Langjährige Stadtrat-Mitglieder gehen

„Wo sind die Jahre bloß geblieben?“

132 Jahre Kommunalpolitik haben aus eigenem Entschluss heute ihre letzte Ratssitzung. Von links: Renate Brüning, Wolfgang Reß, Brigitte Haase und Ludwig Stöver. - Foto: Jantje Ehlers

Syke - Von Michael Walter und Frank Jaursch. Wenn am Donnerstag um 19 Uhr der Stadtrat im Ratssaal zusammenkommt, wird es für eine ganze Reihe von Ratsdamen und -herren die letzte Sitzung sein. Die Kommunalwahl im September hat einige neue Personen ins höchste kommunalpolitische Gremium der Stadt gespült – und auch einige heraus. Vier langjährige Ratsmitglieder verlieren ihren Platz im Rat nicht durch Wählervotum, sondern aus eigenem Entschluss: Renate Brüning, Brigitte Haase, Wolfgang Reß und Ludwig Stöver haben nicht mehr kandidiert. Im gemeinsamen Gespräch mit der Kreiszeitung blicken sie auf ihre Zeit als Volksvertreter zurück.

132 Stadtrats-Jahre sitzen gemeinsam am Tisch. 15 Jahre oder drei Ratsperioden hat Wolfgang Reß als Vertreter von SykePlus hinter sich. Auf 30 Jahre im Rat kann Renate Brüning (CDU) zurückblicken. Volle 40 Jahre in der Kommunalpolitik hat Brigitte Haase (CDU) verbracht, und Stöver gestaltete gar 47 Jahre lang – seit 1969 – die Geschicke von Syke mit. Den größten Teil bei der SPD, zuletzt bei der BSF-Fraktion.

„Wo sind die Jahre bloß geblieben?“, fragt Brüning zu Beginn mit einem Lachen. Und die anderen bestätigen sie: Es kommt ihnen gar nicht so lange vor. Was daran liegen mag, dass Politik auch im Ehrenamt durchaus etwas mit viel Arbeit zu tun hat. Erst recht, wenn man – wie Brüning, Haase und Stöver – dem einen oder anderen Ausschuss vorsitzt. „Man muss sich unwahrscheinlich viel Zeit nehmen“, sagt Haase. „Weil man sich auf jedes Thema vorbereiten und über jeden einzelnen Tagesordnungspunkt genau Bescheid wissen muss.“

Für Brüning, Haase und Stöver lag der Entschluss aufzuhören nahe. „Wenn man 71 ist, macht man sich Gedanken, mal jüngeren Leuten Platz zu machen“, sagt Haase. Ähnlich sieht es Renate Brünung, und Ludwig Stöver hatte eigentlich schon vor fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antreten wollen, sich dann aber nochmal überreden lassen.

Bei Wolfgang Reß liegen die Dinge etwas anders: „Ich habe mich ein bisschen schwergetan“, sagt er. Aufhören sei rückblickend zwar genau die richtige Entscheidung gewesen. „Aber sie ist nicht so zügig gefallen.“

Eine ganze Gemengelage musste da zusammenkommen. Da wäre das Thema Freizeit und Urlaub und Reß’ Frau, die in den Ruhestand gegangen ist. Dann die fehlenden Nachrücker bei SykePlus. Und schließlich die Konkurrenz durch die Freie Wählergemeinschaft als Gegenpol zu den etablierten Parteien. Reß stand vor der Aussicht, die nächsten fünf Jahre als Einzelkämpfer im Rat zu verbringen. Und das kennt er schon, seit sich sein Fraktionskollege Christian Flor Anfang dieses Jahres der BSF-Fraktion angeschlossen hat.

„Als Einzelkämpfer kriegt man vieles nicht mehr so mit“, sagt Reß und erntet Zuspruch von Brigitte Haase: „Ich habe ihn die letzten Monate immer ein bisschen bedauert, weil ich weiß, wie schwierig das ist.“

Als Brigitte Haase ihre ersten politischen Gehversuche unternahm, war Willy Brandt noch Bundeskanzler. Als Ludwig Stöver anfing, war es Kurt Georg Kiesinger, und Ristedt war noch eine selbstständige Gemeinde. Wie hat sich die Kommunalpolitik seitdem verändert? „Kann ich Ihnen genau sagen“, antwortet Stöver wie aus der Pistole geschossen. „Die Anspruchshaltung in der Bevölkerung ist heute wesentlich höher als früher.“ Heißt? „Wenn man heute ‘ne Entscheidung trifft, wird man von Leuten, denen sie nicht gefällt, angepöbelt. Das hat es früher nicht so gegeben. Auch in den Sitzungen war es irgendwie uriger.“

Brigitte Haase hakt ein: „Der Rat hat ja früher noch in verschiedenen Kneipen getagt. Wir haben uns da auch gestritten. Aber hinterher haben wir immer noch zusammengesessen und miteinander geredet. Heute packt jeder seine Tasche und geht.“

„Diese gemütliche Phase habe ich nie erlebt“, sagt Wolfgang Reß. Als er mit SykePlus 2001 das erste Mal in den Rat einzog, sei ihm vielmehr „ein kalter Hauch aus fast allen Gruppen“ entgegen geweht. Aber nach nicht allzulanger Zeit habe sich ein respektvolles Miteinander eingestellt.

„Die politische Diskussion findet heute auf anderer Ebene statt“, ist für Brüning der gravierendste Unterschied zu früher. Sie bezeichnet das als „Kritik ablassen, ohne selber handeln zu wollen“ und nennt exemplarisch eine Diskussion auf Facebook: „Da schimpfen Leute, warum sie vor Ratsentscheidungen nicht gefragt worden sind, die ich noch nie auf irgendeiner Sitzung gesehen habe. Dabei steht der Weg, sich an Entscheidungen zu beteiligen, doch jedem offen.“

Das politische Interesse in der Bevölkerung ist durchaus vergleichbar mit den Verhältnissen vergangener Jahrzehnte, findet Brüning. Auch beim Nachwuchs: „Diese jungen Leute gibt es heute auch noch, die sich engagieren. Die zum Beispiel gegen TTIP oder CETA sind. Man muss sie nur finden, die sind sparsam gesät.“

Genau dafür seien etwa die Ortsräte ein gutes Mittel. „Sie sind eine Art Keimzelle für politisch Interessierte“, so Brüning. Und ein guter Einstieg für jene, denen die Arbeit im Stadtrat zunächst „zu groß“ sei, stimmt Brigitte Haase zu.

Die ausscheidenden „Veteranen“ jedenfalls haben ihre Entscheidung, sich politisch zu engagieren, nicht bereut. Ob sie es nochmal machen würden? Brigitte Haase schmunzelt. „Wenn ich 40 Jahre jünger wäre: sofort.“

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