Dr. Dunja Sabra spricht über Missverständnisse zwischen Deutschen und Arabern

Wenn Respekt als Drohung empfunden wird

Dunja Sabra

Syke - Dr. Dunja Sabra, Tochter einer Österreicherin und eines Ägypters, hat in Braunschweig in Mirkobiologie promoviert und an der Universität von Alexandria eine Stelle als Assistenzprofessorin. Sie lebt seit 2009 in Buxtehude und arbeitet derzeit als Dolmetscherin für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Nebenbei spricht die 47-Jährige auch bei Veranstaltungen, um den Menschen die arabische Kultur und Lebensweise näherzubringen. Diese sind ihr eine persönliche Herzensangelegenheit, wie sie sagt. Sie besucht auf Einladung Schulen, Kindergärten, aber auch Firmen und Ministerien. Als Referentin war sie jetzt auch bei einer Veranstaltung der Diakonie in Syke zu Gast. Mit ihr sprach Julia Kreykenbohm.

Frau Dr. Sabra, wie war die Resonanz in Syke?

Dunja Sabra: Ich denke, dass der Raum gut gefüllt war. Aber es können eigentlich nie genug Menschen sein, denn diese Veranstaltungen leben von den Gästen. Je mehr wir miteinander sprechen, desto mehr „Aha-Momente“ gibt es – und genau die sind das Ziel.

Welche Fragen wurden Ihnen dort gestellt?

Sabra: Es werden weniger Fragen gestellt, als kleine Geschichten aus dem Alltag erzählt. Die Leute schildern, was ihnen passiert ist, was sie geärgert hat und was sie nicht verstanden haben, und ich versuche ihnen dann, die andere Seite zu verdeutlichen, zu erläutern, warum und wieso das geschehen ist. Häufig kommt dann Bestätigung und die Leute sagen: „Jetzt verstehe ich“.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sabra: Allein die Begrüßung kann Irritation auslösen. In Deutschland reicht man sich die Hand, gibt einen festen Händedruck und schaut einander in die Augen. Das zeigt Respekt. In der arabischen Kultur wird ein fester Händedruck und Augenkontakt als dominantes Auftreten empfunden. Dort legt man die Hand mehr in die des anderen, was Deutsche eher als unangenehm empfinden. Es sind Nebensächlichkeiten, aber sie werden interpretiert und irritieren. Und wenn sie sich häufen, sorgt das für Frustration. Ein anderes Beispiel: Die Lehrerin weist den Schüler zurecht. Der schaut ihr nicht in die Augen. Nicht, weil er sie nicht respektiert, sondern weil er sich seiner Schuld bewusst und sie für ihn eine absolute Respektsperson ist. Und die schaut man nicht direkt an.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der deutschen und der arabischen Kultur?

Sabra: Ich glaube, in Deutschland ist das Individuum sehr wichtig. Man will sich selbst verwirklichen, das Ich steht im Vordergrund. Im arabischen Raum ist die Familie wichtiger als der Einzelne. Und dazu zählen nicht nur Mutter und Vater, sondern auch Oma, Opa, Tante und Onkel. Der Familie gilt die Loyalität, mit allen Konsequenzen. Darum leiden die Flüchtlinge hier sehr unter der Trennung. Sie fragen mich oft: Wie können wir uns in Deutschland einen Freundeskreis aufbauen? Ich sage ihnen: In Deutschland dauert es ein bisschen, aber wenn ihr dann Freundschaft schließt, dann habt ihr sie für das ganze Leben. Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass es niemals „den Deutschen“ oder „den Araber“ gibt. Doch ich denke, auf die Mehrheit trifft das zu.

Was sind die Gemeinsamkeiten?

Sabra: Unsere Mimik ist sehr ähnlich. Wir drücken Trauer und Freude auf dieselbe Weise aus. Anders als zum Beispiel Japaner, die ihre Gefühle ja sehr zurückhalten.

Sie sind sieben Stunden nach Syke gefahren, um für zwei Stunden einen Vortrag zu halten. Warum liegen Ihnen die Veranstaltungen so sehr am Herzen?

Sabra: Wer immer wieder frustrierende Erfahrungen mit Menschen aus einer anderen Kultur macht, wendet sich irgendwann ab. Das ist dann sehr schade. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle oft das Gleiche wollen, aber wir drücken es anders aus, und das führt zu Missverständnissen. So wie Hund und Katze, die aufeinandertreffen. Der Hund wedelt freundlich mit dem Schwanz, doch die Katze fasst das als Drohgebärde auf. Ich möchte dem entgegenwirken, in dem ich bestimmte Verhaltensweisen erkläre. Wir glauben, sobald ein Dolmetscher im Raum ist, muss die Verständigung klappen, aber das gesprochene Wort macht nur sieben Prozent der Botschaft aus. 55 Prozent ist Körpersprache und der Rest ist alles rund um die Stimme, zum Beispiel Betonung. Und diese 93 Prozent können eben viel kaputtmachen, wenn sie falsch verstanden werden.

Was antworten Sie Menschen, die sagen, die Araber müssen sich an die deutsche Kultur anpassen und nicht umgekehrt?

Sabra: Dass sie vollkommen richtig liegen. Die Neuankömmlinge müssen lernen, wie man hier kommuniziert und agiert. Aber um etwas lernen zu können, brauche ich jemanden, der es mir erklärt. Und meinem Lehrer hilft es, wenn er weiß, wie ich ticke. Die Menschen müssen sich integrieren, aber nur mit Sprache lernen ist es nicht getan. Wenn man sie damit allein lässt, wird es viel länger dauern, und wir wollen den Prozess ja beschleunigen.

Welchen Ratschlag geben Sie den Leuten für den Umgang mit Menschen aus dem arabischen Raum?

Sabra: Wenn sie in einer Situation irgendwie das Gefühl haben, hier läuft gerade etwas schief, fragen Sie nach: Wie ist das bei euch? Und dann sagen sie: So macht man es in Deutschland. So findet ein Austausch auf Augenhöhe statt und man lernt etwas dazu.

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