Poetry Slammer Sven Kamin zieht Gymnasiasten mit Gedichten und Geschichten in den Bann / Lesung im Rahmen der Literaturwoche

Pirouette mit Bernadette

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Sven Kamin bei seinem Auftritt vor Syker Gymnasiasten in der Stadtbibliothek.

Von Frank Jaursch. Ein bisschen zurückhaltend, fast andächtig verhalten sich die rund 100 Gymnasiasten an diesem Dienstagvormittag in der Stadtbibliothek. So ein rechter Dialog will nicht zustande kommen. Dabei steht dort vorne eigentlich einer von ihnen: Sven Kamin kommt ursprünglich aus Barrien, hat selbst 1998 in Syke sein Abitur gemacht. Heute ist der 36-Jährige ein renommierter Poetry Slammer – einer der modernen Dichter, die sich auf Wettbewerben vorm johlenden Publikum ihre Werke verbal um die Ohren hauen.

In jeder Syker Literaturwoche ist auch Platz für eine Schullesung, sagt Jutta Behrens. Diesmal hat sich die Leiterin der Bibliothek für die Gymnasiasten entschieden. Sie kommen rund 90 Minuten lang in den Genuss der temporeichen Kaminschen Wortakrobatik.

„Was ist eigentlich Poetry Slam?“, fragt Kamin. Mit dem Begriff können die meisten etwas anfangen. Irgendwie. Das Besondere bei diesem Dichterwettstreit, so erklärt Kamin: „Das Publikum kann sich wehren.“ Mit mehr oder weniger Applaus, vor allem aber mit Wertungstafeln zwischen 1 und 10.

Anschließend gibt Kamin Kostproben seines Könnens. Mal banal, mal tiefgründig. Die Schüler merken schnell: Da steht ein Könner vor ihnen. „Man hat nur seinen Körper und seine Stimme“, sagt Kamin zur Poetry-Kunst auf der Bühne. Beides setzt er ausgiebig ein – gleich zu Beginn etwa, beim schon legendären Gedicht vom Scheibenwischer, als aus den ausladenden Wischbewegungen – „heyyy hooo“ – ein Tanz wird.

Schnell wird deutlich, wie wichtig vor allem der Rhythmus in den Vorträgen ist: Mit seinen Werken ist Kamin oft viel näher am Sprech-Gesang, als man vorher vermutet hätte. Die meisten seiner Werke hat Kamin ins Korsett von Reimen und Versmaßen gepresst – und das so gelungen, dass die zum Teil komplexen Texte erstaunlich schnell ins Ohr gehen.

Wie ein Besuch in Großenkneten („ein Ort, so ein bisschen wie Twistringen“), der sich nachhaltig in sein Gedächtnis eingebrannt zu haben scheint. „Kommst du je nach Großenkneten, dann rat ich dir, fang an zu beten“, mahnt er. Sein Kneipenbesuch und der Disput mit den Platt schnackenden Eingeborenen enden fast mit Schlägen. Und die vermeintliche Rettung durch die rothaarige Bernadette wird zum nächsten Horrortrip: Das Zwei-Meter-Weib mit Beinen wie Baumstämmen krallt sich den kleinen Sven zum „Danz op de Deel“ – um ihn zur Pirouette zu zwingen und letztlich, einer Hammerwerferin gleich, aus der Kneipe zu schleudern.

Die Liebe zum Wort treibt vielfältige und auch schon mal absurde Blüten. In der „Gedichtanalyse“ ist ein Gedicht zu Tode zerpflückt worden – und rächt sich nachts auf grausame Weise.

In einem weiteren Gedicht findet er sich im Zwiegespräch mit Goethe und Heine. Er erkennt, dass eigentlich alles Wichtige schon geschrieben wurde von den „alten Meistern“. Dennoch: „Andere Zeiten brauchen andere Worte“, findet Kamin.

Und beweist es: Eineinhalb Stunden verfolgen die Schüler aufmerksam die Präsentation moderner Literatur. Nachdenkliche Texte über eine Frau, die sich an einem schweren Unfall ins Leben zurück kämpft. Oder das bedrückende „Mir wird kalt“ über Profitstreben und gesellschaftliche Kälte.

„Die ernsten Texte“, erklärt Kamin, „liegen mir meist mehr am Herzen.“ Doch das sei so eine Sache beim Poetry Slam. Denn lustig kommt oft besser beim Publikum an. „Einen guten lustigen Text kann man nur mit einem sehr, sehr guten ernsten Text schlagen.“

Den Reiz macht auch da der richtige Mix aus. Und da hat Sven Kamin eben eine ganze Menge zu bieten.

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