Politiker erschrocken: Hälfte im Landkreis nicht schulfähig

Schon im Kindergarten dringend zum Therapeuten

17,1 Prozent der Fünftklässler im Landkreis Diepholz haben zuviele Pfunde auf den Rippen – fünf Mal mehr Förderschüler als Gymnasiasten sind von Übergewicht oder Fettleibigkeit betroffen, besagt eine Untersuchung des Gesundheitsamtes.
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17,1 Prozent der Fünftklässler im Landkreis Diepholz haben zuviele Pfunde auf den Rippen – fünf Mal mehr Förderschüler als Gymnasiasten sind von Übergewicht oder Fettleibigkeit betroffen, besagt eine Untersuchung des Gesundheitsamtes.

Syke - Von Anke Seidel. Das Entsetzen der Kreistagsabgeordneten war groß: Nur die Hälfte der Schulanfänger im Landkreis Diepholz ist ohne größere Bedenken schulfähig. Schon bei der Einschulung also tragen Jungen und Mädchen ein drückendes Handicap. „Ich bin erschrocken über diese Zahlen“, bekannte Michael Albers (SPD) als Vorsitzender des Fachausschusses für Jugend, Gesundheit und Soziales. Ebenso erging es Edith Heckmann (CDU).

Dass bereits 33,5 Prozent der Kinder schon vor der Einschulung Frühförderung, Krankengymnastik, Logopädie oder Ergotherapie erhalten, darüber zeigte sich Dietrich Struthoff (CDU) betroffen: „Es fließt viel Geld in solche Maßnahmen. Wird die Wirksamkeit auch mal überprüft – oder ist das alles für die Katz?“

Lesen Sie auch den Kommentar von Anke Seidel:

Entsetzen allein genügt nicht

Es waren erschreckende Zahlen, die Julia Steitz-Matiszik den Mitgliedern des Fachausschusses während der Beratungen im Syker Jobcenter präsentierte. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen hatte sie während der Schuleingangs-Untersuchung 2014/2015 rund 2000 Jungen und Mädchen im gesamten Landkreis untersucht. Immerhin 90 Prozent der Kinder haben laut Erhebung vor der Einschulung einen Kindergarten besucht – das drittbeste Ergebnis in 28 niedersächsischen Landkreisen und der Region Hannover. Doch wegen verschiedenster gesundheitlicher Störungen oder Belastungen (siehe Info-Kasten) stuften die Ärztinnen des Gesundheitsamtes nur die Hälfte aller untersuchten Kinder als uneingeschränkt schulfähig ein.

Lothar Plumhoff (CDU) tröstete sich damit, dass immerhin 25 Prozent der Kindergartenkinder mehrsprachig aufwachsen. Für Edith Heckmann war völlig unfassbar, warum so viele Schulanfänger unter Störungen leiden, wenn doch fast alle bereits einen Kindergarten besuchten, sprich professionell betreut wurden. Vor allem eine Frage brannte den Ausschussmitgliedern unter den Nägeln: Wie sollen die betroffenen Jungen und Mädchen den Sprung vom Kindergarten in die Schule meistern?

Zwischen den Erzieherinnen im Kindergarten und den Lehrkräften gebe es einen engen Kontakt, erläuterten die Mitarbeiterinnen des Kinder- und jugendärztlichen Dienstes im Gesundheitsamt. Das sogenannte Brückenjahr ermöglicht es den Kindergartenkindern, vor der Einschulung erste spielerische Erfahrungen in der Grundschule zu machen. Eine weitere Untersuchung der Kinder gibt es in der Grundschule nicht mehr – wohl aber in der Klasse fünf.

Diese Erhebung zeigte, dass sich der Anteil der übergewichtigen oder fettleibigen Kinder erhöht. Waren 7,7 Prozent der Schulanfänger zu dick, so waren es bei den Fünftklässlern bereits 17 Prozent – darunter zehn Prozent Adipös, also Fettleibige. Betroffenen sind vor allem Kinder der Förderschulen. Dort sind laut Untersuchung fünfmal soviele Kinder fettleibig wie an den Gymnasien. Besonders im südlichen Landkreis, so die Referentinnen aus dem Gesundheitsamt, sei die Zahl der übergewichtigen Kinder hoch. Und: Bei Schülern mit ausländischen Wurzeln liegt der Anteil der Adipösen bei 12,5 Prozent, bei deutschstämmigen bei 9,2 Prozent.

Besonders fit sind Gymnasiasten: 80,7 Prozent treiben außerhalb der Schule Sport, bei Förderschülern sind es nur 32,1 Prozent. Gymnasiasten hören auch besser. Nur 1,7 Prozent leiden laut der Erhebung unter Hörschäden, bei den Förderschülern sind es 7,1 Prozent. 15 Prozent aller untersuchten Schüler haben eine Sehstörung – nur 11,4 Prozent davon sind Gymnasiasten, aber 27,9 Prozent Hauptschüler. Und: 84,4 Prozent der Gymnasiasten frühstücken vor der Schule zuhause, aber nur 32,1 Prozent der Förderschüler. Zwei Drittel der Förderschüler kommen also ohne morgentliche Stärkung zum Unterricht.

Wie fit sind Schulanfänger?

  • 29 Prozent aller Schulanfänger haben Lücken bei den Vorsorgeuntersuchungen. Ihre Eltern haben sie also nicht immer dem Kinderarzt vorgestellt.
  • 34,2 Prozent haben Seh-Probleme, 15 Prozent von ihnen waren bereits in Behandlung.
  • 7,7 Prozent können nicht richtig hören.
  • ebenfalls 7,7 Prozent sind zu dick oder leiden an Fettsucht.
  • 17,5 Prozent sitzen mindestens eine Stunde lang vor dem Bildschirm des Fernsehers oder Computers.
  • 71 Prozent können nicht schwimmen.
  • 32,7 Prozent können nicht richtig balancieren (Schwierigkeiten mit der Ganzkörper-Koordination).
  • 32,8 Prozent können nicht richtig malen oder basteln (auffällige Feinmotorik).
  • 52 Prozent leiden unter Sprachfehlern (Lispeln, Stottern).
  • 34 Prozent zeigen Verhaltensauffälligkeiten wie Störungen der Aufmerksamkeit, der Konzentration, des Sozialverhaltens oder der Emotionen (Trennungsangst, Enthemmung).
  • 20,4 Prozent leiden unter psychosozialen Belastungen (Eheprobleme der Eltern, Ein-Eltern-Familie oder zerrüttete familiäre Verhältnisse).

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