Schüler des Fachbereichs Pflege der BBS testen Simulation

In wenigen Sekunden mit „Gert“ um Jahrzehnte altern

Unter der Aufsicht von Katrin Moser müssen sich Cord Bockhop (von links), Horst Burghardt und Jörn-Michael Schröder im Alterssimulator die Zähne putzen. - Foto: Kreykenbohm

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Vor den Spiegel treten, Pasta auf die Zahnbürste drücken, putzen. Eine Reihenfolge von einfachen Bewegungen und Handgriffen, die völlig automatisch ablaufen, so dass er mit den Gedanken ruhig woanders sein kann. Vielleicht bei einer bevorstehenden Ratssitzung.

Doch heute muss er sich sehr konzentrieren, damit die Paste wirklich auf den Borsten landet. Die Bewegungen sind langsam und schwerfällig. Wenn man ihn anspricht, muss man fast schreien, damit er einen überhaupt versteht. „Herr Bockhop, Ihr Becher!“, ruft Katrin Moser vom Diakonischen Werk und wedelt mit einem Plastikgefäß. Der Landrat ist stark gealtert – zumindest scheinbar.

Der 49-Jährige trägt eine Kombination aus verschiedenen Kleidungsstücken, die ihn ein bisschen aussehen lassen wie einen Darsteller in einem Weltraumfilm und ihm das Gefühl geben, auf einen Schlag mindestens 20 Jahre älter zu sein. Knie- und Ellenbogenschoner bedecken seine Gelenke. Dazu kommen Gewichtsmanschetten, die zusammen zwei Kilogramm wiegen. 

Die Weste, die er trägt, belastet ihn mit zehn weiteren Kilogramm und macht es schwer, aufrecht zu stehen. Dazu kommt eine Halskrause, die die Bewegung des Kopfes einschränkt. Eine gelb-getönte Brille sitzt auf seiner Nase und in den Ohren, die mit Kopfhörern bedeckt sind, stecken zusätzlich noch Ohren-stöpsel.

Mit der Zahnpflege abgemüht

Der Schulleiter der Berufsbildenden Schulen Syke, Horst Burghardt, und der Superintendent Jörn-Michael Schröder treten zu Bockhop an das Waschbecken im Klassenzimmer des Pflegekompetenzzentrums in Syke heran und mühen sich ebenfalls mit der Zahnpflege ab. Mit den gleichen Schwierigkeiten wie der Landrat, denn auch sie sind auf einen Schlag alte Männer geworden.

Hintergrund dieser „Zeitreise“ ist eine Zusammenarbeit des Diakonischen Werkes und der BBS. Sie ist Teil der Woche der Diakonie, die gerade zuendegegangen ist, und soll vor allem Verständnis bei jüngeren Leuten wecken. „Das geschieht ganz in dem Gedanken: ,Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht über 1 000 Schritte in seinen Schuhen gegangen bist’“, erläutert Astrid Schlegel vom Diakonie-Ausschuss. Die Schüler der BBS, die sich für den Bereich Hauswirtschaft und Pflege entschieden haben, bekommen mithilfe von „Gert“ die Möglichkeit, mal für eine Weile in die „Haut“ von Senioren zu schlüpfen. „Gert“ ist der Name des Alterssimulators, der dem Pflegestützpunkt in Diepholz gehört.

„Oft sind junge Leute ungeduldig, wenn die alte Dame lange an der Kasse braucht, weil sie ihr Geld nicht findet, oder der alte Herr vor dem Regal fast verzweifelt, weil das Brot, das er immer kauft, heute woanders liegt“, erläutert Schlegel. Durch „Gert“ erfahren sie, wie eingeschränkt man plötzlich in seinen Bewegungen und seiner Wahrnehmung ist. Vieles, was für sie selbstverständlich ist, wird zur Herausforderung. Wie zum Beispiel der Gang in den Supermarkt. „Ich bin erledigt“, stöhnt Christina Reimann, als sie gemeinsam mit Sarah Marji vom Einkauf zurückkehrt. Die Hitze und das Gewicht von „Gert“ haben den beiden 17-Jährigen ordentlich zu schaffen gemacht.

Erfahrung nicht so schnell vergessen 

„Es ist echt anstrengend und macht einen richtig kaputt“, meint Sarah, die später mal Krankenschwester werden möchte. „Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer ist. Ich konnte nicht mal richtig gerade stehen.“ „Bei mir waren die Beine am schlimmsten“, berichtet ihre Klassenkameradin. „Ich konnte sie nicht richtig heben und die Füße schlurften über den Boden.“ Sie habe eine Tafel Schokolade mit gelber Verpackung kaufen sollen, doch durch die Brille seien plötzlich alle Tafeln gelb gewesen, so dass sie lange gebraucht habe, die richtige zu finden.

Trotzdem sind sich die Mädchen einig, dass die Simulation eine gute Erfahrung war, die sie nicht so schnell vergessen werden. Das hört Schlegel, die diese auch künftig für die Schüler im Fachbereich Hauswirtschaft und Pflege der BBS, anbieten möchte, gern: „Sie sollen merken, um wen sie sich später kümmern und sich in ihn hineinversetzen können. Dazu gehören ja nicht nur Senioren, sondern auch Menschen mit Körperbehinderungen. Dann werden sie auch geduldiger mit ihren Patienten sein.“

Sarah und Christina gehören zu einer von zwei Gruppen, die die Alterssimulation ausprobieren dürfen. Später werden sie eine Schülerfirma gründen und Produkte entwerfen, die älteren oder auch körperlich beeinträchtigen Menschen den Alltag erleichtern können. Die Simulation soll ihnen Impulse dafür geben.

Für ihre Leistung, bis zum Supermarkt und zurück gelaufen zu sein, ernten die Mädchen von den drei Männern ein anerkennendes „Wow“. Denn Bockhop, Burghardt und Schröder, die Katrin Moser schon scherzhaft „die Senioren-WG“ getauft hat, sind nach einem Gang die Treppe rauf und runter schon ziemlich geschafft. „Eigentlich habe ich keine Probleme mit Treppensteigen“, meint Bockhop, als er sich endlich von „Gert“ befreien darf. „Diese Erfahrung motiviert einen, sich gesünder zu ernähren und Sport zu treiben, um möglichst lange möglichst fit zu bleiben.“

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