

Und das Seniorenheim tut viel, um seine Bewohner zu motivieren, ihnen Anreize zu geben, das Haus zu verlassen und sich zu bewegen. Von der Terrasse aus führt ein schmaler Weg zu einem Gehege, in dem sich Susi, Norbert, Luise und der kleine Hannes um das Gatter versammeln, um die Besucher in Augenschein zu nehmen. Das sind die Ziegen, die das Heim angeschafft hat, wobei Nesthäckchen Hannes sogar dort geboren ist.

Und es funkioniert. „Eine Bewohnerin, die körperlich schon sehr eingeschränkt ist, pflückte einen Apfel und zertrat ihn, um die Stücke den Tieren geben zu können“, berichtet Kollhofer. Neben der kleinen Ziegen-Familie gibt es auch noch Kaninchen, für die demnächst ein großes, begehbares Gehege in dem parkähnlichen Garten gebaut werden soll, Hühner – und auch zahlreiche Hunde, die oft von den Mitarbeitern von zuhause mitgebracht werden. Die Tiere sorgen für eine positive Atmosphäre, bauen Brücken, geben Zuwendung, ohne dafür etwas zu erwarten, ohne zu korrigieren.

Kerth öffnet die gläserne Tür zum Gemeinschaftsraum und grüßt laut in die Runde von etwa zwölf Bewohnern, die sich mit einer Mitarbeiterin an dem großen Holztisch versammelt haben. Viele grüßen zurück und eine Dame bemerkt erfreut: „So hübsche, junge Männer!“ Die Gruppe hat gerade einen Gurkensalat zubereitet und nutzt die Gunst der Stunde, sich das Urteil eines Fachmanns zu holen: Peter Röpe muss probieren und bemerkt anerkennend: „Gut. Nur noch ein bisschen Salz und Zucker muss ran.“ Die Dame meint: „Sie essen den Teller ja so rasch leer, da können Sie ja gar nichts schmecken!“ Es ist schwer vorstellbar, dass die energische „Köchin“ an Demenz erkrankt ist.

Die Krankheit hat viele Gesichter

Doch Ulrike Hirth-Schiller weiß, diese Krankheit, die auch immer jüngere Menschen befällt, hat viele Gesichter und darin liegt die Herausforderung. Bei manchem schreitet sie schnell, bei manchen langsam voran. Jemand, der vor Kurzem noch viel herumlief, wird plötzlich bettlägerig. Doch ganz gleich, wie sehr sich der Mensch verändere, sein Wille sei stets zu respektieren. „Wir hatten zwei Freundinnen hier und als die eine starb, sagt die andere, sie wolle sich nun hinlegen und darauf warten, dass es zuende geht. Das tat sie auch und wir mussten es akzeptieren. Drei Tage später starb auch sie“, berichtet Hirth-Schiller.

22 Bewohner leben in der „Blumensiedlung“. Manche bis zu ihrem Tod. Dass sie selber so etwas wie den Gurkensalat herstellen, den sie aus ihrem früheren Alltag kennen, ist wichtig für sie, weiß Pflegedienstleiterin Kollhofer. Sie sollen sich in dem geschützten Bereich, der seit 2012 existiert, zuhause fühlen – wobei die Betonung auf dem „Gefühl“ liegt. „Auf der rationalen Ebene können wir diese Menschen nicht mehr erreichen.“ So ist es den Bewohnern auch erlaubt, Wellensittiche oder Bilder aus ihrer ehemaligen Wohnung mitzubringen. Ein pensionierter Arzt hängte sogar das Schild seiner früheren Praxis an seiner Tür auf.

Im Anschluss geht es noch in die Großküche des Seniorenheims, wo jeden Tag rund 800 Mahlzeiten zubereitet werden, von denen 650 in den gesamten Kreis Diepholz gehen. Als die Küche auch noch die Flüchtlingsunterkünfte belieferte, waren es sogar 1000. Auch die Bewohner hätten das mitbekommen. Bei einigen habe das Erinnerungen geweckt. „Eine Frau fragte mich, ob wir auch was für die Flüchtlinge tun“, erinnert sich Hirth-Schiller noch sichtlich bewegt. „Als ich bejahte, legte sie ihre Hand auf meinen Arm und sagte: ,Passen Sie auf die Frauen auf. Die zahlen immer den höchsten Preis’.“

Landrat Cord Bockhop zeigt sich nach dem Rundgang begeistert. Lange schon habe er das Seniorenheim einmal besuchen wollen. „Wenn man öfter in Betrieben ist, merkt man ziemlich schnell, wo es läuft und wo nicht. Und hier läufts. Das Wir-Gefühl ist spürbar. Es wird etwas gelebt, an dem sich viele orientieren können.“

Mehr zum Thema:

Trio „Holmes & Watson“ spielt in Rotenburg“

Trio „Holmes & Watson“ spielt in Rotenburg“

40 Jahre Kita Neissestraße in Verden

40 Jahre Kita Neissestraße in Verden

Bilder aus Paris: Schüsse in Supermarkt - Täter verschanzt sich

Bilder aus Paris: Schüsse in Supermarkt - Täter verschanzt sich

4. Trecker Treck auf dem Möhrchen-Hof

4. Trecker Treck auf dem Möhrchen-Hof

Meistgelesene Artikel

Premiere „im Großen und Ganzen ein Erfolg“

Premiere „im Großen und Ganzen ein Erfolg“

Viel mehr als bloß Kartoffeln

Viel mehr als bloß Kartoffeln

Von Schwarme bis zum Polizeikommissariat in Leeste eskortiert

Von Schwarme bis zum Polizeikommissariat in Leeste eskortiert

Raubüberfall: Zwei Männer krankenhausreif geschlagen

Raubüberfall: Zwei Männer krankenhausreif geschlagen

Kommentare